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Kommentar zur Krise
Prof. Dr. Henning Vöpel

Prof. Dr. Henning Vöpel ist seit 2014 Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Im Jahr 2010 wurde er als Professor für Volkswirtschaftslehre an die HSBA Hamburg School of Business Administration berufen. Seine Forschungs- und Themenschwerpunkte sind Konjunkturanalyse, Geld- und Währungspolitik, Finanzmärkte und Digitalökonomie.

Kein anderes Thema beherrscht uns so sehr wie die COVID-19-Pandemie. Ökonomen diskutieren bereits seit Wochen darüber, welches Ausmaß die wirtschaftlichen Folgen der Krise letztendlich annehmen werden. Im Interview wagt Prof. Dr. Henning Vöpel u.a. eine Prognose zur derzeitigen Situation und zeigt die möglichen Chancen der Krise auf.

Herr Prof. Dr. Vöpel, die Coronakrise hält uns seit Wochen in Atem. Plakativ gefragt: Wo stehen wir derzeit wirtschaftlich, was haben wir schon hinter uns und was noch vor uns?
Das ist die große Kardinalfrage, die derzeit weder Virologen noch Epidemiologen oder Ökonomen beantworten können. Entscheidend ist hier eher die Frage: Wie gehen wir mit der derzeit herrschenden Unsicherheit sinnvoll um? Das ist auch für die Kommunikation in der Krise wichtig. Wir werden aber auf jeden Fall nach der Krise nicht nur konjunkturelle Schäden sehen, sondern auch strukturelle Verschiebungen. Viele Unternehmen werden durch Kredite und Bürgschaften belastet, die weit über dieses und nächstes Jahr hinausreichen werden. Die Konjunkturprognosen des BIP rangieren im Moment von -5% – wo wir aktuell bereits stehen – bis zu -15%. Um es in ökonomischen Szenarien auszudrücken: Die V-Form, bei der nach einem steilen Absturz eine ebenso rasche Erholung einsetzt, ist inzwischen ausgeschlossen. Wir sind mittlerweile bereits bei der U-Form angelangt – einem drastischen Absturz also, gefolgt von einer Phase der Stabilisierung auf einem sehr niedrigen Niveau. Die L-Form, das dramatischste Szenario, haben wir zwar noch nicht erreicht; jedoch wissen wir bereits, dass wir es mit einer längerfristigen Krise zu tun haben werden. Die Belastungen für die Zukunft werden demnach zunehmen, da sicherlich auch die Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten noch steigen wird.

 Wie grenzt sich diese Krise von der rund zehn Jahren zurückliegenden Finanzkrise ab?
Die beiden Krisen unterscheiden sich sehr stark voneinander. Vor mehr als zehn Jahren hatten wir es mit einer Finanzblase zu tun, die geplatzt ist – also eine sehr spezifische, die Finanzmarktwirtschaft betreffende Krise. Das derzeitige Szenario ist komplett anders, mit einer anderen Ausgangslage. Bei der jetzigen Krise hatten wir es mit einem behördlichen Lockdown zu tun, der zu dieser wirtschaftlichen Schwächung geführt hat. Ökonomisch betrachtet ist das somit ein Angebotsschock, während typischerweise eine Rezession durch einen Nachfrageschock ausgelöst wird. Die große Gefahr der aktuellen Krise ist also, dass als Folge des Angebotsschocks auch die Nachfrage einbricht. Das macht diese Krise sehr besonders – von der Art und Weise, wie sie entstanden ist und wie sie womöglich noch andauern wird. Somit ist sie kaum vergleichbar mit vergangenen Krisen.

Wo sehen Sie eine Lösung für wirtschaftlich stark angeschlagene Branchen? Vor ein paar Wochen haben Sie in einem anderen Interview das bedingungslose Grundeinkommen zur Sprache gebracht …
Grundsätzlich bin ich kein großer Fan vom bedingungslosen Grundeinkommen. Das Leistungsprinzip ist für die solidarische Gesellschaft meines Erachtens sehr wichtig. Jedoch halte ich die Idee der Bundesregierung, den Menschen mehr Liquidität zu verschaffen, indem Kredite und Bürgschaften vergeben werden, langfristig für kritisch. Bereits jetzt ist erkennbar, dass diese Instrumente zur Bekämpfung der Krise ihre Wirksamkeit verlieren und ein anschließendes Wiederbelebungsprogramm der Wirtschaft unvermeidlich ist. Der Staat hat durch den Lockdown und die Kontaktbeschränkungen massiv in die Privat- und Eigentumsrechte der Menschen eingegriffen. Von daher hielte ich es für gerechtfertigt, dass diejenigen, denen behördlich untersagt wurde, zu arbeiten, auch eine direkte finanzielle Erstattung bekommen, z.B. über Transferzahlungen. Dies wäre im Grunde vergleichbar mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, was in dem Fall z.B. als Bürgergeld bezeichnet werden könnte. Meiner Meinung nach wäre das eine angemessene Unterstützung, für die sich keiner rechtfertigen muss. Angesichts der steigenden Staatsverschuldung und der Verschuldung privater Haushalte ist auch ein zukünftiger Schuldenschnitt nicht auszuschließen.

Welchen Chancen könnten sich aus der Krise ergeben – besonders für digitale Branchen?
Die Krisenerfahrung, dass kurzfristig alles wegbrechen kann, ist sehr existenziell. Die Krise kann aber  wiederum auch  dabei helfen, von alten Strukturen loszulassen. Es ist jetzt quasi unvermeidlich geworden, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen, auch wenn das natürlich schon vor Corona ein großes Thema war. Die derzeitige Situation wirkt jetzt wie ein Katalysator für den Umgang mit neuen digitalen Tools. Innerhalb weniger Wochen haben wir spürbar erfahren müssen, dass das, was wir uns aufgebaut haben, plötzlich nicht mehr viel wert ist. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns für die Zukunft innovativer und agiler aufstellen und kurzfristig in der Lage sein, auf Veränderungen zu reagieren. Dabei kann uns die Digitalisierung helfen. Es könnte also einen Kulturwandel zu echter Transformation geben. Die Krise zeigt uns demnach, dass der Wandel möglich und vor allem eine Chance für uns alle ist.

Herr Prof. Dr. Vöpel, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Interview führte Svenja Liebig

Dieser Beitrag ist eine Vorabveröffentlichung der Juni-Ausgabe des GoingPublic Magazins.

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