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Deutschland setzt – man möchte meinen plötzlich und unerwartet – auf die Kraft der Kapitalmärkte. Mit dem Altersvorsorgedepot öffnet der Gesetzgeberdie staatlich geförderte Altersvorsorge erstmals konse­quent für Aktienfonds und ETFs. Garantien treten in den Hintergrund, Renditechancen gewinnen an ­Bedeutung. Für Sparer, Finanzbranche und Kapitalmarkt könnte die Reform zum größten Umbruch der privaten Altersvorsorge seit Jahrzehnten werden. Und zu einem „Booster“ für die Aktienkultur insgesamt! Von Christian Euler

Der Artikel ist auch das Titelthema von GoingPublic 2/26!


Der 8. Mai ist ein Datum von besonderer historischer Bedeutung. Am 8. Mai 1945 endete mit der Kapitulation des Deutschen Reichs der Zweite Weltkrieg in Europa. Sieben Jahrzehnte später dürfte derselbe Kalendertag zwar keine vergleichbare historische Tragweite entfalten, für Millionen deutsche Sparer könnte er dennoch einen Wendepunkt markieren. Denn mit der Zustimmung des Bundesrats am 8. Mai 2026 wurde das ­Altersvorsorge-Reformgesetz (AVRG) endgültig verabschiedet.

Neue Ära und viel Lob für den Gesetzgeber

Befürworter sehen darin nicht weniger als den Einstieg Deutschlands in eine neue Ära der kapitalgedeckten Altersvorsorge: einfacher, kostengünstiger und deutlich stärker am Kapitalmarkt orientiert. Für die Finanz­­branche eröffnet sich ein Milliardenmarkt, für Sparer die Aussicht auf höhere Vermögen im Alter und die jahrzehntelang gesuchte Antwort auf die Frage nach der Füllung der „Rentenlücke“. Zugleich könnte die Reform die Aktienkultur stärken und dem deutschen Kapitalmarkt neuen Schwung geben.

 

 

Dr. Hendrick Leber, Gründer, Acatis Investments, Foto: © Acatis Investments

„Die gesetzliche Rente allein reicht nicht mehr aus. Das Altersvorsorgedepot schafft eine moderne und effiziente Alternative für die Zukunft“, bringt Dr. Hendrik Leber, seit 2019 einer der Vordenker und Initiatoren von Begriff und Grundkonzept des Altersvorsorgedepots (siehe auch www.altersvorsorgedepot.de), den Anspruch der Reform auf den Punkt. „Das Altersvorsorgedepot wird die dritte Säule deutlich stärken und fruchtbar sein auch für den deutschen Kapitalmarkt und die Kapitalmarktbildung der Bevölkerung“, ist der Gründer des Frankfurter Fondshauses Acatis Invest­ment überzeugt.

Dr. Andreas Beck, Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau, verweist dabei gegenüber GoingPublic auf internationale Erfahrungen: „Das Altersvorsorgedepot gibt es in anderen Ländern in ähnlicher Form schon sehr lange. Es hat sich dabei gezeigt, dass die Anleger sehr gute Entscheidungen fällen, Lösungen mit hoher Aktienquote wählen und auf sinnlose, weil teure Garantien verzichten.“ Thomas Richter, Geschäftsführer des Fondsverbands BVI, spricht von einem „epochalen Neustart für die private Altersvorsorge“. Erstmals seien Fonds in der geförderten privaten Altersvorsorge den Versicherungen gleichgestellt.

Die neue Architektur der Altersvorsorge

Mit dem AVD – wie es in der Branche ­genannt wird – vollzieht der Gesetzgeber einen Paradigmenwechsel in der privaten Altersvorsorge. Was die Riester-Rente ausgebremst hat, soll das Altersvorsorgedepot hinter sich lassen: hohe Kosten, starre Regeln und renditemindernde Garantien. Stattdessen setzt die Reform auf Einfachheit, Flexibilität und die langfristige Kraft der Kapitalmärkte.

Anleger können grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Depotmodellen wählen.

  • Das Standarddepot richtet sich vor ­allem an Sparer, die ihre Altersvorsorge nicht selbst steuern möchten. Die Anlage erfolgt automatisiert innerhalb klarer gesetzlicher Leitplanken: Das eingezahlte Kapital wird auf zwei Fonds mit unterschiedlicher Risikostruktur verteilt. Ein Kostenlimit von maximal 1 % soll die ­Gebühren begrenzen. Nähert sich die Auszahlungsphase, wird das Vermögen schrittweise in eine risikoärmere Anlage umgeschichtet, um das aufgebaute Kapital zu stabilisieren.
  • Das individuelle Altersvorsorgedepot richtet sich an Anleger, die ihre Vorsorge aktiv selbst gestalten möchten. Sie können innerhalb des gesetzlich vorgegebenen Anlageuniversums eigenständig Fonds, ETFs und Anleihen bis hin zu alternativen Investmentfonds, die etwa in Rohstoffe, Immobilien oder Hedgefondsstrategien investieren, auswählen und ihre Strategie flexibel bestimmen. Ausgeschlossen bleiben Anlagen wie Einzelaktien, Zertifikate oder Kryptowährungen – der Fokus liegt auf breit gestreuten und langfristig ausgerichteten Investments.

Ebenfalls möglich: ELTIFs

Ebenfalls zugelassen sind European Long-Term Investment Funds (ELTIFs), deren ­Kapital in nicht börsennotierte Anlagen fließt – etwa Infrastrukturprojekte, Unternehmensbeteiligungen oder Kreditstrukturen. Die Produkte sind weder auf deutsche Wertpapiere beschränkt noch an eine Verwaltung aus Deutschland gebunden.

Staatliche Förderung in Zahlen

Nicht nur die Anlage, auch die Förderung wird grundlegend neu geordnet. Das Prinzip ist bewusst einfach gehalten: Wer einzahlt, erhält staatliche Unterstützung. Für die ersten 360 EUR Eigenbeitrag pro Jahr gewährt der Staat einen Zuschuss von 50 %, für darüber hinaus gehende Einzahlungen bis zu einem Eigenbeitrag von 1.800 EUR noch einmal 25 %. Auch höhere Einzahlungen sind möglich: Bis zur Höchstgrenze von 6.840 EUR pro Jahr bzw. 570 EUR ­monatlich können zusätzliche Beiträge in das Altersvorsorgedepot fließen. Zwar entfällt für den über die geförderten 1.800 EUR hinausgehenden Betrag die staatliche Zulage, dennoch profitieren diese Einzahlungen von einer steuerlich privilegierten Behandlung und können ungeschmälert am Kapitalmarktwachs­tum partizipieren.

In der Summe sind staatliche Zulagen von bis zu 540 EUR jährlich möglich. Familien werden zusätzlich berücksichtigt: Pro Kind (unter 25) gibt es eine Kinderzulage von bis zu 300 EUR im Jahr. Für junge Menschen unter 25 Jahren kommt ein einmaliger Berufseinsteigerbonus in Höhe von 200 EUR hinzu. Neben Angestellten und Beamten profitieren künftig auch Selbstständige und Freiberufler von den staatlichen Zulagen. Damit wird eine Gruppe von rund vier Millionen Menschen einbezogen, die in der bisherigen geförderten Altersvorsorge weit­gehend außen vor blieb.

Steuervorteile als Renditetreiber

Wie schon bei der Riester-Rente bleiben die Beiträge in der Ansparphase von Vorabpauschalen für thesaurierende Fonds und ETFs sowie Abgeltungsteuer befreit. Erst in der Auszahlungsphase unterliegen auch die ungeförderten Einzahlungen der Besteuerung – jedoch nur eingeschränkt. Voraussetzung ist, dass zwischen Einzahlung und Auszahlung mindestens zwölf Jahre liegen und die Auszahlung frühestens ab dem 62. Lebensjahr erfolgt. In diesem Fall wird lediglich die Hälfte der erzielten Gewinne mit dem persönlichen Steuersatz besteuert (Halbeinkünfteverfahren). Dieser liegt im Ruhestand typischerweise deutlich unter dem Niveau der aktiven Erwerbsphase.

Beispielrechnung

Für einen beachtlichen Vermögensaufbau muss es nicht gleich der maximale Sparbetrag sein. Angenommen, ein 1992 geborener Familienvater (siehe Abb. 3) zahlt monatlich selbst 300 EUR pro Jahr ein und profitiert zusätzlich von den Zulagen von je 300 EUR pro Jahr für seine 2022 und 2024 geborenen Kinder. Die Zulagen und Steuererstattungen fügen im ersten Jahr 1.140 EUR zu seiner Anlage hinzu (Grenzsteuersatz 35 %). Bis zum Renteneintritt mit 67 Jahren hat er bei gleicher Renditeerwartung von 8 % (MSCI-World-Wertentwicklung der letzten Jahrzehnte) 619.695 EUR Vermögen angesammelt, 145.386 EUR oder 30,6 % mehr als mit einem klassischen, ungeförderten Sparplan.

 

Mit seinem Altersvorsorgedepot-Rechner (Abb.) macht der Online-Broker Scalable Capital die Auswirkungen der geplanten Reform für Anleger greifbar. Nutzer können auf Basis ihres Alters, Einkommens und ihrer Sparleistung simulieren, wie sich die staatlichen Zulagen, Steuervorteile und Kapitalmarkterträge auf das Vermögen im Ruhestand auswirken.

Milliardenmarkt für Asset Manager, Broker und Finanzvertrieb

Der Wettbewerb um das Altersvorsorgedepot hat längst begonnen, obwohl es erst am 1. Januar 2027 an den Start geht. Rund 80 % der Deutschen sind bislang nicht am Kapitalmarkt aktiv. Mit der neuen Altersvorsorge dürfte ein erheblicher Teil dieser Gruppe erstmals an Fonds und ETFs herangeführt werden. Neobroker wie Trade ­Republic, Scalable Capital oder Smartbroker wollen das Altersvorsorgedepot zu besonders günstigen Konditionen anbieten und dürften dabei vor allem über den Preis um Kunden werben. Auch Roboadvisor und digitale Vermögensverwalter bringen sich bereits in Stellung. Anbieter wie Quirion oder Ginmon arbeiten an Depotlösungen auf ­Basis ihrer etablierten ETF-Strategien, die weit­gehend automatisiert gesteuert werden. ­Daneben entstehen spezialisierte Konzepte: Das Fintech Nao etwa setzt auf die Einbindung von Infrastruktur- und Private-Markets-Investments über ELTIF-Strukturen.

Die etablierten Asset Manager wollen sich ebenfalls ihren Anteil am lukrativen Vorsorgemarkt der Zukunft sichern. Noch vor der ­finalen Abstimmung im Bundesrat brachte Acatis mit dem „Acatis Altersvorsorgedepot UCITS ETF“ (ISIN DE000A428XC1) den ersten ETF auf den Markt. Die Frankfurter Vermögensverwaltung erwartet für den neuen ETF bereits im ersten Jahr Mittelzuflüsse von 50 Mio. bis 100 Mio. EUR. Erstmals setzt man auf die ETF-Hülle und betritt ­damit bewusst den Massenmarkt für kostengünstige Kapitalmarktanlagen. Union Investment positioniert sich mit dem Label „UniVorsorge“ breit im neuen Markt und plant drei Produktvarianten: ein ETF-­basiertes Standardangebot, einen aktiv ­gemanagten Fonds ohne Garantie sowie eine klassische Lösung mit vollständiger Beitragsgarantie. Auch Fidelity International ist mit von der Partie und plant den Start eines staatlich geförderten Altersvorsorgedepots. Vorgesehen sind zwei Produktvarianten: ein aktiv gesteuertes Premium-­Modell auf Basis aktiver ETFs sowie eine kosteneffiziente Standardlösung mit passiven Indexfonds.

Auch Fidelity International (Fidelity) wird zum 1. Januar 2027 ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot anbieten.

Susanna Wooders, Leiterin Deutschlandgeschäft, Fidelity international, Foto: © Fidelity international

„Wir verbinden aktives Management und globale Altersvorsorge-Expertise mit einer etablierten Investmentplattform (FFB) und einem maßgeschneiderten Gleitpfad, was nur wenige Anbieter können“, sagt Susanna Wooders, Leiterin des Deutschlandgeschäfts von Fidelity International. „Weltweit verwalten wir als Gruppe über 780 Mrd. EUR in Lebens­zyklusstrategien einschließlich der preisgekrönten Futurewise-Lösung – diese Erfahrung fließt in das deutsche Angebot ein.“ Das Premium-Produkt soll aus aktiven ETFs bestehen, ein ergänzendes Standardprodukt aus kosteneffizienten, passiven Indexfonds. Die Anlagestrategie des Premium-­Produkts soll sich mit zunehmender Nähe zum Ruhestand schrittweise anpassen und Marktbedingungen ebenso wie die jeweilige Lebensphase des Anlegers berücksichtigen (Gleitpfad-Modell). BHF Asset Management und das Fintech Xaver wiederum starten eine Whitelabel-Plattform für die Altersvorsorge. Das Angebot richtet sich an Banken, Versicherungen, unabhängige Finanzberater und Arbeitgeber, die ihren Kunden eigene Vorsorgelösungen anbieten möchten. „Mit dieser Partnerschaft wollen wir den Markt für private kapitalgedeckte Altersvorsorgeprodukte langfristig prägen“, unterstreicht Dr. Stefan Steurer, Mitglied der Geschäftsführung von Oddo BHF Asset Management.

Neue Freiheit für Riester-Kunden

Für bestehende Riester-Verträge gilt Bestandsschutz. Sparer können ihren Vertrag unverändert weiterführen, beitragsfrei stellen oder das angesparte Guthaben in ein Altersvorsorgedepot übertragen. Gerade die Wechseloption dürfte für viele attraktiv sein: Sie ermöglicht den Umstieg auf eine flexiblere, kapitalmarktorientierte Vorsorgelösung, ohne bereits erworbene Förderansprüche und Steuervorteile zu verlieren. Für die Anbieter klassischer Riester-Produkte steigt damit zugleich der Wettbewerbsdruck erheblich. Auch S&P Global Ratings rechnet mit einem erheblichen Mittelzufluss: Nach einer kurzen Startphase seien dauerhaft zusätzliche Anlagegelder in einer Größenordnung von 26 Mrd. bis
56 Mrd. EUR pro Jahr zu erwarten. Damit könnte ein neuer, dauerhafter Kapitalstrom in den deutschen Kapitalmarkt entstehen. Anders als bei klassischen Sparprodukten fließt das Geld der Sparer direkt in Aktien und Fonds.

Setzt sich das Altersvorsorgedepot durch, könnte es die private Vermögensbildung stärken und die Eigenkapitalbasis der Unternehmen verbreitern. Für viele Marktteilnehmer liegt darin die Chance auf einen strukturellen Wandel: Erstmals seit Jahrzehnten könnte ein staatlich gefördertes Vorsorgeprodukt Millionen Menschen dauerhaft an den Kapitalmarkt heranführen.

Ein Markt von bis zu 175 Mrd. EUR

Die Einführung des neuen Fördersystems trifft auf einen Markt, in dem die Unzufriedenheit vieler Sparer mit ihren bestehenden Verträgen bereits heute ausgeprägt ist. Laut der im Mai veröffentlichten Studie „Altersvorsorge im Aufbruch“ von Sirius Campus und dem Vorsorgespezialisten ­Aeiforia zeigen sich 44 % der Riester-Kunden mit ihrer Altersvorsorge unzufrieden – ein Nährboden für umfangreiche Umschichtungen. Das Wechselpotenzial ist entsprechend beträchtlich: Nach Einschätzung der Studienautoren könnten rund 28 % des gesamten Riester-Kapitalstocks, der sich auf etwa 225 Mrd. EUR beläuft, für ­einen Wechsel in das neue Altersvorsorgedepot infrage kommen.

Je nach Szenario entspräche dies einem Kapitalvolumen von rund 50 Mrd. bis 70 Mrd. EUR, das mittelfristig aus bestehenden Riester-Verträgen in die neue Förderwelt abwandern könnte. Die im Rahmen der Analyse von Sirius Campus und Aeiforia durchgeführte Befragung von 1.013 Förderberechtigten prognostiziert ein erhebliches Absatzpotenzial für das neue staatlich geförderte Altersvorsorge­depot ab dem Marktstart 2027. „Viele Indikatoren in unserer Untersuchung zeigen Begeisterungspotenzial für das Altersvorsorge­depot“, kommentiert Dr. Oliver Gaedeke, Geschäftsführer von Sirius Campus.

Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass bereits im Einführungsjahr zwischen 4,5 Mio. und 10 Mio. Abschlüsse ­möglich sind. Bei einem durchschnittlichen Sparbeitrag von rund 1.100 EUR pro Jahr entspräche dies zusätzlichen Mittelzuflüssen von etwa 7 Mrd. EUR jährlich. Dabei ist bereits berücksichtigt, dass sich nicht jedes bekundete Interesse in einen tatsächlichen Vertragsabschluss übersetzt. Das theoretische Gesamtpotenzial des Altersvor­sorge­depots beziffern Sirius Campus und Aeiforia auf bis zu rund 175 Mrd. EUR. Und das würde erst eine Umschichtung von nur 5 % des aktuell niedrig verzinsten Geldvermögens der privaten Haushalte in Deutschland bedeuten.

Stärkung der Aktien- und Beteiligungskultur

Für die Branche könnte das Altersvorsorgedepot weit mehr sein als ein neues Vorsorgeprodukt: Karl Matthäus Schmidt, Vorstandschef der

George Gatch, CEO, JP Morgan Asset Management

Quirin Privatbank, sieht im neuen Modell eine „Zeitenwende“ und einen „Aktien-Booster für die Rente“. Auch für George Gatch, CEO von JP Morgan Asset Management, ist das Altersvorsorgedepot weit mehr als ein weiteres Vorsorgeprodukt.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass das Altersvorsorgedepot die Investmentkultur in Deutschland und das Land insgesamt stärken wird“, sagt der Manager eines der weltweit größten Vermögensverwalters mit einem betreuten Vermögen von mehr als 4 Bio. EUR. Seiner Ansicht zufolge reicht die Bedeutung der Reform weit über die individuelle Altersvorsorge hinaus. ­Zugleich könne sie die Aktien- und Beteiligungskultur in Deutschland nachhaltig stärken, dem Kapitalmarkt zusätzliche ­Impulse verleihen und Unternehmen den Zugang zu langfristigem Eigenkapital erleichtern. In die gleiche Kerbe schlägt Noah Leidinger, Geschäftsführer von OMR-X und

Noah Leidinger, Geschäftsführer, OMR-X || Foto: OMR-X

Macher des preisgekrönten Podcasts „Ohne Aktien wird schwer“: „Deutschland hat leider eine schwache Aktienkultur. Dadurch hat Deutschland aber auch eine riesige Chance. Denn selbst in Ländern wie den USA hatten in den 1980er-Jahren nur rund 20 % der Menschen Aktien. Heute sind es um die 60 %. Ein entscheidender Treiber dafür war das 401k-System. Genau so eine Chance haben wir in Deutschland mit dem Altersvorsorgedepot. Die Erstauflage ist sicher noch nicht perfekt, aber viel besser als alle Lösungen, die wir bisher hatten. Dazu haben wir in Deutschland inzwischen Anbieter wie Scalable Capital oder Trade Republic, die kostengünstige Produkte anbieten werden und keine teuren Vertriebsstrukturen finanzieren müssen – daran sind bisherige Modelle ja immer gescheitert. Und das Altersvorsorgedepot ist nicht nur eine Chance für die Altersvorsorge der Deutschen, sondern auch für deutsche Unternehmen. Die amerikanische Wirtschaft floriert nämlich auch, weil sie so einen starken Kapitalmarkt hat.

Wer managt das staatliche Standarddepot?

Politisch ist der Weg für das Altersvorsorgedepot frei. Doch bei der praktischen Umsetzung bleiben zentrale Fragen offen. Während Banken, Neobroker und Fondsgesellschaften ihre Angebote für den geplanten Start Anfang 2027 vorbereiten, ist insbesondere die Frage nach dem Betreiber des staatlichen Standarddepots noch nicht abschließend geklärt. Das Gesetz sieht zwar einen öffentlichen Träger vor, nennt jedoch nicht, welche Institution diese Aufgabe übernehmen soll. Hinter dem Altersvorsorgedepot steht eine komplexe Infrastruktur, die Millionen Kundenkonten verwalten, Zulagen verbuchen, Steuerfragen bearbeiten und Anleger betreuen muss. Zwar verfügen Institutionen wie die Bundesbank oder der Staatsfonds Kenfo über Kapitalmarktexpertise. Was ihnen fehlt, ist die operative Erfahrung im Massengeschäft mit Privatanlegern. Hinter den Kulissen gilt daher zunehmend wahrscheinlich, dass der Staat am Ende auf private Dienstleister angewiesen sein könnte, um sein eigenes Vorsorgeprodukt an den Markt zu bringen.

Auch die konkrete Ausgestaltung der Positivliste förderfähiger Anlageprodukte ist weiterhin offen. Besonders die Einbeziehung von Private Markets und ELTIFs wirft noch Klärungsbedarf hinsichtlich Eignung und Regulierung auf. Hinzu kommen praktische Umsetzungsfragen – von der Übertragung bestehender Riester-Guthaben über die Ausgestaltung der Auszahlungsphase bis hin zur künftigen Regulierung von Kosten und Gebühren. Ebenfalls zu klären ist die administrative Abwicklung der staatlichen Förderung, insbesondere bei Zulagen und steuerlichen Vorteilen. Für Acatis-Gründer Dr. Hendrik Leber fehlt die Ausgestaltung einer zweiten, betrieblichen Säule, die heute nur eingeschränkt zur Verfügung steht. „Andere Länder wie die Schweiz haben da bessere Modelle, die eine Übertragbarkeit zwischen Arbeitgebern vorsehen und gute Leistungsvergleiche ermöglichen“, so der Vermögensverwalter und Fondsmanager.

Fazit

Das Altersvorsorgedepot kann Geschichte schreiben. Die Rede ist vom „epochalen Neustart“ und vom „Paradigmenwechsel“ für die private Altersvorsorge bis hin zur „Rentenrevolution“. Das Altersvorsorge-Reformgesetz (AVRG) bricht mit dem Dogma der deutschen Vorsorgegeschichte – weg von garantiebasierten und dadurch renditebegrenzenden Vorsorgesystemen hin zur kapitalmarktorientierten Altersvorsorge. GoingPublic sieht derzeit – sechs Monate vor der Einführung – fünf wesentliche Implikationen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte:

1. Das Altersvorsorgedepot bringt eine attraktive staatliche Förderung des Sparens in Aktienfonds, ETFs und vielen weiteren Instrumenten mit sich. ­Jedermann sollte das künftig nutzen.
2. Das Altersvorsorgedepot hat das Potenzial, innerhalb weniger Jahre ein starker Treiber für eine neue Aktionärskultur zu werden und einen Wechsel im Mindset zu bewirken. Die breite Bevölkerung wird sich automatisch mehr für die Mechanismen der ­Kapitalmärkte interessieren.
3. Für Asset Manager, Broker und Finanzvertriebe entsteht ein neuer Millionenmarkt, der einen mehrjährigen Boom auslösen wird.
4. Durch das Sparen in Fonds und ETFs könnten bereits ab 2027 über 10 Mrd. EUR jährlich zusätzlich in die Aktienmärkte fließen. Dazu kommen Spill-over-Effekte über die reifende ­Aktionärskultur sowie die Wandlung vieler Riester-Verträge. On-top – außerhalb dieses Gesetzes – kommt nun noch der Vorschlag der Rentenkommission an die Bundesregierung, dass 2 % der deutschen Bruttoeinkommen künftig in individuelle Kapitalmarktkonten fließen sollen. Das wären allein ca. 40 Mrd. EUR jährlich. Den weltweiten Aktienmärkten werden durch die Reformen mittelfristig dreistellige Milliardensummen zufließen, was auch zu einer Höherbewertung deutscher Aktien führen könnte.
5. Die Aktie wird in Deutschland zurückfinden zur Salon­fähigkeit. Ihre Bedeutung als Anlage- und Finanzierungsinstrument wird im Bewuss­t­sein von Unternehmern wieder stärker verankert sein und zu 20 bis 30 Börsengängen deutscher Unternehmen jährlich führen. Summa summarum: Das Altersvorsorge­depot hat das Potenzial, zum Booster für die Aktienkultur zu werden!

„Das Altersvorsorgedepot schöpft das volle Potenzial der Aktie aus“

Interview mit Henriette Peucker, geschäftsführende Vorständin, Deutsches Aktieninstitut

GoingPublicDas Vorsorgedepot kommt – begrüßen Sie dessen ­Ausgestaltung?

Henriette Peucker: Die Altersvorsorge zukunftsfest zu machen, zählt zu den zentralen Herausforderungen dieser Legislaturperiode. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass eine stärkere Nutzung von Aktien unabdingbar ist, um das Auskommen im Alter zu sichern. Auch in Deutschland brauchen wir Aktien in allen drei Säulen für ein leistungsfähigeres Altersvorsorgesystem.

Was ist gut an den Planungen?

Das Altersvorsorgedepot schöpft das volle Potenzial der Aktie aus, ohne Garantiepflicht und feste Verrentung. Das ermöglicht allen, die privat für das Alter vorsorgen wollen, nun auch eine langfristige, breite und kontinuierliche Anlage in Aktien, Aktienfonds oder ETFs. Besonders freut mich, dass die Koalition auch Selbstständige berücksichtigt und die Förderung für Geringverdiener erhöht hat.

Besteht Verbesserungsbedarf?

Das Deutsche Aktieninstitut schlägt vor, das Altersvorsorgedepot für die betriebliche Altersvorsorge zu öffnen. Das wäre eine einfache Möglichkeit, die betriebliche Altersvorsorge zu vereinfachen und die Portabilität zu verbessern. Wir hoffen auf Impulse für die Nutzung von ­Aktien in der betrieblichen und gesetz­lichen Altersvorsorge. Das Altersvorsorgedepot erfüllt alle Voraussetzungen, um auch in der betrieblichen Altersvorsorge von Unternehmen genutzt zu werden, die das wollen. Für den Gesetzgeber handelt es sich dabei um ein Detail, das aber gerade Beschäftigten in kleinen und mittleren Betrieben die Tür zu einer ertragreichen und einfachen Vorsorge öffnen kann. Auch in der gesetzlichen Rente ist das Altersvorsorgedepot das richtige Instrument, um eine ergänzende aktienorientierte Komponente abzubilden. Die Pläne aus der SPD, Erträge aus der Aktienanlage und andere Kapitalerträge höher zu besteuern, sind hingegen kontraproduktiv.

Wie beurteilen Sie das Standarddepot?

Ein wesentliches Element des Gesetzes ist das einfache Standarddepot, das insbesondere Menschen mit wenig Erfahrung in Finanzdingen den Einstieg in die private Altersvorsorge erleichtern soll. Die Bereitstellung des Standarddepots durch einen öffentlichen Träger ist ein Novum in der Altersvorsorge in Deutschland. Entscheidend ist, dass dieses staatliche Angebot in der Umsetzung nicht bevorzugt wird. Um einen funktionierenden Wettbewerb zu gewährleisten, müssen für staatliche und private Angebote die gleichen Anforderungen gelten. Eine Bevorzugung der staatlichen Lösung oder gar eine Verpflichtung darf es nicht geben.

Sehr geehrte Frau Peucker, vielen Dank für Ihre Einschätzungen. 

Das Interview führte Stefan Preuß.

 

Über die Interviewpartnerin

Henriette Peucker || Foto: © Deutsches Aktieninstitut

Henriette Peucker ist Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts und erfahrene Expertin für Kapitalmarkt-, Finanz- und Wirtschaftspolitik. Sie setzt sich für die Stärkung des Kapitalmarkts, eine moderne Altersvorsorge und wettbewerbsfähige regulatorische Rahmenbedingungen ein. Durch ihre internationale Führungserfahrung verfügt sie über umfassende Expertise im Management komplexer wirtschafts- und politischer Themen.

 

 

Autor/Autorin

Christian Euler
Redakteur at GoingPublic Media AG

Christian Euler gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de) und ist regelmäßig Autor von Beiträgen und Aktienanalysen. Als Redakteur beschäftigt er sich schon seit über 20 Jahren mit Wirtschaft und Finanzen.