Bildnachweis: Vincorion.
Der Rüstungszulieferer Vincorion plant mit seinem Hauptaktionär Star Holdings ein IPO am Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse. Dies wurde am heutigen 6. März offiziell bekannt gegeben. Vorbehaltlich der Marktbedingungen soll der Börsengang bis spätestens Ende Juni abgeschlossen werden. Von Christian Euler
Der Rüstungssektor steht vor einem weiteren Neuzugang am Kapitalmarkt. Vincorion will offenbar den aktuellen Rüstungs-Boom nutzen und strebt trotz der aktuellen Börsenturbulenzen an die Börse. Das IPO soll ausschließlich aus Aktien aus dem Bestand des Hauptaktionärs Star Capital bestehen, der auch nach dem Börsengang weiterhin eine bedeutende Beteiligung hält.
„Die heutige Ankündigung stellt einen wichtigen Meilenstein für Vincorion dar“, sagte Philipp Gensch, Partner bei Star Capital, „wir freuen uns darauf, Vincorion auch im nächsten Kapitel seiner Erfolgsgeschichte zu begleiten, wenn das Unternehmen seine außergewöhnlichen Chancen in den Bereichen Verteidigung und kritische Infrastruktur nutzt.“
Vom Jenoptik-Ableger zur Verteidigungsplattform
Der adressierbare Gesamtmarkt von Vincorion belief sich 2025 auf rund 12 Mrd. EUR und dürfte bis 2030 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von etwa 8 % zulegen. Der Umsatz belief sich 2025 auf rund 240 Mio. EUR, das durchschnittliche Wachstum lag zwischen 2023 und 2025 bei 22 % jährlich. Der Auftragsbestand betrug zum Ende des Jahres rund 1,1 Mrd. EUR, davon wurde ein fester Auftragsbestand von 435 Mio. EUR gemeldet.

Das in Wedel bei Hamburg ansässige Unternehmen blickt auf mehr als 70 Jahre Erfahrung in der Entwicklung und Fertigung hochmoderner Energiesysteme zurück. Seine Technologien erzeugen, steuern und speichern Energie für Verteidigungs- und Zivilschutzoperationen. Das Portfolio reicht von mechatronischen Energiesystemen, Generatoren und Leistungselektronik bis hin zu Stabilisierungs- und Hebesystemen. Darüber hinaus entwickelt Vincorion Speziallösungen wie leistungsstarke Rettungswinden für Helikopter sowie zentrale Komponenten für das Luftabwehrsystem „Patriot“, das in mehreren Ländern zur Abwehr iranischer Raketen eingesetzt wird.
Vincorion war mehr als 24 Jahre lang Teil von Jenoptik und wurde 2022 an den Finanzinvestor Star Capital verkauft. Seither positioniert der Eigentümer die Gesellschaft als eigenständige Plattform im Verteidigungssektor und treibt den strategischen Ausbau des Geschäfts gezielt voran.
Starker NATO-Fokus sichert wiederkehrende Einnahmen
Mit mehr als 900 Beschäftigten an Standorten in Deutschland und den USA ist das Unternehmen in drei zentralen Geschäftsfeldern tätig: Fahrzeugsysteme, Energieversorgungssysteme und Luftfahrt. Im Bereich Fahrzeugsysteme entwickelt Vincorion Energieversorgungs- und Energiemanagementlösungen sowie Stabilisierungssysteme für Waffen auf gepanzerten Fahrzeugen. Das Segment Energieversorgungssysteme umfasst Stromversorgungslösungen für mobile bodengebundene Luftverteidigungssysteme und militärische Feldeinsätze. Im Luftfahrtgeschäft fertigt das Unternehmen leistungsstarke Rettungswinden und Heizsysteme für militärische wie zivile Anwendungen.
Zu den wichtigsten Absatzmärkten zählen die NATO-Staaten, wobei Deutschland eine zentrale Rolle spielt. Zum Kundenkreis gehören unter anderem große Rüstungskonzerne wie Raytheon und Diehl. Die starke Marktstellung spiegelt sich auch im hohen Anteil wiederkehrender Erlöse wider: Das Aftermarket-Geschäft steuerte 2025 rund 55 % zum Gesamtumsatz bei.
Bewertung
Fidelity International und Invesco Asset Management haben als Ankeraktionäre Vorabzusagen in Höhe von insgesamt rund. 105 Mio. EUR abgegeben und erhalten im Gegenzug garantierte Zuteilungen. BNP Paribas, J.P. Morgan und Berenberg fungieren als Joint Global Coordinators und Joint Bookrunners.
Laut Bloomberg könnte der Börsengang etwa 300 Mio. EUR einbringen und Vincorion mit über 1 Mrd. EUR bewerten. Damit wäre es das größte deutsche IPO seit der Prothesenfirma Ottobock. Gemessen am Umsatz von rund 240 Mio. EUR, läge Vincorion im Bereich eines Umsatzmultiples von etwa vier. Das wäre ambitioniert, spiegelt aber den derzeitigen Bewertungsaufschlag für Rüstungs- und Sicherheitswerte wider.
Fazit
Die Rahmenbedingungen für Rüstungs-IPOs könnten kaum günstiger sein: Geopolitische Spannungen in Europa und der daraus resultierende Modernisierungsstau bei den NATO-Streitkräften sorgen für prall gefüllte Auftragsbücher. Möglicherweise ist dies ein Grund, warum Vincorion während des Iran-Konflikts seinen Börsengang angekündigt hat und laut Bloomberg einen beschleunigten Zeitplan für das Angebot prüft. Die Einbindung in zentrale westliche Rüstungsprogramme sowie der Fokus auf NATO-Staaten sprechen für eine stabile Nachfragebasis. Die Herausforderung für das Management liegt darin, die Produktionskapazitäten zu skalieren, ohne die technologische Präzision der Produkte zu kompromittieren. Das IPO des Wehrtechnik-Spezialisten könnte sich als Lackmustest erweisen, um die Risikobereitschaft der Investoren im europäischen Verteidigungssektor zu messen.
Autor/Autorin

Christian Euler
Christian Euler gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de) und ist regelmäßig Autor von Beiträgen und Aktienanalysen. Als Redakteur beschäftigt er sich schon seit über 20 Jahren mit Wirtschaft und Finanzen.





