Bildnachweis: Wiener Börse / Akos Stiller.

Der direct market plus der Börse Wien gilt als großer Erfolg, weil er als regulatorisches und finanzielles Einstiegssegment passgenau auf die Bedürfnisse kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) sowie wachstumsstarker Start-ups zugeschnitten ist. Er nimmt damit kleineren Unternehmen die Angst vor den Hürden eines Börsengangs. Von Stefan Preuß

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Die Erfolgsfaktoren lassen sich klar benennen. Der Einstieg ist im Vergleich zum regulierten Markt einfach, schnell und kostengünstig. Seit Juli wird das Segment sogar als registrierter EU-KMU-Wachstumsmarkt anerkannt. „Damit wird der Kapitalmarktzugang für kleine und mittlere Gesellschaften sowie Wachstumsunternehmen weiter erleichtert – etwa durch Ausnahmen von der Prospekterstellung bei Kapitalerhöhungen und einen reduzierten Prospektumfang bei einem Aufstieg in den prime market oder standard market (Amtlicher Handel). Die gesetzliche Grundlage für die Registrierung wurde mit der nationalen Umsetzung des EU Listing Act geschaffen“, teilte die Wiener Börse dazu mit.

Funktion als Türöffner

Ein Listing im direct market plus dient oft nicht primär der Generierung von Eigenkapital – er fungiert darüber hinaus als Türöffner für alternative Finanzierungen. Die erhöhte Sichtbarkeit und die geprüfte Transparenz steigern die Kreditwürdigkeit bei Banken und erleichtern die Emission von Instrumenten wie Green Bonds. Unternehmen werden durch einen sogenannten Capital Market Coach begleitet. Das sichert die Qualität und das Vertrauen der Investoren, ohne die internen Ressourcen des gelisteten Unternehmens zu überfordern.

Das Segment füllt somit eine Finanzierungslücke im österreichischen und generell im europäischen Raum. Wie wichtig diese Funktion ist, zeigt sich am Wachstum des Segments, das zahlreiche Unternehmen angelockt hat. Mit der BIOGENA Good Vibes AG startete im September ein österreichisches Gesundheitsunternehmen mit internationalem Wachstumskurs im direct market plus. Den Handelsstart läutete Gründer und CEO Dr. Albert Schmidbauer traditionell mit der Börsenglocke ein. Die Baader Bank betreut die Aktie im fortlaufenden Handel als Market Maker. Das Bankhaus Martin begleitete die Aktienemission. Die BIOGENA GROUP mit Sitz in Salzburg entwickelt und produziert Premium-Mikronährstoffpräparate in Österreich. Zu ihrem weiteren Angebot zählen funktionelle Gesundheitsprodukte, personalisierte Gesundheits- und Longevity-Konzepte sowie Beratungsangebote.

Dr. Albert Schmidbauer läutet an der Wiener Börse das weitere Wachstum ein || Foto: © Börse Wien

Mehr als ein finanzieller Meilenstein

„BIOGENA ist aus der Überzeugung entstanden, Gesundheit neu und ganzheitlich zu denken – und aus diesem Anspruch ist über die Jahre eine Unternehmensgruppe mit internationaler Perspektive gewachsen. Die Notierung der BIOGENA Good Vibes AG ist für mich deshalb weit mehr als ein finanzieller Meilenstein: Sie ist der nächste konsequente Schritt in unserer Entwicklung. Der Zugang zum Kapitalmarkt eröffnet uns neue Möglichkeiten, unsere Ideen schneller in die Welt zu bringen, international weiter zu wachsen und BIOGENA langfristig als starke österreichische Gesundheitsmarke zu positionieren“, so Dr. Schmidbauer beim Läuten der Börsenglocke. Mehr zum Listing der Biogena Good Vibes AG lesen Sie im Interview auf S. 22.

Bereits seit Juli 2025 ist die REPLOID Group AG im direct market plus gelistet. REPLOID ist auf den Bau modularer Systeme zur industriellen Insektenzucht spezialisiert und will damit einen Beitrag zur nachhaltigen Kreislaufwirtschaft leisten. „Um unsere Vision konsequent voranzutreiben, brauchen wir mehr Sichtbarkeit, Transparenz und eine neue unternehmerische Dimension. Das Listing an der Wiener Börse ist dafür ein Auftakt, auf den weitere Schritte am Kapitalmarkt folgen sollen“, sagt Dr. Philip Pauer, Gründer und CEO der REPLOID Group AG.

Zur Wahl des Segments erklärt Pauer: „Der direct market plus ermöglichte uns als jungem Wachstumsunternehmen den idealen Einstieg in den Kapitalmarkt. Das Segment bot die Flexibilität, die wir in dieser Phase brauchten, und forderte zugleich Kapitalmarktdisziplin ein. So haben wir frühzeitig Strukturen aufgebaut, die wir auf Sicht ohnehin benötigen. Zudem ist der Listing-Prozess vergleichsweise unkompliziert, und die Kosten sind überschaubar.“

Die Börse biete zusätzliche Möglichkeiten, Kapital für das weitere Wachstum aufzunehmen. Ein Listing biete aber noch vielerlei weitere Vorteile: „So können die Aktien einfach übertragen und gehandelt werden. Auch die damit verbundene Sichtbarkeit ist gerade für ein junges Unternehmen enorm wichtig. Das gilt nicht nur gegenüber Investoren, sondern auch gegenüber Geschäftspartnern und Mitarbeitern.“

Dr. Pauers Zwischenfazit nach 15 Monaten: „Wir würden den Schritt an die Börse jederzeit wieder wagen. Ja, damit sind Kosten verbunden, und ja, für ein dynamisches Scale-up sind manche Formalismen zunächst ungewohnt. Dafür profitiert das Unternehmen von der damit einhergehenden Professionalisierung in allen Bereichen. Für uns war der direct market plus von Anfang an als Einstieg gedacht, mit dem prime market als Ziel. Wir bereiten uns schon auf das Uplisting im Sommer 2027 vor.“

Der Handelsbeginn der Reploid-Aktie wurde traditionell durch CEO Philip Pauer (rechts) und CBO (Chief Biology Officer) Jonas Finck mit der Börsenglocke eingeläutet || Foto: © Börse Wien

Positives Feedback von Kunden und Investoren

Das Feedback der Kunden sei positiv. REPLOID verkauft Anlagen im Millionenwert. „Wer eine solche Investition tätigt, will genau wissen, mit wem er es zu tun hat. Eine Aktiengesellschaft, deren Informationen öffentlich zugänglich sind und die Börsenregularien einhalten muss, wird anders wahrgenommen. Die Early-Stage-Investoren halten uns die Treue und bauen ihr Engagement eher aus“, berichtet der CEO.

Interesse auch bei italienischen Unternehmen

Die Gallmetzer HealthCare S.p.A. feierte im Dezember 2025 ihr Debüt an der Wiener Börse. Die Unternehmensgruppe ist im Bereich Mund- und Zahnpflege tätig. Ihr Markenportfolio entlang der gesamten Wertschöpfungskette reicht von der Herstellung eigener Produkte, z.B. Anästhesiemitteln
und nachhaltigen Mundpflegeprodukten, bis hin zum zahnmedizinischen Vertrieb eigener Produkte und Handelswaren. Mit dem Börsengang schlagen wir ein neues Kapitel in der Entwicklung unseres Unternehmens auf. Als zweitgrößte Dental-Holding in Italien stärkt Gallmetzer HealthCare durch ihre Präsenz am Kapitalmarkt das Vertrauen von Partnern und Kunden und schafft gleichzeitig die Grundlage dafür, unsere einzigartige Markenfamilie in Europa weiter auszubauen“, sagt CEO Dietrich Gallmetzer zum Listing.

Dr. Dietrich Gallmetzer läutet die Börsenglocke: Der direct market plus ist auch für italienische Unternehmen interessant || Foto: © Börse Wien

Fazit

Mit dem direct market plus bietet die Wiener Börse das richtige Produkt zur richtigen Zeit an. Wie die gute Nachfrage zeigt, trifft die vereinfachte Regulatorik genau die Bedürfnisse der Zielgruppe. Wichtig dabei: Es geht um weit mehr als Kapitalzuflüsse. Professionalisierung, Sichtbarkeit und Zugang zum Kapitalmarkt genügen hier als Stichworte.

„Im Fokus stand die Weiterentwicklung unseres Gesundheitsmodells“

Interview mit Dr. Albert Schmidbauer, Gründer und CEO, BIOGENA Good Vibes AG

GoingPublic: Was hat Sie veranlasst, an den direct market plus der Börse Wien zu gehen?

Dr. Schmidbauer: BIOGENA ist in den vergangenen 20 Jahren weit über seine Anfänge mit Mikronährstoffen hinausgewachsen. Wir verbinden heute wissenschaftlich entwickelte Produkte mit Diagnostik, Wissen, Beratung und Gesundheitsangeboten an eigenen Standorten. Unser Ziel ist es, daraus die Gesundheitsdestination der Zukunft zu entwickeln. Der direct market plus war für uns ein sinnvoller nächster Schritt, um diese Entwicklung am Kapitalmarkt sichtbar sowie unsere Aktie handelbar zu machen und die Voraussetzungen für weiteres Wachstum zu stärken.

Welche Ziele standen im Fokus?

Im Fokus stand die Weiterentwicklung unseres gesamten Gesundheitsmodells. Wir haben über Jahre in Wissenschaft, Qualität, eigene Produktion und unsere Infrastruktur investiert. Jetzt wollen wir dieses Fundament nutzen, um mehr Menschen mit unseren Angeboten zu erreichen – über digitale Kanäle, Apotheken und Orte, an denen Beratung, Diagnostik und Gesundheit unmittelbar erlebbar werden. Dafür ist Wachstumskapital
wichtig. Ebenso wichtig ist aber, dass Menschen verstehen, wohin sich BIOGENA entwickelt. Mehr als 2.300 neue Aktionäre haben sich an diesem
Weg beteiligt. Viele von ihnen kennen uns bereits als Kunden. Dass aus dieser Verbindung auch eine Beteiligung am Unternehmen entstehen kann, ist für mich ein besonderer Teil dieses Schritts.

Welches Zwischenfazit können Sie ziehen: Welche Erwartungen haben sich bewahrheitet, welche nicht? Wie hoch ist der Aufwand für die Vorbereitung auf das Listing wirklich?

Wenige Wochen nach dem Handelsstart wäre ein abschließendes Fazit verfrüht. Bestätigt hat sich für mich aber, dass Interesse an der Idee hinter BIOGENA besteht: Wie können wir Menschen dabei begleiten, ihre Gesundheit besser zu verstehen und früher etwas für sie zu tun? Wie wird aus Produkten, Wissen, Diagnostik und persönlicher Beratung ein Angebot, das im Alltag wirklich nützt? Der Aufwand für das Listing ist jedenfalls größer, als ein Blick auf den ersten Handelstag vermuten lässt. Unternehmensstruktur, Zahlen, rechtliche Unterlagen und Kommunikation müssen zusammenpassen – und danach beginnt der laufende Dialog mit dem Kapitalmarkt.

Welches Feedback erhalten Sie von Kunden und Investoren?

Unsere Kunden kennen BIOGENA oft aus eigener Erfahrung: über unsere Produkte, die Beratung oder einen Besuch an einem unserer Standorte. Viele interessiert deshalb, wie sich das Unternehmen weiterentwickelt. Von Investoren kommen konkrete Fragen dazu, wie unsere Angebote ineinandergreifen und welche Wachstumsmöglichkeiten wir insbesondere in Deutschland, im Apothekenmarkt und mit unseren Gesundheitsstandorten sehen. Dieser Austausch ist wertvoll, weil wir dadurch unsere Strategie als Gesundheitsdestination der Zukunft immer wieder klar und nachvollziehbar erklären dürfen.

Was möchten Sie zu Ihren eigenen Erfahrungen mit dem Listing mitteilen?

Als ich mit BIOGENA begonnen habe, musste ich oft erst erklären, warum Mikronährstoffe und Prävention relevant sind. Heute fragen immer mehr Menschen, wie sie möglichst lange gesund, aktiv und selbstbestimmt leben können. Wir haben über viele Jahre daran gearbeitet, ihnen darauf fundierte Antworten zu geben. Der Handelsstart war für mich ein sehr persönlicher Moment. Er zeigt, wie weit BIOGENA gekommen ist. Zugleich stehen wir mit unserer Idee einer Gesundheitsdestination der Zukunft erst am Anfang dessen, was möglich ist. Das Vertrauen unserer Kunden, Partner und neuen Aktionäre ist für mich Ansporn, diesen Weg konsequent weiterzugehen.

Das Interview führte Stefan Preuß

 

Zum Interviewpartner

Dr. Albert Schmidbauer, Gründer und CEO, BIOGENA Group || Foto: BIOGENA

Dr. Albert Schmidbauer ist Gründer und CEO der BIOGENA Group sowie Gründer der Schmidbauer Group. Der Mehrfachunternehmer gründete BIOGENA 2006 und baute zuvor bzw. parallel unter anderem die Apothekenmarke NICAPUR, das IKUNA Naturresort sowie mehrere Beteiligungs- und Managementgesellschaften auf. Inhaltlich beschäftigt er sich insbesondere mit Prävention, Longevity und wissenschaftsbasierten Gesundheitskonzepten sowie nachhaltigem Unternehmertum. Schmidbauer absolvierte unter anderem eine Weiterbildung am Cambridge Institute for Sustainability Leadership.

Autor/Autorin

Stefan Preuß
Redaktionsleiter GoingPublic at  | Website

Stefan Preuß ist Wirtschafts- und Finanzjournalist mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Kapitalmarktumfeld. Der gelernte Tageszeitungsredakteur war zudem als Investor-Relations-Manager tätig. Er gehört zum Team der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Er schreibt regelmäßig zu den Schwerpunktthemen IPOs, Vermögensanlage und Nachfolgelösungen.