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Der Kapitalmarkt blickt bei Immatics ((ISIN: NL0015285941 | WKN: A2P72S | Ticker: IMTX | Börse: Nasdaq | Marktkapitalisierung: ca. 1,16 Mrd. USD; Stand: 2. Juli 2026) derzeit vor allem auf SUPRAME, die zulassungsrelevante Phase-III-Studie der PRAME-gerichteten Zelltherapie gegen fortgeschrittenes Melanom. CEO Dr. Harpreet Singh hält diesen Fokus für nachvollziehbar – aber für zu eng. Denn die auf dem ASCO-Kongress präsentierten Daten sollen zeigen, dass PRAME weit über das Melanom hinaus therapeutisches Potenzial besitzt. Entscheidend wird nun sein, ob aus wissenschaftlicher Validierung auch eine entsprechende Bewertung am Kapitalmarkt wird. Von Urs Moesenfechtel

Für Immatics stehen entscheidende Monate bevor. In der zweiten Jahreshälfte 2026 erwartet das Unternehmen zentrale Daten aus der zulassungsrelevanten Phase-III-Studie SUPRAME. Je nach Datenlage könnte darauf im kommenden Jahr die Einreichung einer Biologics License Application (BLA) bei der FDA folgen. Gleichzeitig arbeitet Immatics daran, PRAME nicht nur als Zielstruktur eines einzelnen Entwicklungsprogramms, sondern als breiter einsetzbare Plattform für TCR-basierte Immuntherapien zu etablieren.

Auf dem diesjährigen ASCO-Kongress präsentierte das Unternehmen neue klinische Daten zur Gen-II-Zelltherapie IMA203CD8 bei gynäkologischen Tumoren sowie Ergebnisse zum MAGE-A4/A8-gerichteten bispezischen TCR-Kandidaten, IMA401, in mehreren soliden Tumorindikationen, einschließlich dem Lungenkarzinom und Kopf-Hals-Tumoren, die zeitgleich in Nature Medicine veröffentlicht wurden. Im Interview spricht CEO Dr. Harpreet Singh über die Diskrepanz zwischen Börsenbewertung und wissenschaftlichem Fortschritt, die Bedeutung der nächsten klinischen Meilensteine und die Frage, wann der Kapitalmarkt beginnen könnte, Immatics als Plattformunternehmen zu bewerten.

Herr Singh, mit Blick auf den Aktienkurs könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Kapitalmarkt glaubt, der wichtigste Proof Point für Immatics liege noch vor dem Unternehmen. Ist das nach den ASCO-Daten eine faire Einschätzung?

Dr. Harpreet Singh, CEO, Immatics

Grundsätzlich ja. Kurzfristige Schwankungen unseres Aktienkurses verfolgen wir allerdings nicht besonders intensiv. Aber grundsätzlich halte ich diese Einschätzung für richtig. Aus Sicht des Kapitalmarkts liegen die wichtigsten Proof Points tatsächlich noch vor uns. Das ist auch nicht überraschend, denn die zweite Jahreshälfte 2026 sowie die darauffolgenden sechs bis zwölf Monate werden für Immatics ausgesprochen ereignisreich sein. Der wichtigste Werttreiber ist unsere laufende Phase-III-Studie SUPRAME mit unserer PRAME-gerichteten Zelltherapie, anzu-cel, gegen fortgeschrittenes Melanom. Wir erwarten, dass sowohl die Interimsanalyse als auch die finale Analyse in der zweiten Jahreshälfte ausgelöst werden. Je nach Datenlage könnte darauf im kommenden Jahr die Einreichung einer Biologics License Application bei der FDA folgen. Das ist unser wichtigster Werttreiber. Deshalb konzentriert sich der Markt derzeit sehr stark auf dieses Lead-Programm. Das halte ich für völlig normal.

Welche weiteren klinischen Meilensteine könnten in den kommenden Monaten aus Sicht des Kapitalmarkts relevant werden?

Neben SUPRAME werden weitere Programme zunehmend an Bedeutung gewinnen. Auf dem ASCO-Kongress haben wir sehr interessante Daten zu unserer Gen-II-Zelltherapie IMA203CD8 bei gynäkologischen Tumoren vorgestellt, also bei Ovarial- und Gebärmutterkrebs. Der entscheidende nächste Proof Point besteht aus meiner Sicht allerdings nicht allein darin, hohe Ansprechraten zu zeigen. Mindestens ebenso wichtig – vielleicht sogar wichtiger – sind Daten zur Dauerhaftigkeit des Ansprechens, also zur Durability. Ein weiterer wichtiger Werttreiber werden aktualisierte Daten zu IMA402, unserem PRAME-gerichteten bispezifischen TCR, sein. Wir werden sowohl Daten zur Monotherapie als auch zur Kombination mit einem Checkpoint-Inhibitor vorstellen. Für viele Marktteilnehmer stellt dies einen wichtigen zusätzlichen Katalysator dar, weil es sich um eine völlig andere therapeutische Modalität handelt. Ein bispezifischer TCR ist ein Off-the-shelf-Wirkstoff und lässt sich kommerziell sowie in der Versorgung grundsätzlich anders einsetzen als eine Zelltherapie.

Aktienkurs der Immatics N.V. (6-Monats-Chart), Stand: 2. Juli 2026, 07:43 Uhr. Copyright: stock3.com

Unterschätzt der Markt aus Ihrer Sicht bereits erreichte Fortschritte?

Ich bin davon überzeugt, dass der Markt Immatics derzeit unterschätzt. Aus meiner Sicht ist das Unternehmen gemessen an dem, was wir wissenschaftlich aufgebaut, klinisch erreicht und publiziert haben, unterbewertet. Gleichzeitig sehe ich aber, dass viele der wichtigsten Stakeholder unsere Entwicklung durchaus angemessen einschätzen. Dazu gehören behandelnde Ärzte, Kliniken, Patienten, Patientenorganisationen, Analysten sowie große institutionelle Investoren mit langfristigem Anlagehorizont. Gerade diese langfristig orientierten Investoren achten deutlich weniger auf tägliche Kursschwankungen als auf den wissenschaftlichen und klinischen Fortschritt unseres Unternehmens. Das führt aus meiner Sicht häufig zu einer anderen Bewertung unseres Entwicklungsstands, als sie sich kurzfristig im Aktienkurs widerspiegelt.

Was genau hat Immatics auf dem ASCO-Kongress erreicht, wofür der Kapitalmarkt dem Unternehmen bislang noch nicht ausreichend Anerkennung gibt?

PRAME ist ein Protein, das in Tumorzellen vorkommt, in den meisten gesunden Zellen jedoch nicht. Kleine Fragmente dieses Proteins, sogenannte Peptide, werden auf der Oberfläche der Tumorzellen präsentiert. Diese Eigenschaft macht PRAME für die neuartigen Immuntherapien von Immatics zugänglich. Copyright Grafik: Immatics

Im Markt gab es bislang bei einigen Investoren die Vorstellung, dass PRAME letztlich nur ein Zielmolekül für das Melanom sei. Genau diese Annahme haben wir auf dem ASCO-Kongress aus unserer Sicht widerlegt. Wir haben immer gesagt, dass PRAME in mehr als 50 verschiedenen Tumorarten exprimiert wird. Ebenso waren wir immer davon überzeugt, dass sich PRAME therapeutisch in weit mehr als nur einer Tumorart nutzen lässt. Mit unserer Gen-II-Zelltherapie IMA203CD8 konnten wir erstmals einen klaren Proof of Concept für eine PRAME-gerichtete Zelltherapie außerhalb des Melanoms liefern. Wir sprechen hier über zwei sehr schwer behandelbare gynäkologische Tumorindikationen. Darunter befinden sich Patientinnen mit platinresistentem beziehungsweise platinsensiblem Ovarialkarzinom und Gebärmutterkrebs. In dieser Patientengruppe konnten wir Ansprechraten von rund 50 Prozent beobachten. Wir haben komplette Remissionen gesehen, mehrere Patientinnen sprechen weiterhin auf die Behandlung an, und die längste anhaltende Response besteht inzwischen seit mehr als zwölf Monaten. Diese Ergebnisse deuten bereits darauf hin, dass wir nicht nur hohe Ansprechraten erzielen, sondern möglicherweise auch eine sehr dauerhafte Wirkung erreichen können. Aus unserer Sicht haben wir damit die gesamte PRAME-Chance deutlich weiter de-risked. Wir haben nicht nur gezeigt, dass PRAME außerhalb des Melanoms funktioniert. Wir haben vielmehr gezeigt, dass PRAME außerhalb des Melanoms großes therapeutisches Potenzial besitzt.

Sie sprechen von Durability als dem nächsten entscheidenden Proof Point. Warum rückt dieser Endpunkt aus Ihrer Sicht inzwischen stärker in den Fokus als die reine Ansprechrate?

Die Erwartungen haben sich inzwischen verändert. Der Markt achtet heute nicht mehr nur auf die objektive Ansprechrate. Entscheidend wird sein, wie lange Patienten auf eine Therapie ansprechen. Die Dauer des Ansprechens ist wiederum ein wichtiger Surrogatparameter für das progressionsfreie Überleben und letztlich auch für das Gesamtüberleben. Genau deshalb rückt Durability zunehmend in den Mittelpunkt der Bewertung neuer Therapien. Zelltherapien besitzen hier grundsätzlich das Potenzial, nicht nur hohe Ansprechraten zu erzielen, sondern auch besonders lang anhaltende Remissionen zu ermöglichen. Deshalb warten viele Investoren jetzt insbesondere auf unsere Durability-Daten zu IMA203CD8.

Copyright: Immatics

Bewerten Investoren PRAME inzwischen als Plattform beziehungsweise Franchise – oder weiterhin eher als einzelne Produktchance?

Das hängt stark davon ab, über welche Investorengruppe wir sprechen. Es gibt nicht den einen Investor, sondern viele unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Schaut man sich unsere größten Aktionäre an, finden sich darunter mehrere große, renommierte Spezialfonds sowie institutionelle Investoren mit einem langfristigen Anlagehorizont. Von einigen dieser Investoren haben wir sehr klar die Rückmeldung erhalten, dass die auf dem ASCO-Kongress präsentierten Daten die gesamte PRAME-Franchise deutlich de-risked haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Investoren die Situation genauso bewerten. Es ist völlig normal, dass sich viele Marktteilnehmer zunächst auf das am weitesten entwickelte Programm konzentrieren – also auf die zulassungsrelevante Studie und das Programm, das einer möglichen Markteinführung am nächsten ist. Das ist keine Besonderheit von Immatics, sondern typisch für den Biotechnologiesektor. Kein Investor verfügt über die Ressourcen, jede Pipeline jedes Unternehmens bis ins Detail zu analysieren. Deshalb orientieren sich viele zunächst am Lead-Programm. Dieses Verhalten halte ich für vollkommen nachvollziehbar. Gleichzeitig entwickelt sich unsere PRAME-Plattform inzwischen deutlich breiter. Mit IMA402 verfolgen wir zusätzlich einen PRAME-gerichteten bispezifischen TCR als Off-the-shelf-Ansatz. Damit ergänzen sich unterschiedliche therapeutische Modalitäten innerhalb derselben Zielstruktur. Je weiter diese Programme klinisch voranschreiten und je reifer die Daten werden, desto stärker wird der Markt unserer Überzeugung nach beginnen, nicht nur einzelne Programme, sondern die gesamte PRAME-Plattform zu bewerten.

Dann bewertet der Kapitalmarkt Immatics derzeit in erster Linie über SUPRAME und preist den Plattformcharakter noch nicht vollständig ein?

Ja, das würde ich so sehen. Die größte Aufmerksamkeit richtet sich derzeit eindeutig auf SUPRAME und unser führendes Zelltherapieprogramm, weil dort die nächsten entscheidenden regulatorischen und klinischen Meilensteine anstehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass andere Programme weniger wichtig wären. Unsere Gen-II-Zelltherapie IMA203CD8 erweitert den Einsatz von PRAME deutlich über das Melanom hinaus. IMA402 eröffnet zusätzlich einen Off-the-shelf-Ansatz mit einer anderen therapeutischen Modalität. Diese Programme befinden sich naturgemäß in einem früheren Entwicklungsstadium als SUPRAME. Deshalb werden sie vom breiten Kapitalmarkt derzeit weniger stark berücksichtigt. Mit zunehmender klinischer Reife erwarten wir jedoch, dass auch diese Programme einen wachsenden Beitrag zur Unternehmensbewertung leisten werden.

Welche Hürden müssen noch überwunden werden, damit Immatics vom Kapitalmarkt wie eine führende Onkologieplattform bewertet wird? 

Die Entwicklung eines Biotechnologieunternehmens lässt sich gut mit einer Bergbesteigung vergleichen: Hat man einen Gipfel erreicht, richtet sich der Blick unmittelbar auf den nächsten. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem, was bereits geschafft wurde, sondern auf dem nächsten Meilenstein. Das ist aus meiner Sicht völlig normal und letztlich auch richtig.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.