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Risikoaversion ist ein weiterer Punkt, der Frauen vom Aktiensparen fernhält. Wie kann der Berater die Sorge entkräften, im Crash „alles“ zu verlieren?

Schäfer: Risikoreicher ist es im aktuellen Zinsumfeld, das Geld auf dem Konto zu parken. Die Beratung muss Frauen den Kapitalmarkt einfach besser erklären: Auch nach einem Crash ist nicht alles weg – Corona ist das beste Beispiel. Die Realwirtschaft darbt noch, die Börsen hingegen haben sich längst erholt und klettern auf Rekordniveaus. Ich glaube, wir haben es nicht mit Risikoaversion zu tun, sondern vielmehr mit fehlendem Wissen.

Braun: Und am Kapitalmarkt selbst ist die geringe Risikoaffinität von Frauen ja sogar hilfreich: Sie betreiben kein Stock-Picking, sind weniger Trader, sondern eher Investorinnen. Das ist die solidere und bessere Variante, um Vermögen aufzubauen. Man muss nur das Wissen vermitteln, dass das Liegenlassen von Geld viel mehr Risiko birgt als Investieren am Kapitalmarkt. Schon die Information, dass Aktien und Fonds hinsichtlich der Rendite ab einem bestimmten Anlagehorizont fast alle anderen Anlageklassen schlagen, reicht oft aus.

Mangelnde Finanzbildung – diese Worte fallen immer wieder. Was muss besser werden?

Braun: Da sehe ich dramatischen Bedarf in Schulen – nicht nur für Frauen. Wirtschaftliche Grundbildung, Marktzusammenhänge und Börse gehören in den Unterricht. Der Lehrplan erweist sich als genauso überholt wie die Struktur der Altersvorsorge hierzulande. Es ist haarsträubend, wie in Deutschland mit dem Thema Kapitalmarkt umgegangen wird.

Schäfer: Das Thema muss tatsächlich in die Schulen. Finanzbildung darf nicht davon abhängen, ob ein Kind Eltern hat, die es an die Börse oder andere Investitionsmöglichkeiten heranführen können.

Der größte Börsengang des Jahres in unserem IPO im Fokus.

Braun: Wenn sich hinsichtlich der frühen Finanzbildung nichts tut, bleibt Deutschland ein Land, in dem in Hochphasen viele Ahnungslose in den Markt strömen – meist zum Ende eines Peaks –, sich dann beim Abflauen die Finger verbrennen und Aktien nicht mehr anfassen.

Wie haben Sie für das Alter vorgesorgt?

Braun: vor allem über Aktien. Früher habe ich, ganz im Sinne der männlichen Selbstüberschätzung, viel Stock-Picking betrieben, inzwischen habe ich mein Risiko gestreut und auch ETF und Fonds im Portfolio.

Schäfer: Meine Altersvorsorge ist etwas diversifizierter: Ich habe eine Immobilie als reines Vermietungsobjekt gekauft. Zudem spare ich seit dem Berufseinstieg monatlich in ETF; seit dem ersten Gehalt. Und zum Spaß kaufe ich hin und wieder auch ein paar Einzelaktien – allerdings nur als kleine persönliche Freude.

Über die Interviewpartner:
Marielle Schäfer ist bei Capco unter anderem Expertin im Bereich der personellen Entwicklung. Sie beschäftigt sich dabei besonders mit der zielgerichteten Ansprache von Frauen. Sie kümmert sich intensiv um die Themen Geldanlage und Vorsorge.
Alexander Braun ist Kapitalmarktexperte beim Beratungsunternehmen Capco. Er berät und unterstützt unter anderem Broker bei der Implementierung neuer Lösungen sowie im Bereich User Experience.

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