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Die aktuellen Rahmenbedingungen stellen Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen und sind von Unsicherheit sowie zunehmender Komplexität geprägt. Seit Jahren beeinflussen volatile Märkte, geopolitische Spannungen, regulatorische Veränderungen, der Klimawandel sowie konjunkturelle Risiken maßgeblich die Transformationsagenda. Gleichzeitig treiben technologische Entwicklungen den Wandel weiter voran: Fortschritte in der künstlichen Intelligenz (KI), zunehmende Cyberrisiken sowie die Verbreitung von Fake News führen zu grundlegenden Veränderungen von Geschäftsmodellen, Prozessen, Arbeitsweisen und Kommunikationsstrukturen. Von Dr. Martin Steinbach und Christina Ohde
Dieser Beitrag erscheint in der neuen GoingPublic Ausgabe!
Unternehmen sind dabei einem erheblichen Transformationsdruck ausgesetzt und befinden sich in tiefgreifenden und vielschichtigen Veränderungsprozessen, deren Implikationen Investor Relations (IR) transparent und glaubwürdig am Kapitalmarkt vermitteln muss. Im Spannungsfeld zunehmender Komplexität gewinnt IR weiter an Bedeutung und bringt im Rahmen strategischer Neupositionierungen wichtiges Feedback aus dem Kapitalmarkt ein.
Eine aktuelle Studie1 beschäftigt sich mit folgenden Fragestellungen: Zu welchen Veränderungen haben die Transformationsprozesse in Unternehmen geführt? Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Equity Story, die Finanzberichterstattung, z.B. nach IFRS 8 oder IFRS 18, sowie die Rollen von IR, Vorstand und Aufsichtsrat aus? Welchen Einfluss haben die Entwicklungen auf die Investorenansprache, auf die Ad-hoc-Prozesse, auf die durch Veränderungsprozesse häufiger auftretenden Fake News und auf die IR-Praxis?
Technologische Veränderungen in Transformationsagenda ganz oben
Zu den relevantesten Transformationsprozessen zählt für die IR-Officer die technologische Transformation – insbesondere rund um KI und die Digitalisierung. Gleichzeitig beeinflusst die Transformation verschiedene Stellen im Unternehmen: Technologisch dominieren für die IR Officer die Einführung neuer Technologien wie KI, die Digitalisierung von Prozessen, die Produktentwicklung oder die Produktion und der Aufbau moderner Daten und IT Infrastrukturen. Auf kultureller und personeller Ebene stehen der Aufbau neuer Kompetenzen – insbesondere im KI-Bereich – sowie neue Formen der Zusammenarbeit im Vordergrund, während bei den finanziellen und kapitalmarktbezogenen Auswirkungen vor allem die Weiterentwicklung der Equity Story und veränderte Erwartungen von Kapitalmarkt-Stakeholdern eine Rolle spielen. Die Transformation führt darüber hinaus zu Veränderungen in der Strategie und Organisation, nämlich beim Risikomanagementsystem, der stärkeren Integration neuer Themen in Planung und Steuerung (z.B. ESG, Daten und Technologie) sowie der Anpassung von Lieferketten und Produktionsstrukturen.
IFRS 8, 18, 16 und IAS 36 besonders erklärungsbedürftig
In Zeiten des permanenten Wandels sind für IR-Officer insbesondere IFRS 8, der ab 2027 anzuwendende IFRS 18, IFRS 16 und IAS 36 besonders relevant und erklärungsbedürftig, da sie zentrale Elemente der externen Finanzberichterstattung betreffen und regelmäßig Rückfragen zur Segmentlogik, Ergebnisdarstellung sowie zur Ableitung zentraler Steuerungsgrößen auslösen. Bei IFRS 8 haben sich in den vergangenen fünf Jahren transformationsbedingte Anpassungen ergeben, etwa durch inhaltliche Neudefinitionen oder Umbenennungen bestehender Segmente. Mit IFRS 18 rücken die neue Kostenartenstruktur und die künftige Bedeutung von IFRS-Zwischensummen stärker in die Kapitalmarktkommunikation. Die meisten Unternehmen wollen weiterhin EBIT und/oder EBITDA als MPMs (Management-Defined Performance Measures) verwenden und sehen einen erhöhten Informationsbedarf gegenüber Analysten und Investoren.
Boardroom und IR-Praxis zwischen Routine und Veränderung
Die Rolle von Vorstand und Aufsichtsrat verändert sich in der Transformation deutlich. Der CEO übernimmt eine stärker ausgeprägte Verantwortung für Strategie, Veränderung und Innovation, während der CFO seine Rolle um technologische Fähigkeiten erweitert, sich stärker zum „Value Creator“ und Businesspartner des CEO entwickelt und zugleich stärker in das Blickfeld von Investoren und Analysten rückt.
Vom Aufsichtsrat wird erwartet, dass er sich fachlich breiter aufstellt und neue Kompetenzen aufbaut, insbesondere mit Blick auf KI. Er sollte sich außerdem intensiver mit strategischen Fragen der digitalen Transformation und Nachhaltigkeit sowie mit regulatorischen Veränderungen beschäftigen. Entsprechend gewinnen Aufsichtsratsausschüsse für Technologie, KI bzw. Digitalisierung, Strategie, Risiko und Vergütung in Zukunft an Bedeutung.
Für IR entsteht durch die Transformation ein erweitertes Profil, das verstärkt Markttrends und Branchenentwicklungen beobachtet, enger mit Strategie, Technologie und Innovationsabteilungen interagiert und mehr Branchen- sowie IFRS Know how aufbauen muss, um strategische Entscheidungen und Transformationsauswirkungen nachvollziehbar zu vermitteln. Schließlich verändern sich auch IR Formate und Kommunikationsanforderungen. Die Investorenkonferenzen bleiben in Zeiten der Transformation ein wichtiges Format und finden laut den befragten IR-Verantwortlichen häufig im Januar, März und Mai sowie im September und November statt. Auch der Kapitalmarkttag wird in der Transformation bedeutsamer, da Unternehmen dort technologische Schwerpunkte und digitale Entwicklungen stärker in den Blick nehmen und kommunizieren. Zudem gewinnen virtuelle und hybride Formate an Bedeutung. Parallel dazu steigt der Bedarf an Analysten und Investoren Education, weil neue Geschäftsmodelle oder Segmente mehr Erklärungstiefe erfordern, Feedbackmechanismen mit Analysten zunehmen und die Identifikation sowie die Beziehungspflege mit relevanten Analysten in der Branche an Bedeutung gewinnen. Im Ad hoc Prozess bleibt die Beurteilung der Kursrelevanz die größte Herausforderung, während im Umgang mit Falschinformationen insbesondere ein kontinuierliches Monitoring, eine proaktive Kommunikation mit Investoren und eine enge Zusammenarbeit mit Public Relations essenziell sind.
IR ist „Übersetzer“ im Spannungsfeld zunehmender Komplexität
Die aktuelle Studie zeigt, dass tiefgreifende Transformationsprozesse und eine hohe Marktdynamik den Druck auf Unternehmen erhöhen. IR ist gefordert, Entwicklungen und Auswirkungen schneller einzuordnen und Unternehmensentscheidungen transparent zu erklären. In diesem Kontext übernimmt IR die Rolle eines „Übersetzers“, der Veränderungen und ihre Implikationen für den Kapitalmarkt frühzeitig einsortiert und klar kommuniziert. Ein ganzheitliches Assessment der IR Readiness unterstützt dabei, die unternehmensspezifischen Implikationen zu analysieren, den Transformationsprozess im eigenen Sektor gut vorzubereiten und als wichtige Schnittstelle zum Kapitalmarkt aktiv zu begleiten.





