BiomedVC führt Runde für Onkologie-Plattform zur intrazellulären Wirkstoffabgabe an

Das im Oktober 2025 gegründete Dortmunder Unternehmen iDEL Therapeutics hat eine Seed-Finanzierung über 9 Mio. EUR abgeschlossen. Die Runde wurde von BiomedVC angeführt, weitere Investoren sind NRW.Venture, Gründerfonds Ruhr und der KHAN Technology Transfer Fund. Das Unternehmen entwickelt eine Plattform zur gezielten intrazellulären Wirkstoffabgabe und baut darauf eine Onkologie-Pipeline mit zwei Programmen auf Wir sprachen dazu mit Dr. Marcus Kostka, CEO von iDEL Therapeutics und zuvor CEO von Abalos Therapeutics, über Technologie, Pipeline und die nächsten Entwicklungsschritte. Von Urs Moesenfechtel

Dr. Marcus Kostka, CEO, iDEL Therapeutics. Copyright Foto: iDEL Therapeutics
Dr. Marcus Kostka, CEO, iDEL Therapeutics. Copyright Foto: iDEL Therapeutics

PLS: Herr Kostka, was ist der zentrale technologische Durchbruch hinter iDEL?

Dr. Kostka: Der Kern unserer Plattform ist ein Shuttle, das Wirkstoffe gezielt in Tumorzellen bringt und sie dort direkt ins Zytosol transportiert. Dort wird der Payload freigesetzt und ist funktionell aktiv. Das System besteht aus drei Komponenten: einem chemisch herstellbaren Shuttle, einem Linker und variablen Payloads – von siRNA bis hin zu Nanobodies oder vollständigen Antikörpern. Unser Ansatz ist dabei sowohl mit kleinen als auch mit großen Molekülen kompatibel.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Drug-Delivery-Ansätzen ist zweifach: Erstens ist das Targeting bereits integriert, weil unser Shuttle eine Klasse von Transportern adressiert, die in Tumorzellen überexprimiert sind. Bei klassischen Scaffolds muss dieses Targeting oft zusätzlich ergänzt werden. Zweitens nutzen wir Transporter, die physiologisch größere Moleküle direkt ins Zytosol bringen. Damit umgehen wir das zentrale Problem vieler Technologien, die über Endosom und Lysosom laufen und dort hängen bleiben.

Wir konnten das auch experimentell zeigen: In einem In-vivo-Proof-of-Concept haben wir mit einem VHH-Antikörper – also einem Nanobody – gegen ein intrazelluläres Onkotarget nach intravenöser Gabe eine signifikante Reduktion der Tumorlast erreicht. Die zugrunde liegende Idee und das Setup haben wir gemeinsam mit meinem Mitgründer Andreas Briel entwickelt, einem Chemiker mit Industrieerfahrung bei Schering und Bayer, aus dessen Umfeld auch die ursprüngliche Konzeptidee stammt.

Das zentrale Problem vieler Delivery-Technologien ist also, dass Wirkstoffe im Endosom oder Lysosom „stecken bleiben“. Sie sagen, Sie umgehen das komplett – warum gelingt Ihnen das, wo andere scheitern?

Wir nutzen wie gesagt Transporter, die physiologisch dafür da sind, größere Moleküle direkt ins Zytosol zu bringen. Indem unser Shuttle an diese Transporter bindet, wird auch der gekoppelte Payload direkt ins Zytosol eingeschleust. Dadurch brauchen wir keine zusätzlichen Mechanismen wie Endosomal Escape. Wir vermeiden damit also nicht nur die endosomale Einschließung, sondern auch die anschließende Degradation der Wirkstoffe, die häufig die Effektivität limitiert.. Wir konnten zeigen, dass sich der Wirkstoff im Zytosol verteilt, dort ankommt, wo er wirken soll, und funktionell aktiv ist. Diesen Ansatz verfolgt derzeit niemand sonst.

Wie breit ist dieser Ansatz tatsächlich übertragbar?

Wenn wir einmal zeigen können, dass wir ein Target aus dieser langen Liste adressieren und dort aktiv sind, dann ist das eine Validierung der gesamten Plattform. Genau das ist unser Ziel. Wir verfolgen daher zwei Programme. Das erste Programm validiert unseren Nanobody-Ansatz gegen ein intrazelluläres Onkotarget, inklusive Target Engagement, PK/PD und weiterer Standardparameter. Das zweite Programm nennen wir „Multi-Cancer Drug Conjugate“. Hier setzen wir uns bewusst vom klassischen ADC-Ansatz ab.

ADCs funktionieren, benötigen aber immer ein tumorspezifisches Antigen. Wir brauchen das nicht, weil unser Shuttle das Targeting über überexprimierte Transporter bereits mitbringt. Wir haben rund 50 humane Tumorzelllinien untersucht und sehen in den meisten Fällen eine Überexpression dieser Transporter. Das heißt: Wir sind nicht auf einzelne Targets beschränkt. Unser Ziel ist es, damit auch intrazelluläre Zielstrukturen adressierbar zu machen, die bisher als schwer oder gar nicht therapierbar galten.

Warum glauben Sie, dass es über ADCs hinaus noch Platz für einen neuen Ansatz gibt? Und wie passt das zu Investoren wie BiomedVC, die bereits in ADC-Unternehmen wie Tubulis investiert sind?

Ja, für ADCs wird es weiterhin einen Markt geben, insbesondere in weiteren Generationen. Aber sie haben eben die Einschränkung, dass sie ein tumorspezifisches Antigen benötigen. Wir umgehen diese Limitation. Die Frage ist letztlich, ob es Raum für etwas grundlegend Neues gibt – und welche Daten man liefern muss, um Pharmaunternehmen davon zu überzeugen. Bis ein Produkt am Markt ist, vergehen ohnehin zehn bis 15 Jahre. Dass Investoren wie BiomedVC parallel in ADC-Unternehmen investieren, zeigt aus meiner Sicht eher, dass sie agnostisch auf Technologien schauen und unterschiedliche Ansätze verfolgen. Am Ende wird sich zeigen, welche Technologien sich durchsetzen – und ob neben ADCs auch Raum für neue Plattformen entsteht.

Trotz dieses neuartigen, einzigartigen Ansatzes von iDEL hat es rund ein Jahr gedauert, Investoren zu überzeugen. Woran lag das?

Die erste Reaktion ist oft: „Delivery? Schwierig.“ Das Feld ist voll, und entsprechend groß ist die Skepsis. Wir haben die Firma im Oktober gegründet und etwa ein Jahr gebraucht, um neun Millionen Euro einzuwerben. Die Finanzierung gibt uns jetzt die Möglichkeit, unsere beiden Programme gezielt bis in Richtung klinische Entwicklung weiterzuentwickeln. Wir haben zwar überzeugende In-vivo-Daten, aber noch nicht alle Antworten – etwa zum Therapeutic Window oder zu umfassenden PK/PD-Daten.

Viele Plattformen bleiben lange auf Zellkultur-Niveau, wir haben den In-vivo-Proof-of-Concept bereits erreicht, aber es braucht trotzdem Überzeugungsarbeit. Auch die Frage kommt natürlich: Warum habt ausgerechnet ihr diesen Transporter identifiziert? Da hilft uns die Erfahrung im Team. Unser Leadership bringt jeweils mehr als 25 Jahre Erfahrung in Pharma, Biotech und Venture mit und weiß genau, welche Daten jetzt generiert werden müssen.

Warum haben Sie sich entschieden, jetzt nur neun Millionen aufzunehmen und nicht mehr?

Mit diesen neun Millionen können wir in den nächsten drei Jahren die entscheidenden Datensätze generieren – ohne unnötige Verwässerung.

Was muss konkret passieren, damit Sie den nächsten Schritt gehen können?

Zunächst generieren wir die zentralen Daten. Danach haben wir zwei Optionen: Kooperationen mit Pharmaunternehmen – etwa mit solchen, die bereits passende Payloads haben –, oder eine größere Finanzierungsrunde mit Investoren. Diese Investoren steigen typischerweise erst ein, wenn die wesentlichen Fragen beantwortet sind und ein klarer Weg in die Klinik sichtbar ist. Deshalb macht es keinen Sinn, jetzt schon 30 Millionen aufzunehmen.

Wie weit sind Sie aktuell bezüglich Partnerschaften? 

Konkrete Kooperationen können wir noch nicht nennen. Wir stehen noch am Anfang. Wir sind auf Konferenzen präsent und führen erste Gespräche – sowohl mit Venture-Capital-Gebern als auch mit Pharmaunternehmen. Das ist zunächst ein Appetizer. In vertiefte Gespräche gehen wir, sobald wir die nächsten Datensätze haben. Erfahrungsgemäß dauern solche Prozesse sechs bis 18 Monate.

Wie ist Ihr Unternehmen derzeit strukturiert?

Unser Lead-Investor BiomedVC wird gespiegelt von der NRW.BANK. Dazu kommen wie gesagt zwei weitere Fonds, darunter der KHAN Technology Transfer Fund und der Gründerfonds Ruhr. Uns war wichtig, Investoren zu haben, die nicht nur Kapital mitbringen, sondern auch verstehen, wie man solche Plattformen entwickelt und in Richtung Klinik bringt.

BiomedVC verfügt über umfangreiche Erfahrung im Biotech-Bereich und geht bewusst auch neue Ansätze mit. Die NRW.BANK ergänzt das als langfristig orientierter, regional verankerter Partner.

Mit KHAN haben wir zudem einen Investor an Bord, der über das Lead Discovery Center direkten Zugang zu Wirkstoffentwicklung und wissenschaftlicher Infrastruktur ermöglicht.

Der Gründerfonds Ruhr ergänzt das Konsortium um unternehmerische Erfahrung und ein starkes Netzwerk in der Frühphase. In der Kombination decken die Investoren damit genau die Bereiche ab, die wir aktuell benötigen – Finanzierung, Entwicklungsexpertise und Zugang zu potenziellen Partnern.

Unser Sitz ist im Biomedizinzentrum in Dortmund, im selben Gebäude wie das des Lead Discovery Centers. Das verschafft uns unmittelbaren Zugang zu Infrastruktur und wissenschaftlichem Umfeld und ist für uns ein klarer Standortvorteil. Operativ sind wir schlank aufgestellt, aktuell mit fünf Mitarbeitenden. Die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten erfolgen weitgehend über externe Partner.

Sehr geehrter Herr Dr. Kostka, herzlichen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.