Bildnachweis: Masterflex SE.

Das Jahr 2026 ist für den Hightech-Schlauchhersteller Masterflex in vielerlei Hinsicht ein operativ entscheidendes. Die Konzernstrategie Hero@Zero geht in die praktische Umsetzung bei Kunden und die neue Fertigung in Marokko soll die Produktion aufnehmen. GoingPublic sprach anlässlich seines 20. Dienstjubiläums mit CEO Dr. Andreas Bastin.

Dieses Interview erscheint auch in GoingPublic 2/26!


GoingPublic: Herr Dr. Bastin, Sie feiern in diesem Jahr Ihr 20. Jubiläum bei Masterflex. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Dr. Bastin: Die ersten Jahre waren hart. Bei meinem Einstieg hatte Masterflex zu viele Beteiligungen, 70 Mio. EUR Schulden bei 13 Banken. Nur einer von fünf Geschäftsbereichen, das Kerngeschäft, schrieb schwarze Zahlen. Wir mussten 65 % der Bilanzsumme abschreiben, Personal reduzieren, der Umsatz wurde von 140 Mio. auf rund 50 Mio. EUR zurückgestutzt. Jetzt stehen wir als marktführender Anbieter von Hightech- Schläuchen für Anwendungen in Luftfahrt, Automotive, Chemie, Maschinenbau, Life Sciences et cetera wieder bei mehr als 100 Mio. EUR Umsatz und sind mit einer deutlich zweistelligen EBIT-Marge profitabler denn je.

2026 ist für Sie nicht nur ein Jubiläumsjahr, sondern für die zirkuläre Konzernstrategie Hero@Zero das Jahr für die Umsetzung eines Konzepts, das Sie über lange Zeit vorangetrieben haben.

Das stimmt, 2026 ist für Hero@Zero ein operativ relevantes Umsetzungsjahr. Im Januar beispielsweise startete unsere Tochtergesellschaft Novoplast Schlauchtechnik einen kostenlosen Rücknahmeservice für Schlauchmuster innerhalb Deutschlands, um Entwicklungsmaterialien nicht zu entsorgen, sondern in den Materialkreislauf zurückzuführen. Wir haben mit unserer Konzernstrategie „Hero@Zero“ frühzeitig definiert, was wir bis 2030 beziehungsweise 2035 erreichen wollen. 2026 steht die konkrete Operationalisierung erster Projekte im Fokus, um notwendige Erfahrungen für Rücknahmeprogramme, Recyclingansätze und digitale Transparenz entlang der Wertschöpfungskette zu sammeln.

Welche strategische Bedeutung hat Kreislaufwirtschaft für die Wettbewerbsfähigkeit von Masterflex – insbesondere gegenüber internationalen Kunden?

Für uns bedeutet Kreislaufwirtschaft nicht nur CO2-Reduktion, sondern es ist auch eine strategische Weiterentwicklung unseres Geschäftsmodells. Als Hersteller anspruchsvoller Kunststofflösungen haben wir eine besondere Verantwortung für Materialeffizienz und Wiederverwertbarkeit. 2026 ist daher als sichtbarer Schritt vom Konzept zur industriellen Praxis wichtig. Kreislaufwirtschaft wird auch regulierungsbedingt zunehmend zu einem Differenzierungsfaktor.

Viele unserer Kunden, etwa aus Luftfahrt, Maschinen- und Automobilbau, Chemie, Life Sciences oder der Halbleiterindustrie, stehen selbst unter regulatorischem und gesellschaftlichem Nachhaltigkeitsdruck. Wenn wir ihnen Lösungen anbieten können, die langlebiger, reparierbarer oder recycelbar sind, schaffen wir für diese einen echten Mehrwert. Zudem stärkt ein geschlossener Materialkreislauf langfristig unsere Resilienz gegenüber Rohstoffpreisschwankungen. Für uns ist das kein Marketingthema, sondern eine strategische Antwort auf Ressourcenknappheit, Regulierung und steigende ESGAnforderungen. Nachhaltigkeit sehen wir als Teil unserer operativen Exzellenz, womit wir uns deutlich vom Wettbewerb abheben.

Das ist bei einem kunststoffverarbeitenden Betrieb herausfordernd.

Kunststoff und insbesondere Hightech-Kunststoff, wie wir ihn einsetzen, ist ein hervorragendes Material: leicht, flexibel, langlebig, chemisch beständig und in vielen Anwendungen wie in der Medizin alternativlos. Das Problem ist nicht der Werkstoff selbst, sondern der Umgang mit ihm. Wenn man Stahl betrachtet, ist es völlig selbstverständlich, dass er am Ende seines Lebenszyklus eingeschmolzen und wiederverwertet wird. Niemand käme auf die Idee, Stahl als Wegwerfprodukt zu behandeln; er ist fest in geschlossenen Wertstoffkreisläufen etabliert. Genau dort wollen wir mit unseren Kunststoffen hin. Hightech-Polymere müssen perspektivisch so selbstverständlich im Kreislauf geführt werden wie Metalle. Daran arbeiten wir – und das macht Masterflex einzigartig im Wettbewerb. Die gute Nachricht ist: Wir arbeiten bereits mit Kunden und Lieferanten konkret an Lösungen. Zudem werden die gesellschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen diesen Wandel in den kommenden Jahren noch deutlich beschleunigen.

Ist Ihr vollständig abbaubarer Cradle-to-Cradle-fähiger Schlauch technischer Meilenstein für zirkuläre Anwendungen?

Absolut. Seit Mitte des letzten Jahres befinden sich verschiedene Cradle-to-Cradledesignte Schläuche bei einigen Kunden in Langzeiteinsätzen. Hier geht es nicht nur um das Produkt „Schlauch“, sondern auch gerade um den Abrieb, der bei vielen Schlauchanwendungen im Industrieumfeld entsteht. Mit unseren neuesten Produkten fällt keinerlei Mikroplastik mehr durch den Abrieb an und zum Schluss ist der „verbrauchte Schlauch“ auch noch vollständig biologisch abbaubar. Masterflex ist das einzige Unternehmen, das ein derartiges Schlauchdesign anbietet. Wir testen auch weitere neue Materialen. Grundsätzlich arbeiten wir dabei eng mit unseren Lieferanten und Kunden zusammen, speziell in diesem Bereich zusätzlich auch mit verschiedenen Instituten, unter anderem dem EPEA von Prof. Dr. Braungart. In Zukunft ist hier noch einiges zu erwarten.

Wie sieht das Geschäftsmodell der Zukunft aus?

Am Ende wird es in weiten Teilen so sein, dass Kunden unsere Hightech-Schläuche als Hose-as-a-Service nachfragen. Mit allem, was dazugehört: Erfüllung regulatorischer Anforderungen, Produktqualität, Nachhaltigkeit, Ersatz und Recycling, Zirkularität, Dokumentation etc. Für uns bedeutet das eine engere Verzahnung mit den Kunden und zuverlässig planbare Erlöse über die Vertragslaufzeit. Mit einem internationalen Industriekunden haben wir bereits einen umfangreichen Engineering- und Rahmenvertrag mit mehreren Jahren Laufzeit geschlossen, der uns ab Ende 2026 erste Serienumsätze und perspektivisch 5 Mio. EUR planbaren Umsatz pro Jahr bringt. Bei Hero@Zero geht es um neue Technologien und langfristige zusätzliche Umsatzpotenziale für die Masterflex Group. Es ist die Transformation unseres Geschäftsmodells in die Zukunft.

Am Markt dominieren derzeit die Schlagzeilen um KI. Welche Rolle spielt KI bei Masterflex?

Eine sehr konkrete. Unsere Fertigungsmaschinen werden seit Jahren mit KI-Modellen trainiert. Ziel ist eine weitgehend autonome Produktion. Auch, um dem demografischen Wandel zu begegnen und Know-how international skalierbar zu machen. Auch in Administration,  Auftragsverarbeitung, Strategieentwicklung und Marketing setzen wir KI ein. Wichtig ist uns: Technologie soll Effizienz, Qualität und Geschwindigkeit steigern, nicht Selbstzweck sein.

Wie blicken Sie auf 2026 und darüber hinaus?

Für 2026 und auch für die darauffolgenden Jahre sind der erfolgreiche Produktionsstart in Marokko, Akquisitionen und organisches Wachstum die wesentlichen Treiber. Wir wollen bis 2030 den Umsatz auf 200 Mio. EUR steigern, davon 40 Mio. bis 50 Mio. EUR durch organisches Wachstum und 50 Mio. bis 60 Mio. EUR durch Zukäufe. Unsere M&A-Strategie ist klar an der Unternehmensstrategie „Hero@Zero“ ausgerichtet.

Lieber Herr Dr. Bastin, vielen Dank für diese Einblicke.

Das Interview führte Eva Rathgeber.

 

10 Jahreschart Masterflex SE Stand 25.06.2026 10:41 Uhr || Quelle: stock3.com

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Foto: © Masterflex SE

Dr. Andreas Bastin begann seine Karriere im Krupp-Hoesch Konzern, wo er nach seinem Studium als Assistent der Geschäftsführung und später in leitenden Positionen tätig war und parallel an der Universität Dortmund zum Dr.-Ing. promovierte. Anschließend war er rund zehn Jahre Geschäftsführer eines mittelständischen Technologieunternehmens, bevor er 2004 bei ETAS GmbH in die Geschäftsleitung eintrat. Seit Dezember 2006 ist er bei Masterflex SE tätig und wurde 2011 als „Turnarounder des Jahres“ ausgezeichnet. Seit April 2008 ist Dr. Andreas Bastin Chief Operating Officer bei Masterflex und verantwortet zentrale Bereiche wie Strategie, Technologie und Digitalisierung.

Autor/Autorin

Eva Rathgeber
Redakteurin Unternehmeredition at 

Eva Rathgeber ist Chefredakteurin der Unternehmeredition und verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation. Inhaltlich liegt ihr Fokus auf Mittelstand, Familienunternehmen, Finanzierung, Investitionen, Private Equity, M&A, Nachfolge, Digitalisierung und Innovation.