Quantencomputer gelten als strategische Schlüsseltechnologie für Forschung, Industrie und Sicherheit. Das finnisch-deutsche Unternehmen IQM Quantum Computers will aus Europa heraus in diesem globalen Rennen mitspielen. Nach der vollzogenen Fusion mit dem US-SPAC RAAQ ist Handelsstart für die IQM-Aktie (Tickersymbol IQMX) an der US-Technologiebörse Nasdaq der heutige 2. Juli (GoingPublic berichtete bereits ausführlich). Bereits seit einiger Zeit wird die RAAQ-Aktie (WKN A414WM) auch an der Börse Stuttgart gehandelt, so dass man angesichts der bevorstehenden Wandlung im Verhältnis 1:1 auch jetzt schon in IQM investieren kann. GoingPublic sprach mit Gründer und CEO Dr. Jan Goetz sowie CFO Jan Kürschner unter anderem darüber, warum IQM nicht nur forscht, sondern bereits liefert und weshalb der Markt gerade erst entsteht.
GoingPublic: IQM Quantum Computers bewegt sich in einem hochkomplexen Technologiefeld. Jan (Goetz), wie erklärst Du einem Normalbürger und Anleger in wenigen Worten, was Quantencomputing eigentlich ist?
Jan Goetz: Wie das Wort schon sagt: Es ist Computing. Man löst Probleme mit einer Rechenmaschine. Aber es ist Quantum. Anstatt Transistoren in herkömmlichen Prozessoren nutzen wir Quantentransistoren. Diese folgen einer anderen Logik und diese Logik ist so viel kraftvoller, dass man damit Probleme lösen kann, die wir mit klassischen Rechnern nie lösen werden.
Es geht also nicht darum, Dinge nur etwas schneller oder billiger zu rechnen. Im Kern geht es darum, Probleme zu lösen, die klassischen Computern verschlossen bleiben – mit Anwendungen in Wissenschaft, Wirtschaft und sicherheitsrelevanten Bereichen.
Welche Probleme sind das konkret?
Jan Goetz: Ein sehr anschauliches Beispiel ist die Simulation von Molekülen und Materialien. Ein Quantencomputer ist selbst ein Quantensystem. Deshalb kann er andere Quantensysteme gut simulieren. Das ist für die Pharmaindustrie interessant, etwa bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe. Es ist aber auch für Materialien relevant, zum Beispiel für Batterien. Wir haben etwa mit Volkswagen an Batterieentwicklung gearbeitet, also an Fragen wie effizienterem Laden, Materialverhalten und Leistungsfähigkeit.
Dann gibt es Optimierungsprobleme. Die finden Sie in nahezu jeder Industrie: Zum Beispiel in der Finanzindustrie mit Optionspreismodellen und Risikoanalysen, aber auch bei Lieferketten, Verkehrsflüssen etc. Und natürlich ist auch die Verbindung mit künstlicher Intelligenz sehr spannend. Es gibt Quantenalgorithmen, die maschinelles Lernen beschleunigen können, oder Ansätze, mit Quantencomputern synthetische Daten für das Training von Modellen besser zu erzeugen.
Ist denn heute schon erwiesen, dass sich diese Technologie durchsetzen wird?
Jan Goetz: Die Theorie ist klar. Auf dem Papier funktioniert es, und es gibt einen technologischen Weg dahin. Alles, was technologisch möglich ist, wird irgendwann auch passieren. Allein das Thema Code-Breaking wird dafür sorgen, dass Regierungen diese Technologie bis zum Ende vorantreiben.
Das ist allerdings nicht die Geschichte, die uns am meisten begeistert. Uns begeistern die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Use Cases. Die entscheidende Frage ist nicht: Kann es technisch passieren? Sondern: Schaffen wir es, das Ganze auf einem kommerziell sinnvollen Niveau hinzubekommen? Riesige wissenschaftliche Maschinen kann man bauen, Teilchenbeschleuniger gibt es ja auch. Aber das sind keine kommerziellen Produkte. Für ein Unternehmen wie IQM geht es darum, Produkte zu bauen, bei denen Preis, Betrieb und Nutzen zusammenpassen.
Wie sieht ein solches Produkt bei IQM aus?
Jan Kürschner: Wir bauen Quantencomputer und verkaufen sie an Rechenzentren. Daneben betreiben wir eigene Systeme und bieten Rechenzeit über die Cloud an, etwa über Amazon Web Services. Langfristig werden auch Anwendungen und Algorithmen eine Rolle spielen.
Viele Quantenunternehmen sprechen noch stark über Forschung. IQM verweist dagegen auf verkaufte und ausgelieferte Systeme. Wie weit seid Ihr tatsächlich?
Jan Kürschner: Wir haben 23 Systeme verkauft und 18 ausgeliefert; insgesamt wurden bereits über 30 Systeme gebaut. Entscheidend ist die Auslieferungsfähigkeit: Ein Laborsystem mit drei Physikern daneben ist etwas anderes als ein Quantencomputer, der im Rechenzentrum 24/7 zuverlässig laufen muss. Genau hier sehen wir uns sehr gut positioniert.
Wie muss man sich die Integration eines Quantencomputers in ein Rechenzentrum vorstellen?
Jan Goetz: Moderne Rechenzentren funktionieren wie ein Orchester. Es gibt verschiedene Instrumente, und jedes spielt den Teil, den es am besten kann. Ein Problem wird segmentiert: Bestimmte Teile laufen auf Grafikprozessoren, andere auf klassischen Prozessoren, wieder andere auf Quantencomputern. Wir bringen unseren Quantencomputer buchstäblich neben die bestehenden Systeme im Rechenzentrum und arbeiten mit den Kunden an der Integration, auch auf Softwareebene. Dafür braucht man offene, modulare und transparente Systeme, damit Kunden die Technologie wirklich nutzen können.
Quantencomputer werden bei extrem tiefen Temperaturen betrieben. Ist das im Rechenzentrum ein praktisches Hindernis?
Jan Goetz: Unsere Chips arbeiten im Millikelvin-Bereich, also nahe am absoluten Nullpunkt. Die dafür nötigen Kühleinheiten sind heute kommerziell verfügbar. Für ein Rechenzentrum braucht es im Wesentlichen Strom, Kühlwasser, Netzwerkanschluss und Platz – keine exotische Zusatzinfrastruktur.
Was kostet ein solches System und wie sieht es beim Stromverbrauch aus?
Jan Goetz: Die kleinsten Systeme beginnen bei rund 1 Mio. EUR. Je nach Projekt kann es aber auch in den zweistelligen Millionenbereich gehen. Im Vergleich zu großen Anschaffungen in Rechenzentren ist das immer noch überschaubar.
Beim Stromverbrauch liegen unsere Systeme im Dauerbetrieb ungefähr bei 20 bis 30 Kilowatt. Große Rechenzentren verbrauchen 20, 30 oder teilweise 100 Megawatt. Natürlich verbrauchen auch Quantencomputer Strom, aber im Vergleich zur Gesamtinfrastruktur eines Rechenzentrums ist das eine andere Größenordnung.
IQM ist nach dem erfolgten Zusammenschluss mit dem US-SPAC Real Asset Acquisition Corp.(RAAQ) ab heute an der Nasdaq notiert. Nimmt man den RAAQ-Kurs als Maßstab, könnte die Bewertung Eures Unternehmens bei rund 2 Mrd. USD liegen. Warum ist der Kapitalmarkt für Euch jetzt wichtig? Sind weitere Kapitalmaßnahmen bereits geplant?
Jan Kürschner: Forschung ist teuer, Wissenschaft ist teuer, und Skalierung ist teuer. Wir nehmen so viel Kapital, wie wir bekommen können und brauchen, um möglichst schnell das zu tun, was wir uns vorgenommen haben. Andere investieren Milliardenbeträge pro Jahr in dieses Thema. Die Stärke eines Start-ups ist, dass man Ziele agiler und kapitaleffizienter erreichen kann als große Tanker.
Für uns ist wichtig, gezielt in die besten Köpfe und in Technologie zu investieren. Wenn wir auf der Technologieseite einen Durchbruch erzielen und mit deutlich weniger Qubits die gleiche Rechenleistung erzeugen können, wirkt sich das direkt auf Kapitalbedarf, Komplexität und Produktionsaufwand aus. In diesem Sinne sehen wir uns eher als Schnellboot im Vergleich zum großen Tanker.
Wo steht IQM im Wettbewerb mit US-Unternehmen wie IBM, Google, Rigetti oder IonQ?
Jan Goetz: Es gibt im Prinzip drei Kategorien. Erstens die großen Tech-Konzerne wie Google oder IBM. Zweitens Pure-Play-Scale-ups wie wir, Rigetti Computing oder IonQ, wobei die Basistechnologien unterschiedlich sein können. Drittens gibt es eine ganze Reihe von Followern, auch in Europa.
Wichtig ist: Ich glaube nicht, dass Quantencomputing ein Winner-takes-all-Markt wird. Es wird wahrscheinlich einige große dominante Spieler geben. Unser Anspruch ist, einer davon zu sein. Es ist ein Marathon, kein Sprint. Dieses Rennen wird über viele Jahre und Jahrzehnte laufen.
Was ist Euer USP?
Jan Goetz: Sicherlich die Technologie. Wir wollen bei jeder Prozessorgeneration ganz vorne mit dabei sein. Traditionell sind wir sehr stark bei der Performance der Chips, die wir in unsere Computer verbauen. Wir sehen uns als Full-Stack-Integrator, aber das Herz ist der Prozessor.
Man kann sich das ein bisschen wie früher in der deutschen Autoindustrie vorstellen: Bei BMW war das Herz der Motor. Viele andere Teile kamen von Zulieferern. Bei uns ist das Herz der Quantenprozessor. Dort entsteht die entscheidende Innovation. Gleichzeitig geht es darum, das Ganze zu kommerzialisieren und in Produkte umzusetzen. Also nicht nur ein System im Labor zu bauen, sondern es in Rechenzentren auszuliefern, zu betreiben und in bestehende IT-Umgebungen zu integrieren.
Welche Rolle spielt dabei Europa?
Jan Goetz: Beim Quantencomputing ist der Zug für Europa noch nicht abgefahren. Für mich ist das eine Herzensangelegenheit. Ich möchte zeigen, dass nicht alles schon verloren ist und dass man auch aus Europa heraus in einem globalen Tech-Race ganz vorne mitspielen kann.
Als ich nach meiner Promotion in Europa bleiben wollte, war die Frage: Wo gibt es das stärkste Ökosystem? Finnland hat Quantentechnologien über viele Jahre strategisch aufgebaut. Das ist bevölkerungsmäßig ein kleines Land, aber gerade deshalb sehr fokussiert.
Deutschland neigt manchmal zum Gießkannenprinzip. In Finnland hat man gesagt: Quantentechnologien sind eine strategische Kategorie, da gehen wir gezielt hinein. Dieses Ökosystem war ein Grund, warum ich nach Finnland gegangen bin. Gleichzeitig war IQM von Anfang an international gedacht. Schon in der Seed-Finanzierung kam ein großer Teil des Kapitals aus München, unter anderem über die MIG Fonds. Daraus entstand auch die deutsch-finnische Geschichte von IQM.
Was ist eure persönliche Vision für IQM?
Jan Goetz: Das Wissenschaftlerherz in mir ist nie weggegangen. Meine Vision ist, Computer oder Rechenmaschinen zu bauen, die niemand zuvor gebaut hat und zu sehen, was man damit möglich machen kann. Also Türen in Welten zu öffnen, in die wir sonst nicht hineinkommen.
Heute sehe ich meine Rolle stärker als Enabler. Ich mache nicht mehr selbst Wissenschaft im Labor, sondern versuche, ein Team aufzubauen, das wirklich outstanding ist. Die Leute sind typischerweise schlauer als ich und können die Wissenschaft besser. Meine Aufgabe ist, ihnen die Möglichkeit zu geben, diese Computer zu bauen. Gleichzeitig ist klar: Wir müssen eine erfolgreiche Firma aufbauen. Denn wenn die Firma nicht erfolgreich ist, können wir auch die Computer nicht bauen.
Vielen Dank für die interessanten Einblicke. Wir werden die IQM-Story und natürlich auch die Aktie ab heute intensiv verfolgen!
Das Interview führten Markus Rieger und Eva Rathgeber.
ZU DEN INTERVIEWPARTNERN
Dr. Jan Goetz ist Mitgründer und CEO von IQM Quantum Computers. Er studierte Physik an der Technischen Universität München, wo er im Bereich Tieftemperaturforschung promovierte. Nach seiner Promotion ging er nach Finnland an die Aalto University, eines der führenden europäischen Ökosysteme für Quantentechnologien. 2018 gründete er IQM mit dem Ziel, aus Europa heraus einen weltweit führenden Anbieter von Quantencomputern aufzubauen. IQM hat seinen Hauptsitz in Espoo, Finnland, und ist unter anderem auch mit einer Niederlassung in München präsent.
Jan Kürschner ist Chief Financial Officer (CFO) von IQM Quantum Computers. In dieser Rolle verantwortet er die Bereiche Finanzen, Recht, Compliance und Qualitätsmanagement. Vor seiner Zeit bei IQM war er unter anderem bei BioNTech SE und JenaValve Technology tätig. IQM hat seinen Hauptsitz in Espoo, Finnland, und ist unter anderem auch mit einer Niederlassung in München präsent.






