Börsennotierte Unternehmen erleiden mitunter herbe Kurseinbrüche durch Short-Attacken. Mitte Februar sprang die BaFin erstmals einem einzelnen Unternehmen im Kampf gegen Spekulanten zur Seite: Beim DAX-Konzern Wirecard verbot sie Leerverkäufe für die Dauer von zwei Monaten. Das ungewöhnliche Vorgehen stieß allerdings auf geteiltes Echo: War dies ein notwendiger Schritt gegen die Gefahr der Kursmanipulation oder eine fragwürdige Schutzmaßnahme? Und sind Spekulanten, die auf fallende Kurse bauen, tatsächlich die bösen Buben an den Aktienmärkten? Von Thomas Müncher

Die Maßnahme überraschte praktisch alle – nicht nur Investoren oder die Finanzpresse: Am 18. Februar sprach die BaFin bei der Wirecard-Aktie ein Verbot aus, auf fallende Kurse zu setzen. Bis zum 18. April untersagte die deutsche Aufsichtsbehörde, neue Nettoleerverkaufspositionen in Aktien des DAX-Unternehmens einzugehen oder bestehende Nettoleerverkaufspositionen zu erhöhen. Damit sprang die Finanzaufsicht dem Zahlungsabwickler zur Seite im Kampf gegen Spekulanten, die auf fallende Kurse setzten. Vor allem drei angelsächsische Investoren hätten der Schilderung nach zuvor ihre Leerverkaufspositionen erhöht und dadurch den Aktienkurs stark unter Druck gesetzt.

Bedrohung für Finanzstabilität

BaFin in Frankfurt. Fotoquelle: Kai Hartmann/BaFin

Die offizielle Begründung der BaFin klang dramatisch: In den vergangenen Tagen seien „massive Unsicherheiten an den Finanzmärkten feststellbar“ gewesen. Der durch negative Presseberichte ausgelöste massive Kurseinbruch der Wirecard-Aktie habe zu einer „ernstzunehmenden Bedrohung für die Finanzstabilität“ in Deutschland geführt. Die BaFin hält es für wahrscheinlich, dass Investoren, die an fallenden Kursen verdienen, den Markt zu ihren Gunsten beeinflusst haben. In dieser Situation bestehe das Risiko, dass „die Verunsicherung des Marktes zunimmt und sich zu einer generellen Marktverunsicherung ausweitet“. Privatanleger waren von der Maßnahme allerdings nicht betroffen: Wenn sie Zweifel an einer positiven Kursentwicklung der Wirecard-Aktie hatten, konnten sie weiterhin mit Derivaten wie Puts oder Bear-Zertifikaten handeln.

Es stand die große Frage im Raum, wie fallende Kurse bei einem kleinen DAX-Titel wie Wirecard – Marktkapitalisierung zu der Zeit: ca. 10 Mrd. EUR – an der Finanzstabilität des Marktes oder des Systems ganz allgemein hätten rütteln können. Mithin auch, was die BaFin noch wusste, aber nicht sagte – oder sagte, aber nicht wusste. Alle Konstellationen sind denkbar. Die European Securities and Markets Authority (ESMA) sprang der BaFin allerdings umgehend mit einer sog. Positive Opinion zur Seite.

Vorwurf der Bilanzmanipulation

Parallel dazu leitete die BaFin Ende Januar eine Untersuchung wegen möglicher Marktmanipulationen rund um besagte Kursturbulenzen ein. Am 16. April erstattete sie sogar Strafanzeige „wegen des Verdachts der Marktmanipulation in Form einer Short Attacke in Aktien der Wirecard“. Laut Wochenzeitung DIE ZEIT richtete sich die Anzeige gegen mehrere Personen, darunter auch Journalisten der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times (FT). Diese hatte seit Ende Januar 2019 mehrere kritische Artikel über Wirecard veröffentlicht. Unter anderem wurde berichtet, eine Anwaltskanzlei untersuche bei der Wirecard-Niederlassung in Singapur, ob Firmenmitarbeiter Verträge gefälscht und fiktive Umsätze gebucht hätten. Das DAX-Unternehmen bezeichnete die Vorwürfe zunächst als „halt- und substanzlos“ – nur um später jedoch kleinlaut einzuräumen, einzelne Mitarbeiter in Singapur könnten gegen dortige Gesetze verstoßen haben. Nach dieser Berichterstattung brach die Aktie innerhalb von zehn Tagen um fast die Hälfte auf 85 EUR ein.

Short-Attacke mit kritischen Berichten?

Die BaFin bewertet diese Ereignisse als Marktmanipulation. Sie stützt sich in ihrer Anzeige

Ein-Jahreschart der Wirecard-Aktie. Der Kursrückgang im Februar/März 2019 ist eindeutig erkennbar.

auf Artikel 12 der seit 2016 geltenden Marktmissbrauchsverordnung (MMVO). Demnach werde ein Markt manipuliert, wenn ein Geschäft abgeschlossen wird, das „unter Vorspiegelung falscher Tatsachen“ den Kurs einer Aktie beeinflusst. Oder wenn Investoren über die Medien eine „Stellungnahme zu einem Finanzinstrument“ abgeben, an dessen Kursentwicklung sie mitverdienen, ohne diesen Interessenkonflikt offenzulegen. Auf Marktmanipulation stehen bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug. Reine Tatsachenbehauptungen fallen allerdings nicht unter den Begriff einer Stellungnahme – zudem respektiert die MMVO auch die Pressefreiheit.

Steckte hinter den Berichten tatsächlich eine Short-Attacke? Dann hätten Investoren, die an fallenden Aktien verdienten, Medienvertreter instrumentalisieren müssen. Die Journalisten der britischen Wirtschaftszeitung hätten dann ihre Berufsehre verraten, damit interessierte Anleger auf Basis der schlechten Nachrichten auf einen fallenden Aktienkurs bei Wirecard wetten konnten. Die FT bestreitet diese Vorwürfe vehement.

Nullnummer Wirecard?

Die Staatsanwaltschaft München untersucht jetzt, wer vor Veröffentlichung des ersten FT-Artikels Leerverkaufsoptionen eingegangen war. Attacken von Leerverkäufern auf Wirecard hatte es bereits in vergangenen Jahren gegeben. Der größte Angriff hatte sich vor drei Jahren zugetragen: Das unbekannte Researchhaus Zatarra hatte einen Report verbreitet, in dem von Betrug und Bestechung die Rede war und der für die Aktie ein Kursziel von 0 EUR veranschlagte. Staatsanwälte untersuchten ebenfalls, wer Leerverkaufsoptionen hielt, wann sie eingegangen worden waren und ob es Absprachen gab – es konnten Leerverkaufspositionen im zweistelligen Prozentbereich festgestellt werden. Trotzdem ging die BaFin damals nicht von einer so hohen Marktverunsicherung aus wie 2019. Zu einer Verurteilung kam es bisher ebenfalls nicht. Auch bei ihrer aktuellen Anzeige wird wohl erst in einigen Jahren feststehen, ob die Behörde mit ihrer Einschätzung recht hatte.

Zeit bekommen für Urteilsbildung

Dass sie diesmal härter durchgriff, wurde zunächst von Aktionärsschützern begrüßt. „Das ist eine absolut richtige Entscheidung“, meint Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Anleger hätten durch das Leerverkaufsverbot die Chance bekommen, in Ruhe zu analysieren, was an den erhobenen Vorwürfen dran sei. Tüngler sah jedoch auch das Unternehmen selbst in der Pflicht: „Wirecard muss die Zeit nutzen, die Karten auf den Tisch zu legen“, fordert er.

Für viele Investoren ist das bisher nicht in ausreichendem Maße geschehen. Auf der Bilanzpressekonferenz am 25. April gab Wirecard-Chef Markus Braun zwar erstmals Fehler zu: „Wir haben Qualitätsmängel, besonders bei der buchhalterischen Qualität.“ Die Mängel seien im Bereich der Softwarelizenzen aufgetreten, dieser mache jedoch nur einen kleinen Teil des Gesamtgeschäfts aus. Braun betonte, interne wie externe Prüfer hätten bei allen Nachforschungen nichts gefunden, was die Bilanz belaste. Auch Rajah & Tann, die Anwaltskanzlei, die Wirecard engagiert hatte, um die Vorwürfe aufzuklären, habe nichts Belastendes moniert.

Mangelhafte Investor Relations?

Damit sind die Vorwürfe aber längst noch nicht vom Tisch. „Wirecard ist ein DAX-Unternehmen, das nicht DAX-fähig ist, weil es nicht die Struktur eines DAX-Unternehmens hat – nicht in der Compliance, nicht bei Corporate Governance, nicht bei internen Kontrollsystemen“, kritisiert etwa DSW-Vizepräsidentin Daniela Bergdolt. „Ich befürchte, dass die ziemlich gepatzt haben in Singapur und dass da noch mehr hochkommt. Hätte die BaFin Wirecard mit dem Aussetzen der Leerverkäufe nicht geholfen, wäre der Kurs wahrscheinlich noch viel tiefer abgestürzt. Das alles hat der Aktie, der Börse und der Aktienkultur in Deutschland nicht gutgetan“, resümiert Bergdolt auf den Punkt.

Finanzstabilität wirklich bedroht?

Auch die SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger hält das Einschreiten der Aufsichtsbehörde für unsinnig. „Ich konnte nicht erkennen, dass diese Diskussion und die damit verbundenen Kursturbulenzen auf andere Unternehmen überzuspringen drohte, daher halte ich das Verbot für falsch“, erläutert Vorstandsvorsitzender Daniel Bauer. Dass aufgrund des
Einschreitens der BaFin in Zukunft weniger kritisch über börsennotierte Unternehmen in den Medien berichtet werden könnte, hält er für komplett unwahrscheinlich. „Die Medien verdienen ja nicht an fallenden Kursen, sondern durch eine große Leserschaft. Und auch Whistleblower, die an der Börse von fallenden Kursen profitieren, sollten eher die Ausnahme sein.“ Auch andere Kapitalmarktexperten sehen nicht die Gefahr, dass kritische Aussagen über börsennotierte Unternehmer vermehrt unterbleiben könnten, da Analysten oder Fondsmanager nicht nur wegen falscher Tatsachenbehauptung Anzeigen drohen, sondern auch wegen Kursmanipulation.

Leerverkäufe sind legitim

Auch grundsätzlich haben Börsianer mit dem Wetten auf fallende Kurse kein Problem. „Gegen Leerverkäufe ist normalerweise nichts einzuwenden, denn sie helfen, Übertreibungen der Aktienkurse frühzeitig einzufangen, und tragen so zur effizienten Preisbildung bei“, erläutert Dr. Gerrit Fey, Leiter Kapitalmarktpolitik beim Deutschen Aktieninstitut. Ein Fall für die Aufsichtsbehörden würden Leerverkäufe erst dann, wenn der Verkäufer bewusst falsche negative Gerüchte oder Informationen streut und damit fallende Kurse selbst mit initiiere. Das ist die grundlegende Definition von Marktmanipulation – was im Übrigen auch für die gegenteilige Richtung gilt, wie einige selbst auserkorene Börsengurus der 2000er-Jahre im Nachgang zu ihrem Übernachtreichwerden feststellen mussten. „Auch angespannte Marktsituationen oder große Unsicherheiten können ein Einschreiten der Aufsichtsbehörden rechtfertigen, um die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte zu garantieren“, fügt Fey hinzu.