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Als wir uns zuletzt an dieser Stelle den Emerging Markets (EM), genauer: Schwellenländern auf dem Weg zu Industrienationen widmeten, wurde diesen noch von allen Seiten ein fortlaufendes, nachhaltiges Wachstum bescheinigt. BRIC (Brasilien, Russland, Indien, China) und CIVET (Kolumbien, Indonesien, Vietnam, Ägypten, Türkei – eine Wortschöpfung von Steve Burrill, Ausgabe 8-9 2011) konnten diesen Voraussagen allerdings nur teilweise gerecht werden – nicht zuletzt aufgrund der schwächelnden Eurozone und USA. Die meisten Schwellenländer weisen inzwischen eine klar nachlassende Wachstumsdynamik auf. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass die EMs gegenüber den etablierten Märkten noch immer deutlich mehr Wachstumspotenzial besitzen. Sind sie die Rettung für die Weltwirtschaft und für Börsengänge & Kapitalaufnahmen?

Global IPOs

In den letzten zehn Jahren sind BRIC & Co. um durchschnittlich 5,8% p.a. gewachsen. Laut einer Marktprognose von Ernst & Young wird die Wachstumsrate der Developed Markets (DMs) auch in der nächsten Dekade um durchschnittlich 3,5 Prozentpunkte übertroffen werden. Der Wachstumsvorteil spiegelt sich in der aktuellen globalen IPO-Statistik wider: Zwei Drittel aller Börsengänge im zweiten Quartal fanden in den EMs statt. Ähnliches gilt auch für die Größe. Facebook steht zwar unangefochten an der Spitze, aber auf den Plätzen zwei und drei folgen Unternehmen aus Asien. So sammelte der malaysische Agrarkonzern Felda Global Ventures bei seinem Börsendebüt im Juni 3,1 Mrd. USD ein. Den dritten Platz teilen sich der chinesische Aktienbroker Haitong Securities und der malaysische Klinikbetreiber IHH Healthcare, die jeweils rund 1,9 Mrd. USD erlösten.

Quelle: Oxford Economics

EMs geraten ins Stocken

Viele EMs – mit wenigen Ausnahmen – konnten die Wachstumserwartungen bislang nicht erfüllen. Ernst & Young mussten ihre diesjährige Wachstumsprognose von 5,9 auf 4,9% korrigieren. Die Gründe für die Verlangsamung sind vielfältig: So waren die osteuropäischen Staaten stark von der Eurokrise betroffen. Für Polen z.B. wird ein Einbruch des Wachstums von 4,3% (2011) auf 2,7% erwartet. Für die Türkei gab es zuletzt positive Nachrichten: Moody‘s hob die Bonitätseinschätzungen auf nur noch eine Stufe unter Investment-Grade-Niveau, und auch die Inflationsrate entwickelt sich positiv. Das Wirtschaftswachstum nimmt seit 2010 (9%) allerdings beständig ab und dürfte in diesem Jahr gar auf 4% zurückgehen. Hauptproblem der Türkei ist das nach wie vor hohe Leistungsbilanzdefizit, getrieben durch hohe Energieimporte. Öl und Rohstoff exportierende Länder wie Russland, die Staaten im Mittleren Osten oder Nigeria wurden jüngst durch Preissenkungen getroffen. Im Juni stoppte der Ölpreis immerhin seine Talfahrt. Nach der letztjährigen Regierungskrise ist auch Nigeria – wie Ägypten und Tunesien nach dem „Arabischen Frühling“ – wieder auf einem guten Weg. Eine Studie der Citigroup geht für Nigeria bis 2050 sogar von einem Wachstum von durchschnittlich 8% p.a. aus. Nach Kontinenten weist Afrika nach Asien mit durchschnittlich 4,9% p.a. die zweithöchsten Wachstumsraten aus und wird auch in Zukunft von seiner geringen Verschuldung, der Liberalisierung der Märkte und dem Rohstoffhunger v.a. der Asiaten profitieren. Trotz der – von vielen Experten betonten – Unabhängigkeit von den globalen Finanzmärkten können die gering kapitalisierten Märkte Afrikas sehr volatil sein. Grundsätzlich gilt: Je größer die nationalen Märkte, desto geringer der Einfluss globaler Verwerfungen. Aber auch China und Indien kommen nicht ungeschoren davon.

Quelle: OECD, IMF; Stand: 26. April 2011

China und Indien drosseln das Tempo

Indien verfügt nach China über die weltweit höchste Wachstumsrate, die laut IWF-Zahlen allerdings ebenfalls rückläufig ist und 2012 auf geschätzte 6,9% fallen wird. In diesem Jahr drohen insbesondere aufgrund des bislang schwachen Monsuns erhebliche Wachstums einbußen. Ernteausfälle könnten zur Steigerung der ohnehin schon hohen Inflation führen (2012 geschätzt 8,2%). Die drei großen Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit des Landes mittlerweile auf Negativ gestuft. China ist – aus bekannten Gründen – nach wie vor auf dem Weg zur globalen Wirtschaftsmacht Nummer 1. Allerdings mussten auch die Chinesen in letzter Zeit ihr Tempo ein wenig drosseln. Die Wiener Raiffeisen Capital Management schätzt das Wirtschaftswachstum für das Gesamtjahr bei nur noch 8% ein.

*) London Stock Exchange Group, incorporating London Stock Exchange and Borsa Italiana. Quelle: PwC IPO Watch; Dealogic.

IPOs in und aus China

Aufgrund der zuletzt schleichenden weltweiten Konjunktur hat auch die Zahl der IPOs in China stark nachgelassen. Im zweiten Quartal ging die Zahl der Neuemissionen um fast ein Drittel gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück (von 108 auf 71), das Volumen sank dabei sogar um mehr als die Hälfte auf 8,2 Mrd. USD. Darüber hinaus ist die Tür für ausländische Emittenten auf den Festland-Börsen Shanghai und Shenzhen nach wie vor geschlossen. Aber auch an der Börse Hongkong sank die IPO-Zahl im ersten Halbjahr um dramatische 80%. Es machten sich die Eurokrise und die globale Negativstimmung sogar im fernen Osten bemerkbar. Dennoch ist China immer noch der weltweit aktivste IPO-Markt, und es scheinen genügend Kandidaten für einen Börsengang in den Startlöchern zu stehen, darunter auch staatliche Unternehmen wie der Logistiker China Post Express oder der Versicherer People’s Insurance Company of China. Das Reich der Mitte ist also weiterhin auf dem Weg, den globalen IPO-Markt zu dominieren. Das zeigt auch der Blick auf den deutschen IPO-Markt: So stammen fünf der insgesamt sechs Emittenten dieses Jahres aus China. Auch wenn das Emissionsvolumen überschaubar blieb und die Erlösziele verfehlt wurden, scheint das chinesische Interesse an IPOs in Deutschland ungebrochen. Deutschland und China: ein offenbar starkes Duo der beiden Exportweltmeister, die trotz aller Unterschiede offenbar ihre Gemeinsamkeiten zu schätzen wissen.

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