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Ein Problem der Bundesregierung ist ihre defensive Aufstellung. Vom Spritpreis über die Inflation bis zum Wehrdienst – meist ist sie Getriebene. Umso erstaunlicher war es, als Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) im Spätsommer mit dem „Zukunftsdepot“ ein Offensivthema forcierte. Von Karl Fuchs
Dieser Artikel ist auch im Special Österreich erschienen!
Die Idee: Künftig soll es möglich sein, für Kinder und Jugendliche bis zur Volljährigkeit ein Wertpapierdepot zu eröffnen. Bis zu 5.000 EUR pro Jahr können veranlagt werden. Banken verrechnen keine Gebühren, der Staat verzichtet auf die Kapitalertragsteuer. Mit dem 18. Geburtstag entscheiden die Jugendlichen, was sie mit dem Angesparten machen. Die Schaffung von Eigentum ist genauso möglich wie eine Investition in den Bildungsweg oder die weitere Veranlagung, etwa zur Pensionsvorsorge. Beispiel: Bei einer Veranlagung von 1.800 EUR pro Jahr und einer durchschnittlichen Rendite wäre das Depot im Alter von 18 mit rund 63.000 EUR gefüllt.
Machtwort des Souveräns
In der schwarz-rot-pinken Regierung stand das Projekt auf Grün. Allein: Nach der Präsentation geriet Sand ins Getriebe. Stocker plädierte weiter für den Kapitalmarkt und „mehr Kapital für Innovation und Investitionen.“ NEOS blieben auch beim „Ja“, doch Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) stellte den Starttermin per 1. Januar 2027 als „praktisch unmöglich“ infrage. Und obwohl im Budget von Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP) 40 Mio. EUR für einen zusätzlichen „Startbonus“ für Depots von Neugeborenen in Höhe von je 500 EUR eingeplant sind, sorgte er sich plötzlich um die
Gegenfinanzierung. Andere SPÖ-Vertreter orteten überhaupt eine Maßnahme für Besserverdienende. Einem Praxistest hält die Zuspitzung nicht stand – denn auch bei geringen Beträgen rentiert sich das Depot. So sieht das auch die Bevölkerung. Meinungsforscher Peter Hajek befragte vom 14. bis 17. September im Auftrag des Aktienforums online 500 Österreicherinnen und Österreicher (max. Schwankungsbreite: ±4,4 %). Das Ergebnis: Mit Ausnahme der FPÖ-Wählerschaft gibt es bei allen Wählergruppen Mehrheiten für den Stocker-Vorstoß. Auf die Frage, was sie vom Zukunftsdepot halten, sagen 53 % der Befragten, es sei eine „sehr gute“ (22 %) oder „eher gute“ Idee (31 %). 33 % sind nicht überzeugt (14 % „weniger gute“, 19 % „gar keine gute Idee“). Betrachtet man die Wählerschaft der Parteien, ist jene der ÖVP am euphorischsten: Gleich 85 % sind vom Depot begeistert, 54 % halten es für eine „sehr gute“, 31 % für eine „eher gute Idee“. Bei den Sozialdemokraten sind auch 75 % positiv (21/54), bei NEOS 58 % (20/38). Auch die oppositionellen Grünen sind zu 57 % unterstützend (26/31). Nur bei der FPÖ herrscht Kritik vor: Immerhin sind auch hier 37 % für die Idee (11 % „sehr gut“; 26 % „eher gut“); dagegen sind 53 % (17 % „weniger gute Idee“; 36 % „gar keine gute Idee“).
Basis gegen Spitze
Erstaunliches fördert die Frage nach der Einstellung zum 500-EUR-Startgeld für Neugeborene zutage. Hier stellen sich die SPÖ-Wähler zu 70 % gegen das eigene Finanzressort und sind die stärkste Gruppe, die für einen Bonus eintritt (33 % „sehr gute Idee“; 37 % „eher gute Idee“). Bei der ÖVP sind es 61 % (38/23), bei NEOS dagegen nur 45 % (15/30). In dieser Frage sind die Grünen eher auf Linie des Kanzlers – und zwar zu 52 % (13/39). Am skeptischsten sind erneut Freiheitliche, auch wenn 35 % der Idee einiges abgewinnen können (14/21).
Steuern runter!
Noch eindeutiger ist das Meinungsbild, wenn unabhängig vom Zukunftsdepot Kapitalmarktinvestitionen für die private Pensionsvorsorge steuerlich begünstigt werden sollen. In der Gesamtbevölkerung halten das 71 % für wünschenswert (36 % „sehr gute Idee“; 35 % „eher gute Idee“). Hier liegen wieder die ÖVP-Wähler mit 90 % vorne (58/32); danach folgt die am Kapitalmarkt sehr stark investierte Wählerbasis der Grünen mit 82 % Zustimmung (51/31). Auf Platz drei rangieren die SPÖ-Wähler mit einer für manch Parteigranden wohl erstaunlichen Zustimmung von 80 % (40/40). NEOS-Wähler finden sich mit 78 % Zustimmung auf Platz vier (37/41). Schlusslicht ist auch hier die FPÖ-Wählerschaft, was man bei einer Zustimmungsrate von 69 % (33/36) für eine steuerliche Begünstigung aber nicht negativ werten muss. Kaum Unterschiede gibt bezüglich der Form der steuerlichen Entlastung. In der Gesamtbevölkerung hielten 71 % der Befragten die Steuerfreistellung eines jährlichen Betrags für sinnvoll (33
% „sehr gute Idee“; 38 % „eher gute Idee“). 73 %, also etwas mehr, können einer Behaltefrist, die es in Österreich bis 2011 gab, etwas abgewinnen (36/37).
Rote Laterne
Im Bereich des Wertpapiersparens vollzieht die Bevölkerung einen internationalen Trend: Denn 31 von 32 untersuchten europäischen Staaten kennen Behaltefristen, Freibeträge oder Anlagekonten, welche die private Vorsorge fördern. Die letzte Trutzburg, die sich gegen jede Form steuerlicher Anreize in der Pensionsvorsorge sperrt, ist die Alpenrepublik. In der Schweiz, den Niederlanden, Polen oder auch Griechenland sind private Kursgewinne generell steuerfrei. Die meisten anderen Staaten, etwa Deutschland oder Frankreich, haben Mischsysteme aus Freibeträgen, Behaltefristen, Anlagekonten oder ermäßigten bzw. gestaffelten Sätzen.
Fazit
Hoffnungslos sollte man aus Kapitalmarktsicht nicht sein. Vor gut zehn Jahren galten Österreicher als Wertpapiermuffel. Seither hat sich der Anteil der Wertpapierbesitzer rund versechsfacht. Aktuell ist rund ein Drittel in Wertpapieren investiert. Auch der mediale Wind hat sich gedreht; zuletzt argumentierte etwa „Der Standard“ in Richtung einer Senkung von Wertpapiersteuern (6. September). Vielleicht also bringt der positive Druck der Straße das „Zukunftsdepot“ und generell die steuerliche Erleichterung von Kapitalmarktinvestments für die Pensionsvorsorge schneller ans Ziel als geglaubt.
Autor/Autorin

Karl Fuchs
Karl Fuchs ist Geschäftsführer des Aktienforums – Österreichischer Verband für Aktien-Emittenten und -Investoren.







