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Immunic steht vor einer entscheidenden Phase seiner Unternehmensgeschichte. Nach Jahren intensiver Forschung rückt nun der Übergang vom klassischen Forschungs- und Entwicklungsunternehmen hin zu einem potenziellen kommerziellen Anbieter einer Multiple-Sklerose-Therapie in greifbare Nähe. Von Christian Euler
Das deutsch-amerikanische Biotechnologieunternehmen, das orale Therapien zur Behandlung von chronischen Entzündungs- und Autoimmunerkrankungen entwickelt, sorgte jüngst mit einem Reverse-Stock-Split an der Nasdaq für Aufmerksamkeit. Für CEO Daniel Vitt ist dieser Schritt Teil einer größeren strategischen Neuordnung. Hintergrund ist die im Februar abgeschlossene Finanzierung über 200 Mio. USD, ergänzt um weitere Optionen im Volumen von bis zu 200 Mio. USD. Die Liquidität gilt damit zunächst als gesichert – insbesondere über die wichtigen klinischen Daten hinaus, die gegen Jahresende erwartet werden.
Im Mittelpunkt steht das orale MS-Präparat Vidofludimus Calcium. Immunic arbeitet derzeit an der Fertigstellung der beiden Phase-III-ENSURE-Studien bei schubförmiger Multipler Sklerose (RMS). Die entscheidenden Topline-Daten sollen nach Unternehmensangaben bis Ende dieses Jahres vorliegen. Während viele etablierte MS-Medikamente vor allem entzündliche Prozesse kontrollieren, adressiert Vidofludimus Calcium auch neurodegenerative Mechanismen. Konkret geht es um die Aktivierung des sogenannten Nurr1-Proteins, das den Schutz und Erhalt von Nervenzellen unterstützen soll.
Strategische Neuausrichtung für die nächste Entwicklungsstufe
Das Ergebnis je Aktie lag im ersten Quartal mit minus 1,08 USD unter den Markterwartungen von minus 0,96 USD. Immunic baut bereits personell für die nächste Unternehmensphase um. Mit Michael Panzara, ehemals in führenden Funktionen bei Biogen tätig und an MS-Blockbustern wie Tysabri oder Tecfidera beteiligt, wurde jüngst ein erfahrener Chief Medical Officer verpflichtet. Parallel läuft die Suche nach einem kommerziell geprägten CEO, während sich Vitt künftig wieder stärker auf Forschung und Entwicklung konzentrieren möchte.

Die Aktie, die aktuell bei 11,66 USD notiert und einen Börsenwert von 173 Mio. USD aufweist, zeigt mit einem Kursplus von 73 % in den vergangenen sechs Monaten eine deutliche Dynamik. Das Researchhaus H.C. Wainwright bestätigte nach der Vorlage der Q1-Zahlen seine Kaufempfehlung und nennt ein Kursziel von 22,00 USD. Stifel nahm im April das Coverage mit einem Buy-rating und einem Kursziel von 25,00 USD auf.
Fazit
Wie bei vielen Biotech-Unternehmen hängt auch bei Immunic der weitere Unternehmenserfolg entscheidend von klinischen Studienergebnissen und den anschließenden regulatorischen Entscheidungen ab. Zwar verweist das Management auf die Entwicklung in der progressiven MS als zusätzliche strategische Option, doch würde dieser Weg einen deutlich längeren Zeithorizont erfordern.
Für Anleger präsentiert sich Immunic damit als spekulativer Wert mit erhöhtem Chancen-Risiko-Profil. Gleichzeitig verfügt das Unternehmen über eine klar definierte Positionierung im attraktiven MS-Markt. Sollten die anstehenden Studiendaten überzeugen und der Weg zur Zulassung erfolgreich verlaufen, könnte sich Immunic vom bislang unterschätzten Entwicklungsunternehmen zu einem relevanten Spezialisten im globalen Markt für Multiple-Sklerose-Therapien entwickeln.
„Wir stehen an der Schwelle zur Transformation“GoingPublic: Herr Dr. Vitt, Wie verändert die neue Finanzierung die Ausgangslage von Immunic – sowohl operativ als auch strategisch? Dr. Vitt: Die jüngste Finanzierung verändert unsere Ausgangslage ungemein und gibt uns in mehrfacher Hinsicht einen positiven Schub. Mit den 200 Mio. US-Dollar, die wir bereits erhalten haben, gewinnen wir vor allem operative Planungssicherheit und können unser Phase-III-Programm in schubförmiger Multipler Sklerose, die Verbreitung der regulatorischen Einreichungsunterlagen sowie vorbereitende Arbeiten für die mögliche Kommerzialisierung vorantreiben. Zudem umfasst die Finanzierungsrunde eine zweite 200 Mio. US-Dollar Tranche, die nach den Phase-III-Daten einfließen und uns weitere Flexibilität ermöglichen könnte. Besonders gefreut hat uns, dass sich einige der renommiertesten Biotech-Investoren weltweit an der Runde beteiligt haben. Das ist für uns nicht nur finanziell wichtig, sondern auch ein starkes strategisches Signal an den Markt. Gleichzeitig ermöglicht uns das frische Kapital, unsere Transformation als Biotech-Unternehmen von einer klassischen Forschungs- und Entwicklungsfirma hin zu einem Unternehmen mit kommerzieller Perspektive aktiv vorzubereiten. Was bedeutet diese Transformation konkret bei Immunic? Wir bewegen uns von einer reinen F&E-Organisation hin zu einem kommerziellen Unternehmen. Das verändert Vieles: Strukturen, Teams, Prozesse und auch das Management. Deshalb suchen wir aktuell gezielt einen neuen CEO mit starkem kommerziellem Hintergrund, während ich mich perspektivisch wieder stärker auf die Forschung konzentrieren werde. Wir haben in den vergangenen Jahren eine solide Basis aufgebaut und stehen jetzt an einem entscheidenden Wendepunkt. Die kommenden Studiendaten werden zeigen, ob wir den Schritt zum kommerziellen Biotech-Unternehmen erfolgreich gehen. Das Potenzial ist da – jetzt zählt die finale Umsetzung. Worauf legen Sie Ihren Fokus? Unser Schwerpunkt liegt aktuell klar auf der erfolgreichen Fertigstellung der Phase-III-Studien mit unserem Kandidaten Vidofludimus Calcium in schubförmiger Multipler Sklerose, den erwarteten Topline-Daten gegen Jahresende sowie der Vorbereitung möglicher Zulassungsunterlagen und vorkommerzieller Aktivitäten. Parallel treiben wir bereits die nächste große Entwicklungsstufe voran – ein Phase-III-Programm in progressiver MS. Genau darin liegt aus meiner Sicht auch der transformative Charakter unserer aktuellen Unternehmensphase. Wir entwickeln uns strukturell und strategisch weiter und bereiten uns bewusst darauf vor, Produkte künftig selbst zu vermarkten. Gibt es einen Plan B, falls die US-Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung Ihres wichtigsten Präparats, Vidofludimus Calcium, kein grünes Licht geben sollte? Natürlich. Unser zweites großes Programm in der progressiven Multiplen Sklerose ist mehr als nur ein Backup – es hat aus unserer Sicht sogar das noch größere Marktpotenzial. Die Daten aus der Phase II sind überzeugend. Der Unterschied ist vor allem zeitlicher Natur: Hier sprechen wir eher über eine mögliche Zulassung Anfang der 2030er-Jahre. Was unterscheidet den Wirkansatz von Vidofludimus Calcium von bestehenden Therapien? Das zentrale Problem vieler MS-Patienten ist die fortschreitende Behinderung. Selbst moderne, derzeit zugelassene entzündungshemmende Medikamente können diese Progression oft nur begrenzt aufhalten. Patienten verlieren mit der Zeit Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität – trotz Therapie. Unser Ansatz zielt darauf ab, genau diesen Prozess zu beeinflussen. Wir adressieren einen Mechanismus, der direkt mit Neuroprotektion und Krankheitsprogression zusammenhängt. Die bisherigen Daten deuten darauf hin, dass wir gerade bei Patienten mit progressiver MS einen substanziellen Effekt erzielen könnten. Sollte sich das in den laufenden Studien bestätigen, wäre das medizinisch wie wirtschaftlich hochrelevant. Welche Umsatzpotenziale sehen Sie im Erfolgsfall? Für die schubförmige MS gehen wir von einem Peak-Sales-Potenzial von circa 1 bis 2 Mrd. Dollar aus. In der progressiven MS sehen wir zusätzliches Potenzial von sogar 2 bis 3 Mrd. Dollar. Der Schlüssel liegt in unserem Wirkmechanismus, der erstmals gezielt die Krankheitsprogression adressieren soll. Was macht Sie persönlich optimistisch für die kommenden Jahre? Ich glaube, dass wir in den vergangenen Jahren konsequent und sehr fokussiert gearbeitet haben. Die jüngste Finanzierung war ein starkes Signal des Marktes und hat gezeigt, dass institutionelle Investoren Vertrauen in unseren Weg haben. Das Orderbuch war außergewöhnlich stark überzeichnet – das erlebt man auch in der Biotech-Branche nicht alle Tage. Zugleich sehen wir langfristig enorme strukturelle Trends: Demografie, steigender medizinischer Bedarf und enorme Innovationsdynamik im Life-Science-Sektor. Europa und insbesondere Deutschland verfügen hier über viel wissenschaftliches Potenzial. Immunic hat aus meiner Sicht die Chance, sich in diesem Umfeld zu einem bedeutenden internationalen Biotech-Unternehmen zu entwickeln. Das Interview führte Christian Euler |
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Autor/Autorin

Christian Euler
Christian Euler gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de) und ist regelmäßig Autor von Beiträgen und Aktienanalysen. Als Redakteur beschäftigt er sich schon seit über 20 Jahren mit Wirtschaft und Finanzen.




