W&I-Versicherungen sind bei deutschen Large-Cap-Deals längst Standard. Genau deshalb lohnt der Blick auf die Details: ein M&A-Markt, der 2026 von geopolitischen Schocks gebremst wird, eine künstliche Intelligenz, die ganze Branchen disruptiert, und Beratungsleistungen, die zunehmend auch die Art des Underwritings bestimmen. Ein Überblick über die aktuellen Trends. Von Dr. Sebastian Schmitt

Dieser Beitrag ist auch im Special M&A Insurance erschienen!


Der deutsche M&A-Markt zeigte sich 2025 mit 2.586 Transaktionen leicht rückläufig – ein Minus von 6 % gegenüber dem Vorjahr –, gewann im ersten Halbjahr 2026 aber sichtbar an Fahrt: 1.490 Transaktionen bedeuteten ein Plus von 15 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Von höherer Bedeutung als die reine Anzahl ist jedoch, wo genau sich diese Aktivität abspielt.

Und hier zeigt sich ein differenziertes Bild: In der DACH-Region stieg das Private-Equity-(PE-)Volumen 2025 um 69 % auf 88,3 Mrd. EUR – bei nur 557 Deals, deutlich weniger als in früheren Jahren, aber mit weit höheren Durchschnittsvolumina. Das Muster wiederholt sich in Deutschland: Im ersten Quartal 2026 zählte der Markt 142 PE-Transaktionen, aber nur rund sechs mit veröffentlichtem Volumen – ein Hinweis, dass viel Aktivität im nicht-öffentlichen Small- und Mid-Cap-Bereich liegt, während wenige große Deals das Gesamtbild prägen. Weniger, aber größere und komplexere Transaktionen – das ist die Ausgangslage, vor der sich auch die W&I-Praxis 2026 bewegt.

Diese Konzentration auf wenige, große Deals passt zu einem Markt, der 2026 fragiler bleibt, als es die Kopfzahlen suggerieren. Die jüngsten geopolitischen Eskalationen sind dabei nur das deutlichste Beispiel für eine insgesamt gewachsene Unsicherheit darüber, wie sich politische Rahmenbedingungen entwickeln. Viele Käufer pausieren ihre Prozesse, statt sie abzubrechen; ein Muster, das sich auch in ungewöhnlich langen Vorlaufzeiten zeigt. Je größer und globaler ein Unternehmen aufgestellt ist, desto anfälliger ist es für politische Umwälzungen in Produktionsländern, Absatzmärkten oder Lieferketten.

Gerade bei Public-to-Private-Deals wird das deutlich. Ein bilateraler Small- oder Mid-Cap-Deal lässt sich in Deutschland oft in drei bis fünf Monaten abschließen; ein strukturierter Auktionsprozess dauert meist fünf bis acht Monate. Ein echtes Going Private braucht erheblich länger: Von der Ankündigung bis zur Mehrheitsübernahme kann gut ein Jahr vergehen – Delisting und ein möglicher Squeeze-out noch nicht eingerechnet. Für W&I-Policen bedeutet das: Signing und Closing liegen oft noch weiter auseinander als vor ein paar Jahren, und die Deckungskonzepte sollten diese gestreckten Zeiträume von vornherein mitdenken.

Strukturell bleibt Private Equity der zentrale Treiber mit klarer Verschiebung hin zu Carve-outs: Rund 71 % der PE-Investoren prüfen aktuell Portfolioabspaltungen. Für die W&I-Praxis bedeutet das mehr Komplexität pro Deal: TSA-Fragen, Stand-alone-Kosten und IT-Separation gehören daher inzwischen fast zum Standardrepertoire.

Künstliche Intelligenz als Megatrend

KI hat 2026 den Due-Diligence-Prozess erreicht: 21 % der M&A-Praktiker nutzten 2025 aktiv generative KI im Dealprozess, 2023 waren es erst 16 %; bei besonders aktiven Private-Equity-Häusern liegt die Nutzung bereits bei über 60 %. Eine Befragung von 1.000 Entscheidern in 27 Ländern zeigt: Die Hälfte setzt KI bereits regelmäßig in der Due Diligence ein und 62 % halten rein menschliche Entscheidungsfindung bei komplexen Deals nicht mehr für vertretbar.

Dahinter steckt mehr als reines Effizienzdenken. Man kann durchaus argumentieren, dass eine KI eine Change-of-Control-Klausel im Vertragstext zuverlässiger identifiziert als ein übermüdeter Associate um drei Uhr morgens. Die eigentliche Debatte in der W&I-Praxis ist deshalb weniger, ob KI „gut genug“ ist, sondern ob ihr Einsatz nachvollziehbar und überprüfbar bleibt.

Für W&I-Underwriter ist genau das zunehmend prüfungsrelevant. Der Marktkonsens ist pragmatisch: KI-gestützte Due Diligence wird akzeptiert, solange Transparenz und Nachvollziehbarkeit gewährleistet sind; Versicherer fragen gezielt nach, wo, wie und mit welchen Tools KI eingesetzt wurde und wie die Ergebnisse überprüft wurden. Je besser sich Vorbehalte wie Halluzinationen, fehlende Nuancenerfassung oder Black-Box-Effekte entkräften lassen, desto belastbarer die Deckungsposition.

Auf der Garantieseite rückt das Thema durch den EU AI Act zusätzlich in den Fokus: Käufer müssen künftig prüfen, ob die KI-Nutzung eines Zielunternehmens regulatorisch eingeordnet, dokumentiert und abgesichert ist – ein Punkt, der schon heute in Garantiekataloge und damit in die W&I-Deckung einfließt.

Large Cap, Mid Cap, Small Cap: unterschiedliche Spielregeln

Die Unterschiede zwischen den Dealgrößen treten deutlicher zutage. Im Grundsatz ist die Deckung über alle Segmente ähnlich, doch Limits, Retentions, Ausschlüsse und Wirtschaftlichkeit unterscheiden sich erheblich. Die alte Faustregel, Limits in Höhe von rund 10 % des Unternehmenswerts zu zeichnen, bricht an beiden Enden der Skala: Bei kleineren Deals um 40 Mio. EUR braucht es häufig deutlich mehr als 1 %; bei Large-Cap-Deals ab rund 1 Mrd. EUR pendeln sich gezeichnete Limits dagegen häufig darunter ein, weil die Tower-Kapazität eher risikomodellbasiert als prozentual bestimmt wird.

Auch beim Schadenbild zeigt sich nach unserer Beobachtung ein klares Muster: Kleinere Deals melden überproportional häufig Schäden, weil dünnere Due-Diligence-Prozesse und knappere Selbstbehalte schneller zu Schadenmeldungen führen. Large-Cap-Fälle sind seltener, dafür aber schadenintensiver. Beim Preisniveau gilt: Nach Jahren des Rückgangs hat sich der Markt 2026 stabilisiert, mit ersten, selektiven Anziehungstendenzen bei komplexeren Risiken. Von einer echten Marktverhärtung kann aber weiterhin keine Rede sein.

Insgesamt entwickeln sich die Segmente strukturell auseinander: Am oberen Ende etablieren sich maßgeschneiderte, mehrschichtige Programme, am unteren Ende digitalisierte Schnellprozesse. Diese Aufspaltung dürfte sich in den kommenden Jahren weiter verstärken, da Large-Cap-Programme zunehmend komplexer und Small-Cap-Prozesse zunehmend standardisierter werden.

Fazit

W&I-Versicherungen bei Large Caps sind in Deutschland etabliert – doch das Umfeld verändert sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Der M&A-Markt bleibt 2026 widersprüchlich: hohe Dealwerte auf dem Papier, aber durch geopolitische Schocks verlangsamte, stärker bedingte Prozesse in der Praxis. Künstliche Intelligenz verändert nicht das Grundprinzip der Deckung, wohl aber die Anforderungen an die Nachvollziehbarkeit der Due Diligence. Und die Gräben zwischen Large-, Mid- und Small Cap vertiefen sich weiter, bei Limits und Retentions ebenso wie in der Produktgestaltung. Für den Markt heißt das mehr denn je: Es kommt auf ein differenziertes Marktverständnis, klare Standards für KI-gestützte Due Diligence und Policen an, die zu einer Welt passen, in der gerade Large-Cap-Deals länger dauern und seltener planmäßig verlaufen.

Autor/Autorin

Dr. Sebastian Schmitt
Co-Head DACH-Region at Liberty GTS

Dr. Sebastian Schmitt ist Co-Head der DACH-Region bei Liberty GTS und seit 2018 einer der führenden Underwriter für Immobilien- und Private-Equity-Transaktionen. Zuvor war er über sechs Jahre als zugelassener Anwalt bei Clifford Chance tätig, wo er sich auf komplexe, oft grenzüberschreitende Transaktionen spezialisierte.