AI, TechBio, Nobelpreisträger und Networking bis spät in die Nacht: Die erste bio:cap hatte vieles, was moderne Life-Science-Veranstaltungen heute auszeichnet. Interessant war, wer dort plötzlich neu mitspielte. Von Urs Moesenfechtel

Mitten in der Halle steht ein Tischkicker. Nicht irgendein Tischkicker, sondern ein Ungetüm von der Größe eines Kleinwagens. Wer daran spielen will, merkt schnell: Zu zweit macht das wenig Sinn. Während man noch versucht, die Stürmerreihe zu kontrollieren, rollt der Ball längst auf der anderen Seite des Feldes. Also rennt man von einer Stange zur nächsten, verpasst den entscheidenden Pass. Wirklich spielen lässt sich das Ding erst, wenn genügend Leute mitmachen.

Man könnte den Kicker als reinen, überdimensionierten Blickfang abtun, der den „Wir sind neu und cool“-Anspruch der Veranstaltung unterstreichen sollte – als Teil jenes sorgfältig inszenierten Mixes aus Festival, Networking-Event und Berliner Großstadtflair, den die Veranstalter Charité, Berlin Institute of Health (BIH), Hasso-Plattner-Institut (HPI) und Messe Berlin unter dem Begriff „Investival“ zusammenfassten. Aber der Kicker war mehr als das. Er war das Symbol für den neuen Anspruch der Veranstaltung. Denn die bio:cap wollte nicht einfach noch eine weitere Life-Science-Konferenz sein, von denen es bereits genügend gibt. Die Veranstaltung trat mit 115 Aussteller aus mehr als 20 Länder, ca. 2500 Teilnehmern und dem Anspruch an, Menschen zusammenzubringen, die normalerweise nicht selbstverständlich auf denselben Konferenzen unterwegs sind.

Wer soll künftig mitspielen?

Auf den großen Bühnen fand thematisch zunächst das Erwartbare statt. Es ging um Künstliche Intelligenz, TechBio, Diagnostik, Zell- und Gentherapien, personalisierte Medizin und Longevity. Zu den prominenten Gästen gehörten Nobelpreisträger Prof. Stefan Hell, die ehemalige taiwanische Digitalministerin Audrey Tang, die NASA-Astronautin und Molekularbiologin Dr. Kate Rubins, EU-Gesundheits-Kommissar Olivér Várhelyi sowie Bundesministerin Dorothee Bär. Auf den ersten Blick unterschied sich die bio:cap damit kaum von anderen internationalen Life-Science-Veranstaltungen.

Auf den Panels wurde der Anspruch und das Thema deutlicher: Wie bleibt Europa im globalen Wettbewerb um Life Sciences konkurrenzfähig? Wie wird aus wissenschaftlicher Exzellenz industrielle Stärke? Wie entstehen aus Forschung Unternehmen, die international skalieren können? Und wie lassen sich diese Unternehmen finanzieren? Titel wie „Europe’s Biotech Capital: Who Funds the Future?“, „Building Europe’s Biotech Sovereignty“ oder „The Boston Blueprint“ machten deutlich, dass die Veranstalter Life Sciences nicht nur als Wissenschafts- oder Technologiethema verstanden wissen wollten. Es ging sichtbar auch um Wettbewerbsfähigkeit, Kapital und strategische Souveränität.  Wer sich durch Lounges, Side-Events und Abendveranstaltungen bewegte, stieß immer wieder auf Menschen, die bislang nicht unbedingt zum sichtbaren Stammpersonal europäischer Life-Science-Konferenzen gehören: Unternehmerfamilien, Family Offices, private Investoren und Vermögensverwalter

Andreas Schmidt, Managing Director von Springboard Health Ventures und Mitglied des Steering Committees der bio:cap, formulierte den Anspruch der Veranstaltung ungewöhnlich offen. Ziel sei es, mit der bio:cap „Geld für Biotech zu aktivieren, das bisher nicht ausreichend da war“. Er beschrieb damit den interessanten, neuen Aspekt der gesamten Veranstaltung. Viele Konferenzen beschäftigen sich mit Kapital. Die bio:cap beschäftigte sich aber mit den Menschen hinter dem Kapital und lud sie ein.

Die Debatte ist einen Schritt weiter

Die Diskussionen auf der bio:cap begannen deshalb an einem anderen Punkt als viele Innovationsdebatten der vergangenen Jahre. Über fehlende Forschung klagte kaum jemand. Auch die wissenschaftliche Qualität europäischer Life Sciences stand nicht ernsthaft zur Diskussion. Sie begannen dort, wo aus Forschung Unternehmen werden sollen, wo klinische Entwicklung finanziert werden muss, wo internationale Märkte erschlossen werden müssen. Förderprogramme, Transferinitiativen und Inkubatoren spielten in den Gesprächen weiterhin eine wichtige Rolle. Gleichzeitig entstand an vielen Stellen der Eindruck, dass die Branche ihre zentrale Herausforderung deutlicher beschreibt als noch vor einigen Jahren. Nicht mehr: Wie entstehen mehr Start-ups? Sondern: Wer begleitet diese Unternehmen, wenn sie wachsen? Die Gespräche kreisten also ncht allein um Bewertungen, Fondsgrößen oder Finanzierungsrunden, sondern um grundsätzlichere Fragen: Warum findet ein erheblicher Teil privaten Vermögens in Europa bislang kaum den Weg in Life Sciences? Wie kann Europa die finanziellen Voraussetzungen schafft, um aus wissenschaftlicher Stärke wirtschaftliche Stärke entstehen zu lassen. Es ging um industrie- und standortpolitische Fragen. Schmidt beschrieb den Kern der Veranstaltung mit folgender Metapher: „Im Grunde ist es eine Autobahn, die wir mit dieser Veranstaltung bauen wollen. Es hilft nicht zu sagen: Die drei Stücke sind doch schon klasse. Da ist immer noch keine Autobahn, weil kein Auto drüber fahren kann.“

Der Gegner heißt Boston

Auffällig war auch, wie selten auf der bio:cap über deutsche Standortkonkurrenz gesprochen wurde. Berlin gegen München. Berlin gegen Heidelberg. Nord gegen Süd. Diese Debatten wirkten fast wie Relikte einer anderen Zeit. Der Vergleichsmaßstab lag anderswo: In den Ökosystemen, in denen Wissenschaft, Unternehmertum und Kapital seit Jahrzehnten enger verzahnt sind als in Europa. Auch dafür fand Schmidt eine passende Sportmetapher: „Es geht um World Cup, und wir wollen den World Cup gewinnen. Und der sportliche Gegner ist Boston.“ Der Satz beschreibt das Selbstverständnis der Veranstaltung vermutlich besser als viele Programmpunkte. Die bio:cap wollte sich also nicht als „Berliner Schaufenster“ verstanden wissen, sondern als Europa als Life-Science-Standort im internationalen Wettbewerb.

Nach dem Kick-Off beginnt das eigentliche Spiel

Ob die bio:cap erfolgreich war, lässt sich heute noch nicht beantworten. Der Maßstab wird weder die Zahl der Besucher noch die Zahl der Side-Events sein. Auch die Qualität einzelner Panels wird dafür wenig aussagen. Entscheidend wird sein:, ob nun auch wirklich Unternehmerfamilien, Family Offices und private Investoren dauerhaft stärker in den Sektor finden. Ob aus Gesprächen Finanzierungsrunden werden. Ob aus neuen Kontakten neue Kapitalquellen entstehen und der überdimensionierte Kicker nicht weiterhin fehlende Spieler aufweist.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.