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Der IPO Markt boomt – jedoch nicht in Deutschland! An den amerikanischen Börsenplätzen finden nahezu täglich Börsengänge statt, die vor allem aus den Internet-, Biotech- oder Health-Care-Bereichen stammen. Bis dato (07.04.2014) sind es in diesem Jahr bereits über 70 IPOs! Selbst die Londoner Börse konnte in den ersten drei Monaten elf Neuzugänge verzeichnen, davon acht innerhalb des Small-Cap-Segmentes „AIM“. Es scheint, dass die Chemie zwischen den Investoren und hiesigen Emittenten nicht mehr stimmt. Für die Gruppe der Privatanleger ist der Zugang zur Aktie erheblich erschwert worden, da die seit 2011 in Kraft getretene „Finanz-Beipackzettelverordnung“ die Anlageberatung für Banken unattraktiv macht. Zudem spielt der Privatanleger im Vermarktungskonzept der Investmentbanken bei IPOs aus Haftungs- und Kostenaspekten seit längerem keine Rolle mehr. Die Anzahl der großen deutschen Investmentfonds, die sich noch in Neuemissionen engagieren, ist drastisch geschrumpft. Die sonstigen großen Kapitalsammelstellen gehen ein Aktieninvestment nur noch in „homöopathischen“ Dosen ein. Es ist daher kein Wunder, dass sich potenzielle Emittenten in diesem restriktiven Investorenumfeld schwer tun, einen Börsengang in Deutschland in Erwägung zu ziehen. Nur wenige nehmen die Mühe auf sich, ihr „IPO-Glück“ an den angelsächsischen Börsen zu suchen.

Prof. Dr. Wolfgang Blaettchen neu

Laut einer aktuellen Umfrage der Fondgesellschaft Franklin Templeton erwarten deutsche (Privat-)Anleger derzeit von ihren Investments eine Rendite von 5,5% p.a. Im jetzigen Umfeld bedeutet dieser Renditeanspruch jedoch, ein Anlagerisiko einzugehen, das deutlich über dem einer Bundesanleihe liegt. Da die „Aktie“ als Investment aus den o.g. Gründen derzeit kaum in Frage kommt, rücken somit andere Kapitalmarktinstrumente in den Vordergrund. Die klassische Unternehmensanleihe ist derzeit weiterhin bei allen Investorengruppen insbesondere in der Benchmark-Anleihewelt interessant. Jedoch sind selbst im mittleren „Non-Investmentgrade“-Bereich kaum noch Renditen von über 5% erzielbar. Da Unternehmen nicht alle Projekte aufgrund ihrer Risikostruktur ausschließlich mit Fremdmitteln finanzieren können, müssen zumindest eigenkapitalähnliche Kapitalmarktinstrumente gefunden werden. Darunter fällt der Genussschein, der aufgrund seiner Verlustbeteiligung, erfolgsabhängigen Vergütung und langfristigen Laufzeit einen sehr starken Eigenkapitalcharakter haben kann.

Hybride Instrumente haben bei Investoren in den letzten Jahren einen erheblichen Zuspruch genossen. Lag im Jahr 2012 das Emissionsvolumen dieser Instrumente in Europa noch bei 12 Mrd. EUR, so konnte sich das Volumen im Jahr 2013 auf über 23 Mrd. EUR nahezu verdoppeln. Der deutsche Anteil wird auf über 20% geschätzt. Auch wenn darunter der Genussschein nur einen geringen Anteil hat, so zeigt sich doch das Potenzial dieser Finanzierungsalternative.

Laut unserer Untersuchung existieren derzeit 17 Genussscheine deutscher Industrieunternehmen, die an den Börsen gehandelt werden. Unter den Emittenten finden sich Namen wie Bertelsmann, Drägerwerk, Edeka, Schaltbau Holding oder die Stadtwerke Hannover. Die Emissionsvolumen dieser Genussscheine variieren zwischen 5 und 300 Mio. EUR und erreichen gewinnabhängige Verzinsungen von bis zu 15% p.a. Die Laufzeiten der Wertpapiere liegen deutlich im langfristigen Bereich (über zehn Jahre) und die Stückelung der Anteile oft bei 100 EUR.

Für den Emittenten hat der börsennotierte Genussschein den Vorteil, dass dieses Instrument aufgrund des starken Eigenkapitalcharakters bei Banken und Ratingagenturen zumindest teilweise als wirtschaftliches Eigenkapital angesehen wird. Wie bei einer Anleihe ist die Emission eines Genussscheins unabhängig von der Rechtsform und die Verzinsungen sind auf Unternehmensebene – anders als Dividenden – in der Regel steuerlich abzugsfähig. Für den Anleger bietet der Genussschein durch seine gewinnabhängige Komponente eine risikoadäquate Verzinsung deutlich über der „Plain-Vanilla-Anleihe“. Schließlich hat ein börsennotierter Genussschein den Vorteil der fortlaufenden Fungibilität und eines organisierten Handels.

Wir meinen, dass es Zeit ist, ein über den Freiverkehr hinausgehendes Börsensegment wie den Entry Standard für diese Finanzierungsalternative bereitzustellen. Dies stellt mit seinen mittelstandsfreundlichen Anforderungen die notwendige Transparenz über den Emittenten sicher, ohne ihn zu überfordern. Auswüchse wie Prokon im „grauen Markt“ sind dadurch leichter zu vermeiden oder mindestens zu begrenzen.

Vorab Veröffentlichung aus dem GoingPublic Magazin 05/2014.

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