Bildnachweis: IQM Quantum Computers.
Dem globalen Markt für Quantencomputing wird eine große Zukunft vorausgesagt. Von 5,3 Mrd. EUR (2025) soll die Nachfrage Marktforschern zufolge bis 2033 auf über 52,8 Mrd. EUR steigen. Das Marktwachstum wird dabei maßgeblich durch die steigende Nachfrage nach Rechenkapazitäten im Zuge von Digitalisierung und dem weltweiten KI-Boom getragen. Auch wenn die meisten Quantencomputing-Firmen in Nordamerika beheimatet sind, ist mit dem finnisch-deutschen Unternehmen IQM Quantum Computers ein heimlicher Star der Szene in Europa entstanden. Und der geht nun via SPAC an den Kapitalmarkt. Am heutigen 25. Juni soll die Hauptversammlung des US-SPAC Real Asset Acquisition Corp. (WKN: A414WM, ISIN KYG739441031, kurz „RAAQ“, Handel auch an der Börse Stuttgart) final die Fusion beschließen. Mit einem Börsenwert von rund 1,8 Mrd. EUR findet die Handelsaufnahme voraussichtlich Anfang Juli 2026 statt. RAAQ-Aktien werden zuvor 1:1 in IQM ADS umgetauscht. Von Markus Rieger
Das finnische Unternehmen IQM Quantum Computers, gegründet 2018 u.a. vom heutigen CEO Jan Goetz (Hauptsitz Espoo, Finnland), entwickelt, produziert und betreibt supraleitende Quantenprozessoren im Full-Stack-Ansatz – von der eigenen Chipfabrik über die Assemblierung bis hin zum eigenen Rechenzentrum. IQM ist auf On-Premises-Systeme spezialisiert: Kunden kaufen oder betreiben Quantencomputer vor Ort. Anders als viele Anbieter, die primär Cloud-Zugang bereitstellen, setzt IQM auf den Betrieb vor Ort.
Technologie und Geschäftsmodell

Technologisch setzt IQM auf seine proprietäre „Star“-Topologie – eine Architektur, die über einen zentralen Resonator All-to-All-Konnektivität ermöglicht und sich damit von den üblichen Gitter-Layouts anderer supraleitender Plattformen unterscheidet. Im November 2025 brachte IQM die Produktlinie „Halocene“ auf den Markt: ein modulares On-Premises-System mit bis zu 150 Qubits und Unterstützung für bis zu 5 logische Qubits sowie einer Zwei-Qubit-Gate-Fidelity von 99,7 %. Laut Unternehmensangaben plant IQM für eine künftige Generation Systeme mit über 1.000 Qubits. Das Geschäftsmodell ist vertikal integriert: Von der Chip-Entwicklung über eine eigene Chipfabrik bis hin zu Hardware, Software und einer Cloud-Plattform (IQM Resonance) stammen alle wesentlichen Komponenten aus dem eigenen Haus.
Wirtschaftliche Erfolge
Mit 23 verkauften Systemen an 13 Kunden (Stand Juni 2026) hat IQM 18 On-Premises-Quantencomputer ausgeliefert – laut eigenen Angaben die größte öffentlich kommunizierte Anzahl ausgelieferter On-Premises-Systeme im Vergleich zu den Wettbewerbern wie IBM, D-Wave, Pasqal oder Rigetti. Zu den Kunden zählen vier der weltweit größten Supercomputing-Zentren, darunter das Leibniz-Rechenzentrum in München (seit Februar 2026 operativ, erster EuroHPC-geförderter Quantencomputer Europas), das italienische CINECA in Bologna (54-Qubit-System „Radiance“, integriert mit dem Leonardo-Supercomputer) und CSC LUMI / VTT Finland (150-Qubit-Lieferung Mitte 2026, 300-Qubit-System für Ende 2027 angekündigt). Im April 2026 verkündete IQM erstmals den Verkauf eines Systems an ein privates Unternehmen in Polen. Der IQM-Jahresumsatz 2025 lag laut SEC-Unterlagen bei rund 31,7 Mio. EUR.
572 Mio. EUR Wachstumsfinanzierung; Top-Investoren an Bord

Bis heute hat IQM Quantum Computers in rund zehn Finanzierungsrunden nach eigenen Angaben rund 572 Mio. EUR an Wachstumskapital eingeworben. Die größte Kapitalrunde der Firmengeschichte war die Series-B-Runde von September 2025 im Umfang von rund 282 Mio. EUR. Angeführt wurde diese Rekordrunde – die größte im Quantenbereich außerhalb der USA – vom US-Investor Ten Eleven Ventures. Es folgte noch eine weitere Growth-/Debt-Finanzierungsrunde über ca. 51 Mio. EUR, bereitgestellt von Fonds unter der Verwaltung von BlackRock. Zu den fast 30 Investoren von IQM gehören absolute Top-Adressen wie die drei größten Pensionsfonds in Finnland (Ilmarinen, Varma, Elo), der European Innovation Council (EIC), die Schwarz Group, der finnische Staatsfonds Tesi oder mit Athos KG das Family Office der Strüngmann-Brüder. Weitere deutsche Investoren sind der in München ansässige World Fund, MIG Capital oder Bayern Kapital.
Interessant ist ebenfalls die Besetzung des Managementteams mit Jan Goetz (Gründer und CEO) sowie Sierk Poetting als Vorsitzender des Verwaltungsrates. Sierk Poetting ist zugleich COO bei BioNTech und damit erfahrend mit einem Listing in den USA.
Fusion mit RAAQ und SPAC-Börsengang
Am 23. Februar 2026 gaben IQM und der US-SPAC Real Asset Acquisition Corp. (WKN: A414WM, ISIN KYG739441031,im Folgenden „RAAQ“) eine Fusionsvereinbarung bekannt. Die Transaktion bewertete IQM pre-money mit rund 1,58 Mrd. EUR. Nach Abschluss der Fusion sollen American Depositary Shares (ADS) an der Nasdaq notieren (ein Zweitlisting an der Nasdaq Helsinki ist ebenfalls geplant). Die SEC erklärte die Registrierung gemäß des sog. „F4-Dokuments“ am 5. Juni für wirksam, die außerordentliche RAAQ-Hauptversammlung findet am 25. Juni statt. Letzter Tag zur Ausübung des Redemption-Rechts (Rückgabe der Aktien an den SPAC-Trust, Rückzahlung aus dem Treuhandkonto) zum Preis von ca. 9,11 EUR war bereits der 22. Juni. Die Höhe der Redemption wird spätestens im Rahmen der RAAQ Gesellschafterversammlung am 25.06.2026 berichet. Da Investoren, die gegen die Verschmelzung sind, entweder ihre Anteile vor der Hauptversammlung verkauft oder zurückgegeben haben, ist normalerweise der Hauptversammlungsbeschluss zur Fusion sicher. Im Anschluss folgt der Umtausch: Je RAAQ-Aktie erhält jeder Aktionär einen IQM American Depositary Share (ADS). Die IQM ADSs werden voraussichtlich ab Anfang Juli unter dem Ticker-Symbol „IQMX“ an der NASDAQ gehandelt werden. Bereits seit einigen Wochen kann man die – zur Umwandlung zur IQM anstehenden – RAAQ-Aktien bereits an der Börse Stuttgart handeln. Bestehende IQM-Aktionäre verkaufen nach Unternehmensangaben im Rahmen der Transaktion keine Anteile. Wesentliche Aktionäre haben Lock-up-Vereinbarungen unterzeichnet.
Eigentümer- und Finanzierungsstruktur nach Listing
Sollten keine Aktienrückgaben durch RAAQ-Aktionäre erfolgen, ist folgende künftige Eigentümerstruktur bei IQM zu erwarten: Von den insgesamt 192,2 Mio. ADS hielten die bestehenden IQM-Aktionäre rund 81,1 %, öffentliche RAAQ-Aktionäre 9,0 %, neu hinzukommende PIPE-Investoren 7,6 % und „RAAQ-Insider“ wie Direktoren des SPAC sowie Berater rund 2,3 %. IQM als erstes börsennotiertes europäisches Quantencomputing-Unternehmen zeigt sich auch gut finanziert: Dem Scale-Up stehen laut Unternehmensangaben 419,8 Mio. EUR Cash an Wachstumskapital zur Verfügung. Davon stammen rund 152,4 Mio. EUR aus dem RAAQ-Trust, 128,5 Mio. EUR aus einer PIPE-Finanzierung, sowie 138,9 Mio. EUR aus den bestehenden IQM-Barmitteln (aus früheren Finanzierungsrunden).
Aktienbewertung
Die Bewertung von neuen Technologien und Deep-Tech-Unternehmen ist generell ein schwieriges Unterfangen. Nimmt man einen Aktienkurs der mit dem RAAQ-SPAC fusionierten IQM Quantum Computers-ADS von 10–11 USD an – zu dieser Bewertung kann man aktuell RAAQ-Aktien an der Börse kaufen – ergibt sich ein Unternehmenswert von rund 1,8 Mrd. EUR. Dafür erhält man die für einen Wert von 1,6 Mrd. EUR in den SPAC eingebrachte IQM plus einen soliden Cash-Bestand in Höhe von rund 419,8 Mio. EUR. Vergleicht man diese Bewertung mit rund 31,7 Mio. EUR Umsatz 2025, scheint die Bewertung mit dem etwa 55-fachen des Umsatzes hoch. Sieht man sich zum Beispiel die börsennotierten „Pure-Play-Aktien“ IonQ (ISIN US46222L1089, Börsenwert 12,4 Mrd. EUR), D-Wave Quantum (ISIN US26740W1099, 6,2 Mrd. EUR) oder Rigetti Computing (ISIN US76655K1034, 4,8 Mrd. EUR) an, erscheint die IQM-Aktie günstig. Alle drei Unternehmen kamen 2025 zusammen gerade einmal auf rund 35,2 Mio. EUR Jahresumsatz.
Fazit

Autor/Autorin
Markus Rieger ist Gründer und Vorstand der GoingPublic Media AG. Als „Brückenbauer“ zwischen Unternehmen und Investoren gehört er auch zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de) und ist gelegentlich als Autor von Analysen und Beiträgen tätig.





