Bildnachweis: KI-generiert OpenAI.
Am Kochroboterhersteller Circus SE (ISIN: DE000A2YN355, MarketCap 53 Mio. EUR) scheiden sich schon lange die Geister. Manche freuten sich über „think big“ aus Deutschland. Aber viele waren skeptisch angesichts des inflationären Gebrauchs von Buzzwords. Die deftige Gewinnwarnung vom 16. Juli ist Wasser auf die Mühlen der Skeptiker. Von Oliver Vollbrecht
Think big and speak loud
Um große Worte war Circus nie verlegen. Man positionierte sich mit seinen Kochrobotern als DeepTech-Unternehmen, das mit Robotik und AI Milliardenmärkte erobern und die Menschheit mit frisch gekochten Mahlzeiten versorgen will. Zudem wird das Thema Defence ausgiebig bespielt. Aber auch an großen Zahlen war kein Mangel. Bereits im vierten Quartal 2024 bezifferte Circus den „Auftragsbestand“ auf sage und schreibe 8.431 Geräte. Nur der Fußnote konnte man entnehmen, dass in dieser Zahl auch unverbindliche „Vereinbarungen“ enthalten waren. Ein Jahr später wurde auf der Münchner Kapitalmarkt Konferenz im November 2025 von „Unternehmenswachstum mit überwältigender Nachfrage“ berichtet. Von insgesamt 550 Bestellungen war die Rede und von über 8.000 Absichtserklärungen – die natürlich alles andere als feste Bestellungen sind. Saubere Kommunikation sieht anders aus.
Im November 2025 wurde ein Kochroboter in einem Rewe-Markt in Düsseldorf-Heerdt eingeweiht, zwei weitere folgten in Märkten in Düsseldorf und Bonn. Eine PR-Aktion für beide Seiten. Schwer vorstellbar, dass Rewe dafür pro Gerät 250.000 EUR Kaufpreis und Lizenzgebühren von monatlich mehr als 10.000 EUR zahlt. In der Präsentation bezifferte Circus den „Bedarf“ allein bei Rewe auf über 5.000 Einheiten – wie eine solche Zahl seriös hergeleitet werden kann, bleibt das Geheimnis des Managements.
Starker Ausblick auf 2026 war hilfreich für Kapitalerhöhung
Immer wieder hatten Investoren konkrete Zahlen angemahnt, am 24. November 2025 veröffentlichten die Münchner dann tatsächlich einen präzisen Ausblick für 2026. Der Umsatz sollte zwischen 44 und 55 Mio. EUR liegen, das EBITDA wurde „aufgrund der fortgesetzten Skalierung“ noch negativ erwartet zwischen -6 und -8 Mio. EUR. Dieser Ausblick erfolgte „auf Basis bestehender Kunden“. Zugleich wurde eine Kapitalerhöhung in den Raum gestellt. Die kam prompt am 10. Dezember, neue Aktien wurden zum Kurs von 12,20 EUR platziert, das Unternehmen vereinnahmte brutto rund 30 Mio. EUR. Zugleich wurde eine Anhebung des Ausblicks für 2026 in Aussicht gestellt: „Das zusätzliche Wachstumskapital aus der Kapitalerhöhung wird voraussichtlich zu einer Beschleunigung des Umsatzwachstums in den nächsten 12 Monaten führen.“
Im Prognosebericht des Abschlusses 2025 finden sich diese präzisen Angaben nicht, es wird pauschal eine „signifikante Umsatzsteigerung“ in Aussicht gestellt, womit sich der Ausblick auf die Vorgaben des HGB beschränkt. Das ist nicht ungewöhnlich, allerdings sollte man nicht vergessen, dass der Abschluss vom Wirtschaftsprüfer testiert wird, eine unterjährige Präsentation hingegen nicht.
Prognose eingestampft, Kurs bricht ein
Um 1.01 Uhr am 16. Juli stampfte Circus die Prognose vom November 2025 dann ein. Statt 44 bis 55 Mio. EUR Umsatz erwartet der Vorstand nur noch 5,2 Mio. EUR – ein drastischer Rückgang um rund 90 %. Die avisierte „Beschleunigung des Umsatzwachstums“ durch die Kapitalerhöhung ist dabei noch nicht mal berücksichtigt. Das EBITDA wird nun mit -17 Mio. EUR prognostiziert gegenüber -6 bis -7 Mio. EUR.
Offensichtlich hat das Managment die Anforderungen der Skalierung im Industriemaßstab unterschätzt. Auch Fehler und Ineffizienzen bei der Bedienung haben wohl die Verbreitung der Systeme ausgebremst – ein Faktor, der in der Vergangenheit gerne kleingeredet wurde. Auf die Frage, warum der Vorstand so spät im Jahr erkennt, dass seine Planung komplett unrealistisch ist, gab auch der Call am 16. Juli keine klare Antwort. Im zweiten Halbjahr soll der Fokus auf operativen Verbesserungen und einer Weiterentwicklung der Technologie zu mehr Autonomie liegen.

Der Aktienkurs war ohnehin in Sinkflug und hat sich seit der Gewinnwarnung nochmals halbiert, aktuell liegt er bei 2 EUR, die Marktkapitalisierung ist auf rund 53 Mio. EUR geschrumpft.
CFO ist weg
Einem bleibt die Erklärung dieses Niedergangs erspart: dem langjährigen CFO Fabian Becker. Für Investoren ist der Abgang eines CFO insbesondere dann eine Red Flag, wenn er unvermittelt kommt und unklar kommuniziert wird. Im Fall von Circus trifft beides zu. Am 6. Juli informierte das Unternehmen über die Bestellung eines neuen Co-CEO/CFO (ohne dessen Namen offenzulegen) und ließ im dritten Absatz wissen, dass Becker das Unternehmen nach fast fünf Jahren verlässt. Wann genau, darüber schweigt sich die Meldung aus. Becker war im persönlichen Gespräch so etwas wie eine Stimme der Vernunft und verzichtete auf das Circus-übliche Buzzword-Bingo. Im Call am 16. Juli stellte sich der neue Co-CEO/CFO Christian Bauer kurz vor. Wann genau er seinen neuen Job antritt, blieb ebenfalls unklar; sein Linkedin-Profil weist ihn noch als CEO DACH von Innoenergy aus. Fragen über Fragen…
Analysten rudern bei Kurszielen zurück
Auch die Analysten wurden von der Gewinnwarnung kalt erwischt. Montega titelt „Guidance-Reset“ und ändert sein Votum von Buy mit Kursziel 10 EUR auf Hold mit Ziel 2,20 EUR. Analyst Bastian Brach sieht die größte Herausforderung in der „Skalierung des gesamten Ökosystems“ und mahnt, sich beizeiten um weitere Finanzierungen zu kümmern. MWB Research votiert mit „Speculative Buy“ bei einem Kursziel von 8,40 EUR.
Fazit
„Es genügt nicht, keinen Erfolg zu haben – man muss auch schlecht kommunizieren“ – das scheint das Motto von Circus zu sein. Wortakrobatik hilft nichts, am Ende zählen Zahlen. Der Kursabsturz erfolgt ohne Netz und doppelten Boden. Ob es dem Unternehmen gelingen wird, das zerstörte Vertrauen wiederherzustellen, bleibt offen. Eine klarere, faktenbasierte Kommunikation wäre dafür unerlässlich. Die aber ist aktuell nicht in Sicht. Das lässt zwei Schlüsse zu: Dem Vorstand ist das Vertrauen egal – oder die Fakten widersprechen der blumigen Wachstumsstory. Beide Lesarten sind für Anleger wenig erfreulich. Wir drücken Management und neuem Co-CEO/CFO trotzdem die Daumen für die Beschaffung der notwendigen Mittel für das weitere Überleben sowie das Zurückfinden auf einen tatsächlichen Wachstumspfad.
Autor/Autorin

Oliver Vollbrecht
Oliver Vollbrecht beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Geschäftsmodellen – als freier Journalist, Investor Relations-Manager und -Berater, als Investor und HV-Sprecher für die DSW. Der Schwerpunkt seiner journalistischen Arbeit liegt bei börsennotierten Unternehmen der DACH-Region.




