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Medtech-Unternehmen wie die im Primärmarkt Düsseldorf notierte Viromed Medical AG (ISIN: DE000A40VZN7, MarketCap: 112,6 Mio. EUR) adressieren zunehmend Märkte, die durch strukturelle Herausforderungen wie Antibiotikaresistenzen geprägt sind. Daraus ergeben sich auch aus Kapitalmarktsicht neue Wachstumsfelder. Eine technologische Grundlage bildet dabei die Kaltplasma-Anwendung. Angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen gewinnen alternative Therapieansätze weltweit an Bedeutung. Für die Medizintechnik eröffnet sich damit ein wachsender Markt für innovative Technologien zur Behandlung infektiöser Erkrankungen. Unternehmen wie Viromed positionieren sich hier mit technologiebasierten Lösungen jenseits klassischer pharmakologischer Ansätze.
Ein solcher Ansatz ist die medizinische Anwendung von Kaltplasma. Dabei handelt es sich um ein teilweise ionisiertes Gas, das reaktive Moleküle erzeugt. Diese sogenannten reaktiven Spezies können Mikroorganismen wie Bakterien, Viren oder Pilze gezielt inaktivieren. Anders als klassische Antibiotika beruht dieser Effekt nicht auf einem pharmakologischen Wirkmechanismus, sondern auf physikalisch-chemischen Prozessen. Die Viromed Medical AG arbeitet daran, diesen Ansatz in konkrete medizinische Anwendungen zu überführen und neue Einsatzfelder zu erschließen.
Kaltplasma etabliert sich zunächst in der Behandlung chronischer Wunden
Die medizinische Nutzung von Kaltplasma wird seit mehreren Jahren untersucht. Erste Anwendungen haben sich insbesondere in der Behandlung chronischer und infizierter Wunden etabliert, bei denen bakterielle Belastungen den Heilungsprozess erheblich verzögern können. Ein Beispiel hierfür sind die Kaltplasma-Systeme ViroCAP® med, ViroCAP® derma und ViroCAP® vet. Während ViroCAP® med für Anwendungen in der Humanmedizin entwickelt wurde, adressiert ViroCAP® derma dermatologische Einsatzbereiche. ViroCAP® vet ist für Anwendungen in der Veterinärmedizin vorgesehen.
Die Systeme nutzen die antimikrobielle Wirkung von Kaltplasma, um die Keimbelastung in infizierten oder schwer heilenden Wunden lokal zu reduzieren. Gerade bei chronischen Wunden – etwa im Zusammenhang mit Diabetes oder Durchblutungsstörungen – besteht ein erheblicher medizinischer Bedarf an Verfahren, die Infektionen kontrollieren können, ohne systemische Nebenwirkungen zu verursachen. Daraus ergibt sich ein klar adressierbarer Markt mit Skalierungspotenzial.
Neue Forschungsansätze zielen auf Infektionen der Atemwege
Neben der Wundbehandlung wird die Technologie zunehmend auch für weitere medizinische Anwendungen untersucht. Dazu zählen unter anderem Infektionen von Haut und Gewebe, Anwendungen im Bereich medizinischer Implantate sowie mögliche therapeutische Ansätze bei Infektionen der Atemwege.
Gerade in der Intensivmedizin stellen bakterielle Lungeninfektionen eine erhebliche Herausforderung dar – insbesondere im Zusammenhang mit antibiotikaresistenten Erregern oder beatmungsassoziierten Pneumonien. Entsprechend wächst das Interesse an Verfahren, die pathogene Keime lokal reduzieren können, ohne das umliegende Gewebe zu schädigen. Vor diesem Hintergrund entwickelt Viromed die pulmonale Technologie PulmoPlas®, die auf die Anwendung von Kaltplasma im respiratorischen Gewebe abzielt. Die Erweiterung des Anwendungsspektrums auf zusätzliche Indikationen ist auch aus Unternehmenssicht ein zentraler Wachstumstreiber.
Präklinische Studien untersuchen Sicherheit und antimikrobielle Wirkung
Die Entwicklung neuer medizinischer Technologien erfordert umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen. Viromed arbeitet hierfür mit Forschungspartnern wie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) sowie weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen.
In präklinischen Untersuchungen wurden über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren verschiedene Modelle analysiert, um sowohl die antimikrobielle Wirkung als auch mögliche Auswirkungen auf menschliches Gewebe zu untersuchen. Nach Angaben des Unternehmens zeigte sich dabei eine deutliche Reduktion pathogener Keime, während gleichzeitig ein therapeutisches Sicherheitsfenster identifiziert werden konnte.
Diese Ergebnisse bilden eine Grundlage für weitere translational orientierte Studien. Aktuell wird der Ansatz in einer Validierungsstudie im vitalen Lungenorganmodell weiter untersucht. Die Studie wird an der Universität des Saarlands durchgeführt und soll zusätzliche Erkenntnisse liefern, wie sich die bisherigen Ergebnisse unter möglichst realitätsnahen Bedingungen bestätigen lassen. Solche Fortschritte sind entscheidend für die klinische und regulatorische Weiterentwicklung.
Integration von relyon plasma soll technologische Kompetenzen stärken
Parallel zur wissenschaftlichen Entwicklung erweitert Viromed seine technologischen Kompetenzen. Einen wichtigen Schritt stellt die angekündigte Absichtserklärung zum Erwerb der relyon plasma GmbH („relyon“) dar. relyon entwickelt modulare Plasma-Systeme und verfügt über langjährige Erfahrung in der Entwicklung und Produktion entsprechender Technologien. Das Unternehmen war bereits zuvor an der technischen Umsetzung von Kaltplasma-Systemen beteiligt.
Durch eine Integration könnten zentrale Teile der technologischen Wertschöpfung enger miteinander verbunden werden – von der Entwicklung über die Systemintegration bis hin zur industriellen Fertigung. Für technologiegetriebene Medtech-Unternehmen kann eine solche Integration strategische Vorteile bieten, insbesondere im Hinblick auf die Skalierung und Kontrolle zentraler Technologien.
Zwischen etablierten Anwendungen und neuen klinischen Perspektiven
Die Entwicklung verläuft zwischen bereits verfügbaren Anwendungen und weiteren klinischen Perspektiven. Während im Bereich Kaltplasma bereits erste medizinische Anwendungen existieren, sind andere Einsatzfelder – etwa in der Behandlung pulmonaler Infektionen – noch Gegenstand intensiver Forschung. So hat Prof. Dr. Hortense Slevogt von der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung im Februar 2026 den aktuellen Stand einer wissenschaftlichen Studie zur Behandlung schwerer infektiöser Lungenerkrankungen mit Kaltplasma vor. In der Studie wird die Kaltplasmatechnologie von Viromed eingesetzt.
Diese Konstellation ist für innovative Medtech-Technologien typisch: Erste wissenschaftliche Ergebnisse und technologische Fortschritte liegen vor, während zusätzliche Evidenz, regulatorische Schritte und klinische Anwendungen über den weiteren Entwicklungspfad entscheiden werden.
Fazit
Kaltplasma entwickelt sich zu einem neuen Ansatz in der Behandlung infektiöser Erkrankungen. Die Technologie verbindet einen physikalischen Wirkmechanismus mit einem breiten potenziellen Einsatzspektrum – von der Wundbehandlung bis hin zu komplexeren Indikationen wie Infektionen der Atemwege.
Am Beispiel der Viromed Medical AG wird deutlich, wie börsennotierte Medtech-Unternehmen solche Technologien in Anwendungen überführen und daraus Wachstumsperspektiven ableiten. Mit bestehenden Anwendungen in der Wundbehandlung und der Entwicklung neuer Indikationen wie der pulmonalen Anwendung arbeitet das Unternehmen daran, zusätzliche Marktpotenziale zu erschließen und seine technologische Basis auszubauen.
Für den Kapitalmarkt bleibt entscheidend, inwieweit wissenschaftliche Fortschritte in klinische Evidenz und regulatorische Zulassungen überführt werden.
Autor/Autorin
Die Redaktion der Kapitalmarkt Plattform GoingPublic (Magazin, www.goingpublic.de, LinkedIn Kanal, Events) widmet sich seit Dezember 1997 den aktuellen Trends rund um die Finanzierung über die Börse. Ob Börsengang (GoingPublic) oder die vielfältigen Herausforderungen für börsennotierte Unternehmen (Being Public), präsentiert sich GoingPublic cross-medial als Kapitalmarktplattform für Emittenten und Investment Professionals.






