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Die deutsche Biotechnologie hat sich 2025 bemerkenswert widerstandsfähig gezeigt. Zwölf Mrd. EUR Umsatz, 1,8 Mrd. EUR Finanzierung und fast 60.000 Beschäftigte sprechen zunächst gegen jede Krisenerzählung. Doch genau diese Robustheit stellen die Autoren des heute veröffentlichten German Biotechnology Report 2026 von EY und BIO Deutschland infrage: Hinter den stabilen Kennzahlen erkennen sie strukturelle Schwächen, die den Standort langfristig Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung und technologische Souveränität kosten könnten. Von Urs Moesenfechtel

Der Ton wird rauer
Der Tonfall des diesjährigen Reports ist ebenso rau wie ein Sturm. Von „structural weakness“, „structural misalignment“,„limited access“, „persistent paradox“ oder „falling behind permanently“ ist die Rede. Hinzu kommen Warnungen vor dem „Verlust von Talenten und geistigem Eigentum“ sowie Verweise auf „technological sovereignty“, „strategic imperatives“ und „critical crossroads“ für den Standort Deutschland. Die Diagnose des Biotech-Standortes Deutschland ist dementsprechend: Wo frühere Berichte sachlich-nüchtern vor allem eher auf schwierige Marktbedingungen, zyklische Finanzierungsschwächen oder den mangelnden Zugang zu Kapital verwiesen, beschreibt die aktuelle Ausgabe die Herausforderungen des Standortes zunehmend scharf als strukturelles Problem. Der Bericht liest sich als Analyse eines Wettbewerbsnachteils, der sich zu verfestigen droht. Wiederholt verweisen die Autoren auf den begrenzten Zugang zu Wachstumskapital, das „Flaschenhalsproblem“ in der Skalierungsphase, die anhaltende IPO-Dürre, eine fragmentierte Innovationslandschaft und den Verlust von Unternehmenswerten an andere Standorte.
Fragile Grundlagen

Deutschlands Problem beginnt dort, wo Unternehmen wachsen sollen
Die wohl alarmierendste Zahl des gesamten Reports lautet: Sieben. Auf lediglich sieben Mio. EUR schrumpfte die Series-B-Finanzierung im Jahr 2025. Ein Jahr zuvor waren es noch 169 Mio. EUR gewesen. Ein Rückgang um mehr als 95 Prozent – und der niedrigste Wert der vergangenen acht Jahre. Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl selbst als das, wofür sie steht: Die Schwäche entsteht nicht am Anfang der Innovationskette. Seed-Finanzierungen erreichten weiterhin 78 Mio. EUR, Series-A-Runden 75 Mio. EUR. Der Engpass besteht, wo aus wissenschaftlicher Exzellenz skalierbare Unternehmen werden sollen.
„Insbesondere in der Wachstumsphase geraten viele Biotechs ins Stocken“, warnt Klaus Ort. Für Dr. Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland, verweist dies auf ein grundlegenderes Problem: Deutschland habe „ein Problem mit der Wertschöpfung von biotechnologischen Erfindungen und Entwicklungen“. Die wissenschaftliche Exzellenz sei unbestritten, führe bislang jedoch nicht im gleichen Maße zu wirtschaftlicher Stärke.
Vier Jahre IPO-Dürre – aus Marktproblem wird Standortfrage
Besonders deutlich verdichtet sich die Standortkritik des Reports am Kapitalmarkt, denn auch 2025 gelang erneut keinem deutschen Biotech-Unternehmen der Gang an die Börse. Der letzte klassische deutsche Biotech-Börsengang (außer Pentixapharm 2024) liegt mit BRAIN Biotech inzwischen fast ein Jahrzehnt zurück. Bemerkenswert ist die Bewertung der anhaltenden IPO-Dürre: Das Ausbleiben deutscher Biotech-Börsengänge erscheint im Report nicht mehr nur als Folge eines allgemein „schwierigen Marktumfelds“, sondern zunehmend als Symptom eines Standorts, der sich grundsätzlich schwer tut, wissenschaftliche Exzellenz bis in die Phase eigenständiger Skalierung zu begleiten.
Wenn der Börsengang ausbleibt
Die ausbleibenden IPOs bedeuten allerdings nicht, dass größere Finanzierungen grundsätzlich unmöglich geworden wären. Vielmehr zeigt der Report, wie sich die Finanzierungslandschaft verändert. Während der Börsengang als klassischer Weg zur Wachstumsfinanzierung weitgehend blockiert bleibt, gewinnen alternative Finanzierungsinstrumente an Bedeutung. QIAGEN platzierte 2025 eine Wandelanleihe über 642 Miio. EUR und verantwortete damit mehr als die Hälfte aller öffentlichen Folgefinanzierungen deutscher Biotech-Unternehmen. ITM Radiopharma sicherte sich eine Kreditfazilität über 232 Mio. EUR – die größte private Biotech-Fremdfinanzierung Deutschlands. Atai Life Sciences (jetzt AtaiBeckley) stärkte seine Finanzierung im Zuge des Zusammenschlusses mit Beckley Psytech und begleitender Kapitalmaßnahmen um rund 250 Mio. EUR. Formycon platzierte eine Unternehmensanleihe über 70 Mio. EUR.
Die Autoren bewerten diese Entwicklung ambivalent. Einerseits zeigen die Transaktionen, dass für etablierte Unternehmen weiterhin erhebliche Finanzierungsmöglichkeiten bestehen. Andererseits verdeutlichen sie die Verschiebung der Finanzierungsstruktur. Das Kapital findet zunehmend über Fremdkapital, Wandelanleihen oder andere Spezialinstrumente seinen Weg in die Branche – und damit vor allem zu Unternehmen, die bereits eine gewisse Größe und Reife erreicht haben. Die grundlegende Diagnose des Reports wird dadurch nicht entkräftet. Im Gegenteil: Die Beispiele illustrieren, dass die größten Herausforderungen weniger bei etablierten Unternehmen liegen als in den Entwicklungsphasen davor. Dort, wo junge Biotechs Wachstumskapital benötigen, um aus wissenschaftlichen Erfolgen eigenständige Unternehmen aufzubauen, bleibt die Finanzierungslücke bestehen. Aus Sicht der Autoren ist genau dies eine der zentralen Schwächen des Standorts.
The persistent paradox: Deutsche Innovation, ausländische Wertschöpfung
Tatsächlich spricht laut Autoren vieles für die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit des Standorts. Die Zahl der klinischen Phase-II-Projekte stieg 2025 von 100 auf 118. Die Entwicklungspipelines gelten als gut gefüllt, neue Technologien wie Künstliche Intelligenz eröffnen zusätzliche Chancen. Klaus Ort spricht deshalb von „herausfordernden – aber grundsätzlich positiven“ Perspektiven. Gerade deshalb fällt die Warnung der Autoren umso deutlicher aus. Deutschland, so eine zentrale Aussage des Reports, tue sich weiterhin schwer, wissenschaftliche Durchbrüche in skalierbare Unternehmen und globale Marktführerschaft zu übersetzen. Der Bericht spricht von einem „persistent paradox“: wissenschaftliche Exzellenz auf der einen, begrenzte wirtschaftliche Skalierung auf der anderen Seite.

Womit gibt sich Deutschland zufrieden?
Kaum eine andere Technologiebranche hat in den vergangenen Jahren einen vergleichbaren politischen Bedeutungsgewinn erlebt. Die Bundesregierung hat Biotechnologie zur Schlüsseltechnologie erklärt und in ihrer Hightech-Agenda verankert. Auf europäischer Ebene wurden mit der Life Sciences Strategy, dem European Biotech Act sowie verschiedenen Initiativen zu Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz, wirtschaftlicher Sicherheit und technologischer Souveränität neue industriepolitische Prioritäten gesetzt. Viele Forderungen, die die Branche noch vor wenigen Jahren formulierte, sind inzwischen im politischen Mainstream angekommen. Man könnte daher erwarten, dass sich dieser Bedeutungsgewinn auch in einer veränderten Diagnose niederschlägt. Das ist nicht der Fall. Der Report liest sich also nicht wie die Dokumentation eines bereits erreichten Erfolgs. Er liest sich vielmehr wie die Erinnerung daran, dass politische Aufmerksamkeit und strukturelle Veränderung nicht dasselbe sind. Die Branche hat die Debatte über ihre strategische Bedeutung weitgehend gewonnen. Offen bleibt, ob daraus auch die Voraussetzungen entstehen, die notwendig wären, um mehr Unternehmen durch die kritische Wachstumsphase zu begleiten, mehr Wertschöpfung im eigenen Ökosystem zu halten und mehr eigenständige Biotech-Unternehmen von internationaler Größe hervorzubringen. Vielleicht lässt sich der gesamte Report auf eine einzige Frage verdichten: Womit gibt sich Deutschland zufrieden?
Hier können Sie den German Biotechnology Report 2026 downloaden.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.








