Bildnachweis: thyssenkrupp.
Im Rahmen der Thyssenkrupp-Hauptversammlung am 30. Januar hatte CEO Miguel López die Strategie ACES 2030 bekräftigt: die Thyssenkrupp AG (ISIN DE0007500001, MarketCap 7,7 Mrd. EUR) soll sich auf die Rolle einer reinen Finanzholding zurückziehen, unter deren Dach die operativen Segmente unabhängiger und agiler agieren können. Die AG hält dann perspektivisch noch Mehrheitsbeteiligungen an den in die Unabhängigkeit entlassenen Einheiten. Das Konzept des integrierten Industriekonzerns ist damit Geschichte, es kann als gescheitert gelten. Von Oliver Vollbrecht
Erst U-Boote, jetzt Werkstoffe
Voraussetzung für Spin-Offs ist die Kapitalmarktreife der jeweiligen Segmente. Erster Schritt in der Umsetzung dieser Strategie war die Verselbstständigung des Bereichs Marine Systems (TKMS) im Oktober 2025. Jedem Thyssenkrupp-Aktionär wurde pro 20 Thyssenkrupp-Aktien eine TKMS-Aktie eingebucht, die Holding hält noch 51 % der Anteile. Der Weg von TKMS an die Börse war ausgesprochen erfolgreich – mit U-Booten und Marineschiffen bot das Unternehmen die richtigen Produkte zur richtigen Zeit.
Doch wie würde es weitergehen? Bereits auf der Hauptversammlung hatte López erklärt, das Segment Materials Services sei von den verbliebenen Aktivitäten am weitesten auf dem Weg zur Kapitalmarktreife vorangeschritten. Das mittlerweile vollzogene Übernahmeangebot für Klöckner & Co. durch den US-Stahlkonzern Worthington Steel belegt die Attraktivität derartiger Geschäftsmodelle – wir berichteten.
Abspaltung beschlossen
Am 7. August hat nun eine außerordentliche Hauptversammlung der Thyssenkrupp AG der Verselbstständigung der in Accelis umbenannten Materialsparte mit 99,99 % zugestimmt. 49 % der künftigen TK Accelis Group AG & Co. KGaA sollen an die Aktionäre gehen, 51 % verbleiben bei der Thyssenkrupp AG – auch bei den Quoten dient TKMS somit als Blaupause. Im Geschäftsjahr 2024/2025 erwirtschaftete Accelis mit 15.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 400 Standorten einen Umsatz von 11,4 Mrd. EUR Umsatz.
Die Aktionäre erhalten für je zwanzig Thyssenkrupp-Aktien eine Aktie der tk accelis Group AG & Co. KGaA. Die Börsennotierung der in die relative Unabhängigkeit entlassenen Tochter im Prime Standard wird noch im laufenden Kalenderjahr erwartet.
Nächste Spin-Offs schwieriger
Nach dem Spin-Off von Accelis verbleiben noch drei Segmente im Vollbesitz der Thyssenkrupp AG, deren Wege an die Börse deutlich steiniger werden dürften. Automotive Technology (AT) steht vor internen Umstrukturierungen in einem schwierigen Marktumfeld. Das Segment bringt 7 Mrd. EUR Umsatz auf die Waage. Im Segment Decarbon Technologies (DT) mit 3,5 Mrd. EUR Umsatz sah López im Januar noch die größten Herausforderungen. Diesem Segment ist auch der seit 2023 börsennotierte Elektrolysespezialist Thyssenkrupp Nucera zugeordnet, an dem Thyssenkrupp 50,2 % hält.
Einen Sonderfall bildet das seit vielen Jahren problembehaftete Segment Steel Europe (SE). Die Gespräche zur Übernahme von Deutschlands größtem Stahlhersteller durch die indische Jindal-Gruppe wurden vorerst auf Eis gelegt. Immerhin gelang mit dem Verkauf der Beteiligung an den Hüttenwerken Krupp-Mannesmann (HKM) an den Mitgesellschafter Salzgitter ein „kleiner Befreiungsschlag“. Am Ziel der Verselbstständigung des Segments hält López weiterhin fest.
Fazit
Der Spin-Off von TKMS im vergangenen Jahr war nahezu ein Selbstläufer, der in Accelis umbenannte Werkstoffhandel profitiert von einem stimmigen, intakten Geschäftsmodell (und der Klöckner-Übernahme). Die weiteren Teil-Exits dürften deutlich schwieriger werden. Aber an Schwierigkeiten ist der Konzern mit Doppelsitz in Essen und Duisburg ja gewöhnt. Doch anders als zu Zeiten des integrierten Industriekonzerns packt das Management sie jetzt entschlossen und mit einem klaren Ziel an. Das honoriert auch die Börse: Mit aktuell 12,40 EUR hat die Aktie ein Mehrjahreshoch erklommen.
Kurzprofil: tk accelis |
| Branche | Werkstoffhandel und -dienstleistungen |
| Umsatz 2024/2025 | 11,4 Mrd. EUR |
| Beschäftigte | 15.500 |
| Standorte | 400 |
| Gründungsjahr | 2026 Spin-Off aus dem Thyssenkrupp-Konzern |
| Internet | tkaccelis.com |
Autor/Autorin

Oliver Vollbrecht
Oliver Vollbrecht beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Geschäftsmodellen – als freier Journalist, Investor Relations-Manager und -Berater, als Investor und HV-Sprecher für die DSW. Der Schwerpunkt seiner journalistischen Arbeit liegt bei börsennotierten Unternehmen der DACH-Region.





