Nicht zuletzt durch das Inkrafttreten von MiFID II vor mehr als einem Jahr durchlebt die Research-Branche aktuell einen extremen Wandel: Besonders Small- und MidCap-Unternehmen bleiben dabei vermehrt auf der Strecke hierzulande. Die Etablierung kleiner Researchinstitute mit klarem Fokus auf Nebenwerte ist deshalb umso wichtiger – in dem Zusammenhang sprachen wir mit Marcus Silbe, der 2018 ein solches Research-Haus ins Leben gerufen hat.

GoingPublic: Herr Silbe, bitte erklären Sie und kurz, auf welchen Bereich im Research Sie sich spezialisiert haben.

Silbe: Derzeit sind wir zu 100% im Aktienresearch tätig, könnten uns aber künftig auch vorstellen, im Fixed-Income-Bereich aktiv zu werden. Fokussiert sind wir rein auf Small und MidCap Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum. Wir achten darauf, dass jeder Analyst bei uns ähnliche Sektorengruppierungen hat, so können wir ein Branchenwissen aufbauen und mit Spezialexpertise punkten. Als klares Ziel haben wir uns gesetzt, für die Investoren ein qualitativ hochwertiges Produkt und „Alpha“ zu generieren. Den sehen wir besonders bei Nebenwerten gegeben.

Warum ist jener Mittelstand so wichtig für Sie?

Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist nun mal der Mittelstand. Auch viele börsennotierte Unternehmen sind ja eher in der Größenordnung von Mittelständlern anzusiedeln. Von daher ist es enorm wichtig, diesen Emittenten auch ihre entsprechende Aufmerksamkeit zu verleihen. Als Investor möchte man schließlich Alpha generieren und das wird enorm schwierig für ihn, wenn er das 20igste Research von Siemens oder adidas vorliegen hat, aber kleinere Werte, wie z.B. Bet-at-home (die in den letzten zwei Monaten über 20% anstieg), außer Acht lässt. Die Alpha-Generierung ist vor allem bei den Nebenwerten möglich, da viele Aktien unter ihrem eigentlichen Wert gehandelt werden – aber deutlich mehr Potenzial haben.

Jüngst müssen aber viele KMUs aufgrund von MiFID II ordentlich zurückstecken. Wie beurteilen Sie die Lage hinsichtlich der seit 2018 in Kraft getretenen Richtlinie und wie agieren Sie unter diesen Rahmenbedingungen?

Aufgrund von MiFID II haben sich viele Research-Häuser weg von Small- und MidCaps, hin zu größeren Titeln entwickelt. Gerade deswegen ist ein qualitativ hochwertiges Research im KMU-Bereich umso wichtiger. Wir setzen dabei speziell auf Klasse statt Masse, denn fast alle sind in der heutigen Zeit nur noch auf die Großen fokussiert. Wir schauen uns dabei die Wertschöpfungsketten an, analysieren die Peer Groups und das Geschäftsmodell im Detail. Leider sind viele kleinere und mittlere Werte underbroked, obwohl sie einen echten Mehrwert für Investoren generieren könnten. Wir versuchen deshalb Aufmerksamkeit auf solche KMUs zu lenken, denn ein Investor hat nicht immer die Möglichkeit den gesamten Markt zu durchforsten.

Dabei waren doch gerade Nebenwerten eine Zeitlang recht angesehen hierzulande. Wie kam diese Entwicklung historisch zustande?

Bereits zu Zeiten während und nach der Finanzkrise 2008 haben sich große Research- und Investmenthäuser immer stärker von Small und MidCap-Unternehmen distanziert, da die Meinung vorherrschte, dass in Deutschland nur mit großen DAX-Werten Alpha generiert werden könnte. Das hat wiederum den Nährboden für kleinere Researchhäuser und Investmentbanken, geschaffen, die sich bekanntlich sehr stark auf SMEs fokussiert haben. Vor ca. vier bis fünf Jahren hat sich das Blatt auch bei den größeren Instituten gewendet und sie haben sich wieder vermehrt den Nebenwerten zugewandt. Durch Einführung von MiFID II vor rund einem Jahr ging der Trend erneut weg von SMEs. Viele sind der Meinung, dass sie nur durch Large Caps Geld verdienen können. Zudem mussten die Kapazitäten der Analysten in den großen Häusern ordentlich gestrafft werden. Demnach besteht jetzt wieder ein großer Bedarf für Research von KMUs in Deutschland.

Wie könnte man diese Misere lösen?

Wichtig ist die Etablierung kleinerer Reasearchhäuser – deshalb habe ich die Firma vor rund einem halben Jahr gegründet. Früher war das Klischee vorherrschend, dass kleinere Werte von größeren Brokern nur nebenbei gecovert werden. Wir versuchen mit solchen Vorurteilen aufzuräumen und analysieren diese Emittenten nach den gleichen Qualitätsstandards wie größere Häuser bei DAX-Werten vorgehen. Wichtig ist aber auch, dass es wieder vernünftige Investmentbanken für Mittelständler gibt.

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