Deutschland investiert Milliarden in Forschung und bringt regelmäßig Innovationen mit globalem Potenzial hervor. Dennoch entstehen viele der wirtschaftlich erfolgreichsten Biotechnologieunternehmen nicht hier, sondern in Märkten mit tieferen Kapitalstrukturen. Warum das so ist, erklärten Dr. Rainer Strohmenger (Wellington Partners) und Prof. Dr. med. Eicke Latz (Charité, DRFZ) beim Politischen Abend der bio:cap – und zeigten auf, wie sich das ändern ließe. Von Urs Moesenfechtel

Die Aussicht von der Dachlounge im 14. Stockwerk des rbb ist atemberaubend. Man schaut weit über Berlin und weit darüber hinaus. Weniger atemberaubend sind die Aussichten für den Biotechnologiestandort Deutschland. Für den „Politischen Abend“ der bio hätte man daher kaum einen passenderen Ort wählen können. Denn an diesem Abend ging es letztlich darum, wie sich die Aussichten für die deutsche Biotechnologie wieder verbessern lassen. Schließlich gelingt es hierzulande nach wie vor nur selten, wissenschaftliche Spitzenleistungen und international konkurrenzfähige Forschung in eine Wertschöpfung zu übersetzen, die langfristig im eigenen Wirtschaftsraum verbleibt.

Warum das so ist, erläuterten an diesem Abend unter anderem Dr. Rainer Strohmenger (Managing Partner bei Wellington Partners) und Prof. Dr. med. Eicke Latz (Professor für Experimentelle Rheumatologie an der Charité und Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin) nach. Gemeinsam beschrieben sie einen Mechanismus, den sie „Biotech-Teufelskreis“ nannten – und skizzierten zugleich die notwendigen politischen und wirtschaftlichen Weichenstellungen, um die Aussichten für den Standort wieder zu verbessern.

Das Paradox

Ausgangspunkt ihrer Analyse war ein Widerspruch, den sie als eines der zentralen Paradoxa der deutschen Innovationspolitik beschrieben: Deutschland beklage seit Jahren einen Mangel an Wagniskapital für Biotechnologie, Künstliche Intelligenz und andere Hochtechnologien. Gleichzeitig gehöre das Land zu den größten Kapitalexporteuren der Welt. Strohmenger verwies dabei auf Zahlen der Deutschen Bundesbank. Monatlich flössen netto rund 20 Mrd. EUR Kapital aus Deutschland ins Ausland. Das sei zunächst nichts Ungewöhnliches, so Strohmenger. Kapital suche schließlich Rendite, und offene Volkswirtschaften investierten naturgemäß auch außerhalb ihrer Grenzen. Problematisch werde dies jedoch durch eine zweite Beobachtung. Mit diesem Kapital würden unter anderem jene Märkte finanziert, in denen später deutsche Innovationen skaliert werden. Deutschland stelle damit Kapital bereit, das häufig dazu beitrage, heimische Technologien frühzeitig zu übernehmen und zu globalen Unternehmen weiterzuentwickeln. Das eigentliche Problem sei daher nicht ein genereller Mangel an Kapital. Deutschland verfüge sowohl über wissenschaftliche Exzellenz als auch über erhebliche Kapitalressourcen. Es gelinge jedoch vergleichsweise selten, beides so zusammenzuführen, dass daraus große, eigenständige Technologieunternehmen entstehen.

Kapital als Standortfaktor

Kapital werde, so die Argumentation der beiden Referenten, häufig lediglich als Finanzierungsquelle betrachtet. Tatsächlich entscheide es jedoch mit darüber, wo Unternehmen wachsen, wo Managementkompetenz aufgebaut wird, wo Börsengänge stattfinden und wo die spätere Wertschöpfung verankert wird. Kapital schaffe deshalb nicht nur Unternehmen, sondern ganze Ökosysteme. Wo erfolgreiche Unternehmen finanziert werden, entstehen erfahrene Gründer, Investoren, Managementtalente und Vermögen, die wiederum in neue Unternehmen investiert werden können.

Der Unterschied zwischen Europa und den USA liege dabei nicht allein in der Menge des verfügbaren Kapitals, sondern vor allem in dessen Struktur. Gerade in der Biotechnologie seien große Fonds entscheidend. Während viele digitale Geschäftsmodelle mit vergleichsweise wenig Kapital wachsen können, benötigen biomedizinische Innovationen häufig langfristige Finanzierungen in dreistelliger Millionenhöhe. Wer Forschung fördere, aber keine ausreichenden Bedingungen für Wachstumskapital schaffe, finanziere häufig nur den Anfang einer Entwicklung, so Latz. Die spätere Skalierung finde dann aber dort statt, wo die notwendigen Kapitalstrukturen vorhanden seien. Der Staat investiere damit in Forschung, Talente und Unternehmensgründungen, ohne sicherzustellen, dass die daraus entstehenden Unternehmenswerte langfristig im eigenen Wirtschaftsraum verankert bleiben. So werde aus Innovationsförderung am Ende nicht selten Wertschöpfungsexport, so Strohmenger.

Die eigentliche Lücke

Nach Auffassung von Strohmenger und Latz liegt die Schwäche des deutschen Innovationssystems deshalb nicht am Anfang der Wertschöpfungskette, sondern in ihrer Mitte. Deutschland habe in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte beim Technologietransfer und bei Ausgründungen gemacht. Für viele Biotechnologieunternehmen markiere dies jedoch lediglich den Beginn eines langen Entwicklungswegs. Während Softwareunternehmen häufig früh Umsätze erzielen können, vergehen in der Biotechnologie oft zehn bis fünfzehn Jahre zwischen wissenschaftlicher Entdeckung und Marktzulassung. Präklinische Forschung, klinische Studien, regulatorische Verfahren und Produktionsaufbau verschlingen enorme Summen – lange bevor ein Unternehmen nennenswerte Einnahmen erzielt. Gerade deshalb unterscheiden sich Hightech- und Biotechnologieunternehmen fundamental von vielen anderen Gründungen.

Genau hier werde die sogenannte Skalierungslücke sichtbar. Mit zunehmendem Kapitalbedarf werde der Kreis potenzieller Investoren kleiner. Internationale Kapitalgeber träten stärker in den Vordergrund, und die Entwicklung der Unternehmen beginne sich zunehmend an den Märkten auszurichten, die solche Finanzierungsvolumina bereitstellen können. Latz illustrierte dies anhand eigener Erfahrungen als Gründer mehrerer Biotechnologieunternehmen. Wiederholt habe man versucht, frühe Risikokapitalfinanzierungen in Deutschland einzuwerben – ohne Erfolg. Für ihn sei dies mehr als ein Standortproblem. Es bedeute letztlich, dass mit deutschen Fördermitteln und deutscher Forschung Grundlagen geschaffen werden, während die Unternehmen selbst später anderswo aufgebaut werden.

Forschung hier, Wertschöpfung dort

Um diesen Mechanismus zu verdeutlichen, verwiesen Strohmenger und Latz auf mehrere Beispiele aus unterschiedlichen Generationen der Biotechnologie. Besonders eindrücklich erschien ihnen die Entwicklung von Ribopharma und Alnylam. Die frühen wissenschaftlichen Grundlagen der RNAi-Technologie entstanden unter maßgeblicher Beteiligung deutscher Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Mit Ribopharma spielte auch ein deutsches Unternehmen eine wichtige Rolle in der frühen Entwicklung des Feldes. Die spätere industrielle Entwicklung und Kapitalmarktgeschichte vollzog sich jedoch in den USA. Heute wird Alnylam an der Börse mit rund 40 Milliarden US-Dollar bewertet.

Für die Referenten steht dieser Fall exemplarisch für ein Muster, das sich immer wieder beobachten lasse: Wissenschaftliche Durchbrüche entstehen in Deutschland oder Europa, die größten Unternehmenswerte jedoch häufig dort, wo ausreichend Kapital für die langfristige Entwicklung verfügbar ist.

Wie groß diese spätere Wertschöpfung werden kann, verdeutlichten sie am Beispiel Humira. Der Wirkstoff entwickelte sich zum umsatzstärksten Medikament seiner Zeit und erwirtschaftete über Jahrzehnte hinweg Erlöse in Milliardenhöhe. Für Strohmenger und Latz war dies weniger ein Beispiel für den Technologietransfer selbst als vielmehr für die wirtschaftliche Dimension erfolgreicher biopharmazeutischer Innovationen. Die entscheidende Frage sei daher nicht allein, wo wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen, sondern auch, wo die daraus resultierenden Unternehmenswerte aufgebaut werden.

Als aktuelles Beispiel verwiesen die Referenten auf die milliardenschwere Transaktion zwischen dem Münchner Unternehmen Tubulis und Gilead. Solche Deals würden häufig als Erfolgsgeschichten wahrgenommen. Aus Sicht der Referenten greife diese Betrachtung jedoch zu kurz. Entscheidend sei nicht nur der Wert einer einzelnen Transaktion, sondern die Frage, wo die weitere Entwicklung eines Unternehmens stattfindet und wer langfristig von den daraus entstehenden Wertzuwächsen profitiert.

Die Verlagerung beginne dabei häufig lange vor einem Börsengang, einer Übernahme oder einer strategischen Partnerschaft. Mit jeder größeren Finanzierungsrunde würden Unternehmen stärker in die Strukturen jener Märkte eingebunden, die ihre Entwicklung finanzieren. Forschung und Teams könnten zunächst am Standort verbleiben. Was sich verschiebe, seien zunächst Eigentümerstrukturen, Kapitalmarktanbindung und Managementfunktionen – und später häufig auch ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung.

Der Teufelskreis

Genau daraus entsteht der Biotech-Teufelskreis, so Strohmenger und Latz: Deutschland investiert in Forschung, Ausbildung und Innovation. Aus diesen Investitionen entstehen Patente, Ausgründungen und neue Technologien. Für die kapitalintensiven Wachstumsphasen benötigen viele Unternehmen jedoch Finanzierungen aus anderen Märkten. Dort entstehen später die größten Unternehmenswerte, dort werden Vermögen aufgebaut und dort entstehen neue Fonds für die nächste Generation von Technologieunternehmen. Nach Auffassung der Referenten geht es dabei nicht nur um einzelne Unternehmen. Mit der Verlagerung von Wertschöpfung verliere Deutschland auch technologische Führungspositionen, Steueraufkommen und langfristig Standortattraktivität.

Der Biotech-Teufelskreis sei deshalb nicht nur ein Problem der Branche, sondern ein wirtschafts- und innovationspolitisches Problem. Das eigentliche Problem liege nicht im Verlust einzelner Unternehmen. Verloren gehe vielmehr die Fähigkeit, Erfolg systematisch zu reproduzieren. Innovationsökosysteme lebten davon, dass erfolgreiche Unternehmen neue Gründer, neue Investoren und neues Kapital hervorbringen. Genau dieser selbstverstärkende Mechanismus funktioniere in den USA seit Jahrzehnten. In Europa sei er bislang deutlich schwächer ausgeprägt.

Wie sich der Kreis öffnen ließe

Für Strohmenger und Latz gibt es keine einzelne politische Maßnahme, die den beschriebenen Teufelskreis durchbrechen könnte. Wer ihn auflösen wolle, müsse an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen.

An erster Stelle stand für die Referenten die Kapitalfrage. Deutschland brauche mehr Wagniskapital, bessere Finanzierungsbedingungen für wachstumsorientierte Technologieunternehmen und stärkere Investitionsanreize für private wie institutionelle Anleger. Versicherungen, Pensionskassen, Versorgungswerke und Stiftungen müssten stärker für Venture-Capital- und Growth-Fonds mobilisiert werden. Als vergleichsweise schnell wirksamen Hebel nannten Strohmenger und Latz ausdrücklich steuerliche Anreize für Investitionen in Hochtechnologie und Wachstumskapital. Ziel müsse es sein, mehr Kapital im Inland für Innovationen zu aktivieren, statt es in ausländische Innovationsökosysteme abfließen zu lassen.

Ebenso deutlich fiel jedoch ihre Kritik an den Standortbedingungen aus. Bürokratie und Regulierung hätten in den vergangenen Jahren ein Ausmaß erreicht, das insbesondere junge Technologieunternehmen belaste. Strohmenger sprach von einer Entwicklung, die Unternehmen lähme und Investitionen erschwere. Besonders kritisch sahen die Referenten finanzmarktbezogene Regulierungen sowie eine Politik, die aus ihrer Sicht häufig Verbraucher- und Arbeitnehmerinteressen schütze, ohne die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen ausreichend zu berücksichtigen.

Latz verwies darüber hinaus auf arbeitsrechtliche Regelungen, die gerade für junge Hightech-Unternehmen problematisch seien. Wer in hochriskante Technologien investiere, müsse mit Unsicherheit umgehen können. Dafür brauche es auch auf dem Arbeitsmarkt mehr Flexibilität. Andernfalls drohe die Verlagerung von Unternehmen ins Ausland – ein Muster, das sich nach seiner Beobachtung bereits vielfach beobachten lasse.

Hinter diesen Einzelmaßnahmen stand jedoch eine grundsätzlichere Forderung. Die diskutierten Probleme beträfen nicht die Wirtschaft insgesamt, sondern insbesondere kapitalintensive Hochtechnologiefelder wie die Biotechnologie. Deutschland müsse daher entscheiden, ob es diese Branchen künftig als strategische Industrien behandeln wolle. Biotechnologie sei nicht nur Forschungs- oder Gesundheitspolitik, sondern zugleich Industrie-, Kapitalmarkt- und Souveränitätspolitik. Ziel müsse es sein, technologische Führungspositionen, Wertschöpfung und die daraus entstehenden Steuereinnahmen stärker im eigenen Wirtschaftsraum zu verankern.

Latz fasste dies mit einem Bild zusammen: Aus dem heutigen Teufelskreis müsse eine Aufwärtsspirale werden. Dafür reiche es nicht, an einer einzelnen Stellschraube zu drehen. Vielmehr müssten an mehreren Stellen gleichzeitig die Rahmenbedingungen verändert werden. Andernfalls werde auf den „Delaware Flip“ irgendwann der „Paris Flip“ oder „Basel Flip“ folgen. Das Ziel müsse stattdessen ein „Berlin Flip“ sein.

Die Verantwortung liegt in Berlin

Zum Ende ihres Vortrags kehrten die Referenten zur Ausgangsfrage zurück. Dass Deutschland auch künftig wissenschaftliche Spitzenleistungen hervorbringen wird, stellten sie nicht infrage. Offen bleibe jedoch, ob Deutschland und Europa zugleich jene Orte sein werden, an denen aus diesen Erkenntnissen die großen Technologieunternehmen der nächsten Generation entstehen. Aus dem beschriebenen Teufelskreis müsse eine Aufwärtsspirale werden. Dafür reiche es nicht, an einer einzelnen Stellschraube zu drehen. Notwendig seien Veränderungen an mehreren Stellen gleichzeitig – von Finanzierung und Regulierung bis hin zu den politischen Rahmenbedingungen für Wachstum und Innovation.

Die Aussicht von der Dachlounge des rbb reichte an diesem Abend weit über Berlin hinaus. Die politische Botschaft der Referenten war dagegen denkbar konkret: Die Probleme seien bekannt, die Ursachen analysiert und viele der notwendigen Maßnahmen seit Jahren benannt. Die entscheidende Frage sei daher nicht mehr, ob Deutschland wissenschaftliche Exzellenz hervorbringen kann, sondern ob die Politik bereit ist, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass daraus auch dauerhaft Wertschöpfung entsteht.

Dass Martin Blessing, der Persönliche Beauftragte des Bundeskanzlers für Investitionen in Deutschland, an diesem Abend im Publikum saß, verlieh der Diskussion zusätzliche Relevanz. Denn viele der Forderungen von Strohmenger und Latz – mehr Wachstumskapital, bessere Investitionsbedingungen und ein wettbewerbsfähigerer Standort – richten sich letztlich genau an jene Ebene, auf der nun politische Entscheidungen getroffen werden müssen. Ob die Hinweise des Abends in Berlin tatsächlich Gehör finden, wird sich erst noch zeigen. Die Referenten ließen jedoch keinen Zweifel daran, dass sich die Aussichten für den Biotechnologiestandort Deutschland nur dann verbessern werden, wenn den Analysen nun auch konkrete Maßnahmen folgen.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.