Bildnachweis: Autodoc SE.
AUTODOC aus Berlin hat seit 2008 eine beeindruckende Wachstumsstory geschrieben. Die drei Gründer ärgerten sich seinerzeit über die hohen Preise von so genannten Original-Ersatzteilen der Fahrzeughersteller. Heute ist das Unternehmen die führende digitale Pure-Play-Plattform im europäischen Automotive Aftermarket mit eigener technologischer Infrastruktur und vollständig integrierten operativen Prozessen. Von Stefan Preuß
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Nach der zündenden Idee und der Eröffnung des ersten Onlineshops 2008 befand sich das Unternehmen schnell auf Wachstumskurs. Das Geschäftsmodell entwickelte sich vor dem Hintergrund langfristiger struktureller Veränderungen hin zu digitalen Beschaffungswegen in einem stabilen Marktumfeld. Die Verbindung aus technologischer Eigenentwicklung, operativer Integration und europäischer Marktpräsenz bildet die Grundlage für die fortlaufende Skalierung des Geschäfts über unterschiedliche Märkte und Kundengruppen hinweg. Im laufenden Geschäftsjahr dürfte der Umsatz erstmals die Grenze von 2 Mrd. EUR überschreiten.
Die Berliner verfolgen das langfristige Ziel, Europas führendes Technologie-Ökosystem für den Kfz Ersatzteilmarkt zu werden – durch die Kombination von KI-gestützten Funktionen, datengestützter Entscheidungsfindung und einem verbesserten digitalen Erlebnis sowohl für Verbraucher als auch für professionelle Partner. Ein Börsengang steht weiterhin auf der Agenda des Unternehmens, sofern die allgemeinen Marktbedingungen stimmen. (siehe Interview mit CFO Lennart Schmidt).
Gründer wieder Alleineigentümer
Wenn denn die Börsenglocke erklingt, werden die drei Gründer Max Wegner, Alexej Erdle und Vitalij Kungel über die Ausgestaltung des IPOs entscheiden, denn über ihre Beteiligungsgesellschaft AutoTech GmbH & Co. KG halten sie wieder 100 % an der AUTODOC SE. Möglich wurde dieser Aktienrückkauf von der Apollo Group, dem Minderheitsinvestor, durch die Platzierung eines Term Loan B in Höhe von 530 Mio. EUR. Dabei handelt es sich um ein Kapitalmarktdarlehen, das primär von institutionellen Investoren wie Kreditfonds, Versicherungen oder CLOs finanziert wird. Eine Besonderheit ist, dass zwar halbjährlich Zinsen gezahlt werden, die Tilgung des Darlehens jedoch vollständig erst am Ende der Laufzeit erfolgt („Bullet Maturity“ bzw. Endfälligkeit). Als institutioneller Partner unterstützte Apollo AUTODOC mit strategischer Beratung dabei, den Zugang zu den institutionellen Kapitalmärkten auszubauen und das Unternehmen auf einen möglichen Börsengang vorzubereiten. Nach Abschluss der Transaktion traten die beiden Apollo-Vertreter im Aufsichtsrat von AUTODOC zurück. Künftig wird der Aufsichtsrat aus den drei Gründern und drei unabhängigen Mitgliedern bestehen.
Die Gründer hatten AUTODOC aus eigenen Mitteln aufgebaut und zu einem führenden europäischen Autoteilehändler entwickelt. Apollo kam später für rund zwei Jahre als Investor hinzu und unterstützte das Unternehmen insbesondere bei der Vorbereitung auf einen möglichen Börsengang, etwa bei Governance-Themen. „Nun wieder alleinige Eigentümer zu sein, ist für uns ein stolzer und zutiefst bedeutungsvoller Moment – einer, der unser langfristiges Engagement für die Zukunft des Unternehmens bekräftigt“, betonen die Gründer in einer gemeinsamen Erklärung.
Auf dem Weg zur Börse präsentiert sich AUTODOC nun als fokussierter Marktführer. Die Gründer sehen ihr Unternehmen bestens gerüstet, seine von den OEMs unabhängige Position zu nutzen und B2C- sowie B2B-Kunden in ganz Europa Mehrwert zu bieten. „AUTODOC ändert seine strategische Ausrichtung nicht und ist bereit, die zahlreichen Marktchancen zu nutzen, die wir klar vor uns sehen. Wir werden voll und ganz auf unseren digitalen Charakter setzen und weiterhin die Möglichkeiten von KI sowie vieler anderer Spitzentechnologien nutzen“, versprechen die Gründer.
„Wir führen das Unternehmen so, als wäre es bereits börsennotiert“Interview mit Lennart Schmidt, CFO, AUTODOC GoingPublic: Sie streben weiterhin einen Börsengang an: Welchen Zeitrahmen halten Sie für realistisch? Schmidt: Wir sind grundsätzlich bereit! Und wir führen das Unternehmen so, als wäre es bereits börsennotiert. Da wir davon überzeugt sind, dass unser operatives Wachstum anhalten wird, und da wir über die dafür notwendigen strukturellen Grundlagen verfügen, werden letztlich die Marktbedingungen den Ausschlag geben, wann der richtige Zeitpunkt ist. Aktuell sind die Bedingungen angesichts der geopolitischen und makroökonomischen Lage für uns allerdings nicht geeignet, um an die Börse zu gehen. Abgesehen vom IPO-Sentiment: Wie entwickeln Sie bis dahin Ihre Equity Story und den Investment Case weiter? Das erste Halbjahr 2026 hat unsere Widerstandsfähigkeit und operative Stärke in einem herausfordernden Umfeld belegt. Der Umsatz stieg in den ersten sechs Monaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp 13% auf mehr als 1 Mrd. EUR. Das bereinigte EBITDA legte sogar noch etwas stärker zu und angesichts unseres robusten Free Cashflows sind wir für die Zukunft gewappnet. Daneben erzielten wir in den vergangenen Monaten auch operativ enorme Fortschritte. So ist das Lager in Belgien inzwischen voll einsatzfähig, ein neues Lager in Manchester wurde eröffnet, die Ein weiterer Meilenstein war unser “AI Mechanic”, den wir in diesem Jahr vorgestellt haben. Der AI Mechanic schafft bereits vor Beginn der Suche einen Mehrwert, da er in den Kaufprozess einsteigt, wenn der Kunde noch eine Frage hat und noch keinen Produktnamen kennt. Ebenfalls wichtig: In kritischen Situationen ist der Assistent so konzipiert, dass er den Prozess verlangsamt – und nicht, um die Anfrage abzuschließen. Wie entwickelt sich das B2B-Geschäft? Unsere B2B-Sparte AUTODOC PRO stellen wir auf ein überwiegend digitales Angebot um und konzentrieren unsere Ressourcen auf das, was für Werkstätten am wichtigsten ist: ein erweitertes Produktsortiment, wettbewerbsfähigere Preise und eine schnelle Logistik. Dies soll die Profitabilität Automobil- und Zulieferindustrie stehen unter Druck. Beeinflusst die Situation ihr Geschäftsmodell? Wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Verschiebungen und der Strukturwandel innerhalb der Automobilindustrie werden die kommenden Jahre prägen. Das ist für uns keine überraschende Entwicklung. Anders als der Neuwagenmarkt erweist sich der Kfz-Ersatzteilmarkt in solchen Phasen oft als besonders resilient, da der Bedarf an Wartung und Reparatur bestehender Fahrzeuge hoch bleibt und Fahrzeuge tendenziell länger KI zählt zu den Grundpfeilern Ihres Geschäftsmodells. Welche Entwicklungen werden wir im Rahmen ihrer Anwendung mittelfristig sehen? AUTODOC setzt bereits seit Jahren modernste Technologien wie künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen ein, damit wir unseren Kunden ein herausragendes Erlebnis bieten können. Das grundlegende Ziel besteht darin, Kundenprozesse und interne Arbeitsabläufe effizienter, schneller und personalisierter zu gestalten. Wir betrachten künstliche Intelligenz als einen zentralen Motor unserer Unternehmensentwicklung. Wir gehen auch davon aus, dass KI-Anwendungen noch enger in die Wertschöpfungskette integriert werden – von präzisen Prognosen zu Nachfragetrends über dynamische Preisgestaltung bis hin zu automatisierten Logistikprozessen. Das Interview führte Stefan Preuß |
Zum Interviewpartner
Lennart Schmidt ist seit Januar 2023 CFO der Autodoc SE und verantwortet unter anderem Accounting, Financial Planning & Analysis, Investor Relations, Treasury und Tax. Zuvor war der studierte Wirtschaftswissenschaftler in verschiedenen Finanz- und Investor-Relations-Funktionen bei Volkswagen und Seat tätig. Bei Autodoc begleitete er unter anderem den Einstieg von Apollo sowie die Vorbereitungen für einen geplanten Börsengang.
Autor/Autorin

Stefan Preuß
Stefan Preuß ist Wirtschafts- und Finanzjournalist mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Kapitalmarktumfeld. Der gelernte Tageszeitungsredakteur war zudem als Investor-Relations-Manager tätig. Er gehört zum Team der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Er schreibt regelmäßig zu den Schwerpunktthemen IPOs, Vermögensanlage und Nachfolgelösungen.





