Man kann darüber sprechen, was in China oder Saudi-Arabien passiert.
Oder man kann endlich anfangen, sich ernsthaft mit diesen Regionen zu verbinden. Denn während Deutschland immer noch über „Rahmenbedingungen“ diskutiert wird, werden sie „dort“ umgesetzt. Auf den diesjährigen Deutschen Biotechnologietagen in Leipzig wurde leider erst am zweiten Veranstaltungstag und morgens um 8 Uhr klar, wie groß diese Lücke noch ist. Von Urs Moesenfechtel
Die Deutschen Biotechnologietage „funktionierten“ wie immer zuverlässig. Einmal im Jahr trifft sich die Branche zum „Klassentreffen“. In diesem Jahr nun also Leipzig, und alles ist – wie immer – da: Start-ups, Investoren, Politik, Cluster, Corporates, Industrie, Verwaltung, Medien. Sehr gut! So muss es sein. Rund 900 Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, sich im wunderschönen Jugendstil-Kongresszentrum am Leipziger Zoo die neuesten Entwicklungen in Forschung und Anwendung sowie die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Branche zu diskutieren.
Ausgerichtet wurden die diesjährigen DBT wie immer vom Biotechnologie-Branchenverband BIO Deutschland e.V. und die Arbeitsgemeinschaft der BioRegionen. Regionaler Gastgeber war in diesem Jahr der biosaxony e.V., das zentrale Netzwerk für Biotechnologie und Life Sciences im Freistaat Sachsen, gemeinsam mit seiner Partnerregion InfectoGnostics Jena Research Campus.
Leipzig bot den perfekten Rahmen für dieses Branchentreffen: ein über Jahre gewachsener Standort mit etablierten Strukturen und einer engen Verzahnung von Forschung, Klinik und Industrie. Der ostdeutsche Life-Science-Standort wird von einem seit mehr als 25 Jahren aufgebauten Netzwerk aus Instituten, Unternehmen und gezielter Förderung getragen. So ist ein vergleichsweise junges, aber belastbares Ökosystem entstanden: rund 300 Akteure, über 15.000 Beschäftigte und Investitionen von deutlich über einer Milliarde Euro. Und der Ausbau hält an – insbesondere im Bereich Laborinfrastruktur. Sichtbar und erfahrbar wurde dieser Standort während der DBT in den Beiträgen regionaler Akteure im Programm, in der Präsenz von biosaxony als Gastgeber und Vernetzer, und in den zahlreichen Gesprächen mit Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Initiativen vor Ort. Der Standort zeigte sich nicht nur als Kulisse, sondern als funktionierendes Ökosystem im direkten Austausch.
Politische Impulse und starke regionale Verankerung
Zu Beginn und im Verlauf der Veranstaltung betonten wie gewohnt und notwendig hochrangige Vertreter aus Branche und Politik die zentrale Bedeutung des Standorts und die Dynamik des Biotechnologiesektors, so Roland Sackers, Vorsitzender des DBT-Veranstalters BIO Deutschland, und Dr. Oliver Uecke, Vorstand von biosaxony e. V. Die Eröffnungsplenarsitzung wurde von Clemens Schülke, Oberbürgermeister und Wirtschaftsdezernent der Stadt Leipzig, ergänzt. Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter verwies zu Beginn des zweiten Tages auf die Bedeutung der Branche für Sachsen und die Fortsetzung der im Jahr 2000 gestarteten „Biotechnologie-Offensive“ als zentrales Element der Innovationsstrategie des Freistaates.
Selbst die Bundes-Politikprominenz war mit Bundesforschungsministerin Dorothee Bär beim Klassentreffen vertreten – ein Signal, das in der Vergangenheit so nicht selbstverständlich war. Ihr zentrales Statement fiel entsprechend klar aus: Deutschland solle zum innovativsten Biotech-Standort weltweit entwickelt werden.
Wasser auf die Mühlen der Branche – verbunden mit der bekannten Erwartung, dass solchen Bekenntnissen auch konkrete Maßnahmen folgen.
8 Uhr: Jenseits der großen Bühne
Die „große Bühne“ gehörte also den bekannten Statements. Ob sie allerdings tragen – und wo sie tragen müssten, zeigte sich erst am zweiten Tag, in einer zunächst unscheinbaren „Frühstücks-Session“. Wer dort hinging, musste sich sicherlich sehr bewusst dafür entscheiden. Schließlich fand am Vorabend die Network-Reception mit Gesprächen, Konzert und Feier in der Eventlocation Moritzbastei in Leipzig statt. Ein Ort, den man, einmal betreten, nicht so schnell wieder verlässt. Die Network-Reception der DBT dauert ohnehin immer länger als geplant. Um dann am nächsten Morgen bereits um 8 Uhr wieder im Konferenzsaal zu erscheinen,… das schafft nicht jeder. Die Erwartung an eine Frühmorgen-Session sind daher oft: Hier trifft sich ein kleiner Kreis eher unter sich. Doch dieses Mal war der Raum voll. Teilnehmer:innen standen an den Seiten, blieben an der Tür stehen, suchten noch Plätze. Ein kurzer Moment der Irritation: Ist das hier noch eine Breakfast-Session?
Neue Dynamiken: Biotech zwischen Europa und Asien
Der programmatische Titel „Global Benchmark: Looking East – How is Biotech Developing in the Middle East and Asia?“ hatte anscheinend spürbar Interesse geweckt. Moderiert wurde das Panel von Dr. Cora Kaiser, Partnerin bei MC Services, einem Beratungsunternehmen, das internationale Life-Science-Unternehmen dabei unterstützt, ihre Sichtbarkeit bei Investoren zu erhöhen und neue Märkte zu erschließen. Gleich zu Beginn formulierte sie eine beiläufige, aber prägnante Beobachtung: In den vergangenen Jahren nehmen die Anfragen aus Saudi Arabia und China noch deutlicher als bisher zu – von Akteuren, die gezielt in Europa Fuß fassen wollen.
Auf dem Podium sitzen vier Personen, die genau an der Schnittstelle der Vernetzung arbeiten: Dr. Fei Tian, Principal im Investmentteams bei MIG Capital, bringt die China-Perspektive aus eigener Erfahrung mit; Ausbildung in China, dann über ein staatliches Talentprogramm nach Europa gekommen, heute Investorin – eine beeindruckende Laufbahn, in der sich unterschiedliche Systeme und Perspektiven verbinden. China erscheint in ihrer Darstellung nicht als abstrakter Markt, sondern als strukturiertes System: Fünfjahrespläne, in denen Biotechnologie seit zwei Jahrzehnten klar priorisiert ist – und zwar operativ, nicht rhetorisch.
Dr. Hubert Birner, Managing Partner bei TVM Capital Life Sciences, ergänzt diese Perspektive aus Sicht eines Investors mit langjähriger China-Erfahrung. TVM war früh vor Ort, mit Kapital aus China und ersten Kooperationen. Seine Einordnung ist entsprechend nüchtern: China hat sich vom Produktionsstandort zu einem Innovationsstandort entwickelt. Die Rolle hat sich verschoben – und zwar dauerhaft.
Cornelia Jahnel, Co-Founder und Managing Partner bei Goldtrack Ventures, fokussiert auf Investor Relations, Fondsaufbau sowie die internationale Vernetzung zwischen Europa und dem Nahen Osten, beschreibt den Nahen Osten aus der Praxis. Sie ist regelmäßig in Saudi-Arabien, baut Fondsstrukturen auf und arbeitet direkt mit lokalen Akteuren. Ihre Perspektive ist operativ: Sie teilt Insights, was tatsächlich vor Ort funktioniert und was nicht.
Diese Perspektive wird ergänzt durch Sascha Berger, Gründer von Berger Invest und zuvor General Partner bei TVM Capital Life Science. Er hatte zuletzt im Umfeld des saudischen Staatsfonds PIF – unter anderem beim Aufbau der Biotech- und AI-Investmentplattform von NEOM – am Aufbau eines Life-Science-Ökosystems in Saudi-Arabien mitgewirkt.
Was diese Runde auszeichnet, ist weniger der Inhalt als der Ton: keine Visionen, keine Ankündigungen – Zustandsbeschreibungen.
China: Geschwindigkeit ist nur ein Teil der Geschichte
Beim Thema China wird schnell klar, wie sehr sich die Perspektive verschoben hat – und dass „Geschwindigkeit“ fast schon die einfachste Erklärung ist. Was dahintersteht, ist ein System. Biotechnologie ist dort seit Jahren Teil klar definierter nationaler Entwicklungspläne, die nicht als politische Absicht formuliert sind, sondern als konkrete Umsetzungsprogramme. Das hat Konsequenzen: Talent wird gezielt aufgebaut, klinische Strukturen systematisch erweitert, Innovation entlang klarer Prioritäten entwickelt. Die sichtbaren Effekte sind bekannt – große Patientenkohorten, schnelle Studien, zunehmende Zahl an Deals mit internationaler Relevanz. Interessanter ist jedoch, wie sich die Dynamik verschoben hat: Innovation entsteht nicht mehr nur im Westen und wird dann global verteilt. Sie entsteht parallel – und zunehmend eigenständig. Große Pharmaunternehmen suchen aktiv nach Assets in China, Business-Development-Teams sind vor Ort, und erste Wirkstoffe mit Ursprung in China werden global entwickelt. Und dann ist da die Geschwindigkeit im Detail. Neue Targets werden systematisch beobachtet, Publikationen unmittelbar ausgewertet.
Während in Europa noch über IP, Transfermodelle oder Ausgründungsstrukturen verhandelt wird, laufen andernorts bereits präklinische Programme. Zwei Jahre Verhandlung können hier bedeuten, dass ein vergleichbarer Ansatz anderswo bereits in der Klinik ist. Hinzu kommt ein Faktor, der im europäischen Diskurs oft noch als Zukunftsthema behandelt wird: Künstliche Intelligenz ist in China längst Teil der operativen Entwicklung – nicht als Ergänzung, sondern als integraler Bestandteil von Entscheidungsprozessen und Pipeline-Aufbau.
Der Ton auf dem Panel bleibt dabei bemerkenswert unaufgeregt. Kein „wir verlieren den Anschluss“, kein Alarmismus. Eher ein nüchternes: Das ist der Maßstab.
Naher Osten: Kapital ist da – aber es arbeitet anders
Der Blick in den Nahen Osten wirkt zunächst wie eine Korrektur eines verbreiteten Missverständnisses. Ja, es gibt Kapital. Und ja, es gibt Ambitionen, Biotechnologie als Teil der wirtschaftlichen Transformation zu etablieren. Aber dieses Kapital folgt keiner offenen Marktlogik, sondern klar definierten strategischen Zielen. Programme wie Saudi Vision 2030 zielen darauf ab, eigene industrielle Kapazitäten aufzubauen – in der Gesundheitsversorgung, in der Produktion, in angrenzenden Bereichen wie Ernährungssicherheit oder Umwelttechnologien. Biotechnologie ist dabei ein Baustein, aber kein Selbstzweck. Für europäische Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Anschluss entsteht nicht über Kapitalaufnahme, sondern über Relevanz im lokalen System. Mehrfach wird ein Punkt sehr deutlich formuliert: Der klassische Ansatz – Delegation reist ein, präsentiert, sucht Finanzierung und reist wieder ab – funktioniert nicht. Wer dort arbeiten will, muss vor Ort sein. Nicht punktuell, sondern strukturell. Hinzu kommt ein zweiter, weniger komfortabler Aspekt. Kurzfristig verschieben sich Prioritäten. Während langfristig der Aufbau eines Biotech-Sektors vorgesehen ist, dominieren aktuell andere Themen – von Versorgungssicherheit bis hin zu geopolitischen Anforderungen. Frühphasenfinanzierung für internationale Biotech-Start-ups ist unter diesen Bedingungen kaum realistisch. Und selbst dort, wo Kapital verfügbar ist, fehlt oft noch die Erfahrung im Umgang mit Biotech-Investments. Entscheidungen sind nicht immer nachhaltig, Strukturen noch im Aufbau. Auch das wird offen angesprochen.
Der vielleicht treffendste Begriff fällt fast nebenbei: „strategische Geduld“. Gemeint ist damit nicht nur ein längerer Zeithorizont, sondern die Notwendigkeit, sich auf ein System einzulassen, das anders funktioniert – langsamer in der Umsetzung, aber langfristig gedacht.
Zwischendurch die Frage ins Publikum: Wer hat Erfahrung mit China? Einige Hände gehen hoch. Beim Nahen Osten deutlich weniger.
Ein anderer Blick auf die DBT
Nach dieser Stunde wirkt der Rest der Konferenz ein wenig anders: Die dort verhandelten Themen bleiben die gleichen wie sonst auch: Finanzierung, Regulierung, Infrastruktur. Alles valide, alles notwendig. Aber sie wirken plötzlich wie Teil eines Systems, das sich nach wie vor noch zu sehr um sich selbst dreht. Das ist nicht unbedingt falsch. Aber nicht ausreichend. Und eigentlich wissen das auch alle seit langem. Die Take-Aways der Frühstücks-Sessions sind eigentlich auch nicht wirklich bahnbrechend neu. Irgendwie schon lange gewusst. Die zentralen Herausforderungen seit Jahren bekannt.
Und doch – der volle Raum spricht dafür – scheint sich nun endlich etwas zu verschieben: Die Ohren für die Herausforderungen und Chancen in Asien und dem Nahen Osten sind offener. Und vielleicht gehen in zukünftigen Sessions dieser Art auch mehr Hände hoch – nicht nur bei der Frage, wer bereits aktiv ist, sondern um selbst anzupacken. Der Raum war voll, weil es hier konkret wurde: Internationalität nicht als Narrativ, sondern als Realität. Perspektiven nicht vermittelt, sondern verkörpert. Und die Themen nicht abstrakt, sondern anschlussfähig – jenseits der üblichen Statements der großen Bühne.
Vom Frühstück zum Hauptgang
Die Session hat ziemlich präzise gezeigt, wo die eigentliche Bewegung gerade stattfindet – und wie wenig davon bislang strukturell in den üblichen Formaten der Branche abgebildet ist. Hier wurde im Kleinen deutlich, wie sich Märkte tatsächlich verschieben. Internationalität ist kein Add-on. Sie ist längst Teil der operativen Realität – nur noch nicht in gleicher Konsequenz Teil konkreter Diskussion.
Wenn China Innovation systematisch beschleunigt, wenn klinische Entwicklung parallel gedacht wird und wenn Regionen wie Saudi-Arabien ihre Biotech-Strategien konsequent entlang nationaler Interessen aufbauen, dann reicht es nicht, diese Entwicklungen aus europäischer Perspektive zu kommentieren. Dann muss man sich aktiv in diese Dynamiken hineinbegeben.
Und genau hier entsteht eine Lücke. Auf den DBT wird über diese Regionen gesprochen – aber noch nicht ausreichend mit ihnen. Die Perspektiven kommen meist vermittelt, eingeordnet, übersetzt. Was fehlt, ist die direkte Auseinandersetzung mit den Akteuren, die diese Systeme prägen: Investoren, Betreiber, Unternehmen, Institutionen vor Ort. Die Frühstückssession hat gezeigt, dass das Interesse dafür vorhanden ist. Ein voller Raum um 8 Uhr morgens ist kein Zufall.
Mit Blick auf die nächsten Deutschen Biotechnologietage in Düsseldorf: Dass sich hier – bezogen auf den Nahen Osten – bereits etwas bewegt, zeigt ein Blick nach vorn: Mit „deals & dates“, geplant für den 8. September 2027 in Leipzig, entsteht ein Format, das genau darauf abzielt. Das Konzept, organisiert von leap:up – der in Leipzig ansässige Life Sciences-Ökosystem-Entwickler, ist klar: ein exklusives, kuratiertes Setting, in dem Start-ups und Investoren gezielt in 1:1-Gespräche gebracht werden – mit direktem Zugang zu Kapital, unter anderem aus Saudi-Arabien. Kein offenes Networking, sondern strukturierte Gespräche mit klarer Zielsetzung. Ein Format, das explizit als Brücke zwischen europäischer Innovation und internationalem Kapital dienen soll. Weniger Panel, mehr Gespräch. Weniger Austausch, mehr Abschluss.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.








