Roger Merz, Fondsmanager Vontobel Asset Management
Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin erläutert Roger Merz, Fondsmanager bei Vontobel Asset Management, worin die besonderen Chancen eines nachhaltigen Investmentansatzes bestehen.

GoingPublic: Herr Merz, nachhaltiges, umweltbewusstes und sozial verträgliches Investieren – ist das hauptsächlich ein Thema für den gut verdienenden Grünen-Wähler, oder gibt es auch von institutioneller Seite Nachfrage?
Merz:
In unserem Anlageprozess messen wir sowohl Nachhaltigkeitsaspekten als auch finanziellen Kriterien einen hohen Stellenwert bei. Mit diesem Ansatz sprechen wir Investoren an, die attraktive Renditen unter der Berücksichtigung von nachhaltigen Kriterien suchen. Dabei stellen wir erfreulicherweise fest, dass institutionelle Kunden zunehmendes Interesse an nachhaltigen Anlagen zeigen. Generell lässt sich sagen, dass insbesondere Pensionskassen und Stiftungen das Thema Nachhaltigkeit nicht nur vermehrt berücksichtigen, sondern ihre bestehenden Anlagen auch ESG-konform verwaltet haben möchten – das heißt, dass Leistungen von Unternehmen im Bereich Umwelt und soziale Verträglichkeit sowie verantwortungsvolle Unternehmensführung – allgemein bekannt unter dem Kürzel ESG – eine Rolle spielen. Einige Pensionskassen in Frankreich und England akzeptieren zum Beispiel nur noch Vermögensverwalter, die die UNO-Grundsätze für verantwortungsbewusstes Anlegen – UN PRI – unterzeichnet haben. Generell dürfte sich das Wachstum im ESG-Bereich somit weiter fortsetzen.

GoingPublic: Es gibt zum Thema ja die üblichen Verdächtigen: Umweltbelastende Rohstoff-Unternehmen, atomgläubige Versorger, Zulieferer im Verdacht der Kinderarbeit etc. – wie nähern Sie sich diesen Branchen?
Merz:
Wir betrachten und analysieren jedes Unternehmen einzeln. Dabei bewerten wir, wie das Unternehmen mit ESG-Risiken und -Chancen, die für den Sektor am wichtigsten sind, umgeht. Als automatisches Ausschlusskriterium gilt für uns die Produktion von Waffen oder Tabakwaren. In den übrigen Fällen beurteilen wir die Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens anhand unserer ESG-Mindeststandards. Unternehmen müssen bei der Einhaltung der wichtigsten ESG-Faktoren eine überdurchschnittliche Leistung vorweisen. Auf diese Weise können sie eine verhältnismäßig geringe Nachhaltigkeitsleistung durch hervorragende Leistungen im Bereich soziale Verträglichkeit sowie verantwortungsvolle Unternehmensführung ausgleichen. Sollten unsere Analysten allerdings der Ansicht sein, dass die Nachhaltigkeitsperformance eines Unternehmens in einem dieser Punkte ungenügend ist und unsere Mindeststandards nicht erfüllt, kann dies zum Ausschluss eines Unternehmens führen.

GoingPublic: Wie prüfen Sie nach, dass Corporate-Governance-Regeln im Unternehmen eingehalten und gelebt werden? Merz: Im Rahmen unseres Research-Prozesses untersuchen wir, ob Unternehmen die Prinzipien verantwortungsvoller Unternehmensführung einhalten. Noch wichtiger sind jedoch unsere Gespräche mit dem Management. Dadurch gewinnen wir einen umfassenderen Einblick in die Geschäftstätigkeiten des jeweiligen Unternehmens und sind in der Lage, die Kompetenzen und Glaubwürdigkeit des Managements noch besser einzuschätzen. Zusätzlich greifen wir auf die Beurteilung durch externe Spezialisten im Bereich Corporate Governance zurück. Sie begutachten ausführlich die Richtlinien und Praktiken von Unternehmen und stellen sektor- sowie marktübergreifende Performancevergleiche an.

GoingPublic: Wie oft werden Sie von den Unternehmen durch sichtbare Verstöße enttäuscht – und wie reagieren Sie als Investor dann?
Merz:
Unseren Investitionen in Unternehmen geht immer eine gründliche Fundamentalanalyse voraus. Außerdem müssen wir fest davon überzeugt sein, dass jedes Unternehmen, in das wir investieren, hohe Cashflows erwirtschaften kann, eine führende Stellung innerhalb seiner Branche innehat und zudem ein gutes ESG-Management aufweist. Deshalb werden wir auch nur selten von Unternehmen „enttäuscht“. Wir überprüfen fortlaufend sämtliche Unternehmen in unseren Portfolios. Stellen wir dabei fest, dass die Standards in einem Unternehmen sinken, nehmen wir Kontakt mit der Firmenleitung auf, entweder direkt oder über unseren Partner Hermes, der uns bei bei Abstimmungsentscheiden und Engagementaktivitäten berät. Genügt ein Unternehmen dem von uns geforderten Mindeststandard nicht mehr, verkaufen wir diesen Titel.

GoingPublic: Zahlreiche Vermögensverwalter lehnen es grundsätzlich ab, in subventionierte Branchen wie erneuerbare Energien zu investieren. Wie gehen Sie mit dem politischen Risiko um?
Merz:
Unser Hauptaugenmerk richtet sich nicht auf erneuerbare Energien. Wir arbeiten jedoch mit den Spezialisten unseres Global-Thematic-Teams zusammen, die Investitionen in diese Branchen tätigen. Interessanterweise werden erneuerbare Energien häufig in Verbindung mit politischen und regulatorischen Risiken einer subventionierten Branche gebracht. Daten der Internationalen Energieagentur belegen jedoch, dass die weltweiten Subventionen für fossile Energieträger sechsmal höher ausfallen als diejenigen für erneuerbare Energieformen.

GoingPublic: Wie gehen Sie bei Small und Mid Caps vor – oder in Ländern, in denen z.B. ein Menschenrechts- oder Demokratieverständnis herrscht, das nicht hiesigen Ansprüchen genügt?
Merz:
Wir investieren ausschließlich in Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 3 Mrd. CHF. Unternehmen dieser Größe verfügen gewöhnlich über verhältnismäßig gut etablierte Governance-Strukturen. Das Thema Corporate Governance stellt jedoch vor allem in einigen Schwellenländern ein Problem dar, insbesondere in Märkten mit wenigen regulatorischen Standards oder starker staatlicher Einflussnahme, wie beispielsweise Russland. In diesen Fällen greifen wir auf unser hausinternes Research und die Erkenntnisse externer spezialisierter Dienstleister zurück. Wir gehen nicht davon aus, dass es für alle Unternehmen eine einheitliche idealtypische Struktur gibt, versuchen jedoch zu verstehen, wie kulturelle Normen in verschiedenen Ländern zu solch unterschiedlichen Ausprägungen führen können. Von Unternehmen in unserem Anlageuniversum erwarten wir, dass sie Mindeststandards in Sachen Menschenrechte einhalten und dass sie Aktionäre gerecht behandeln, unabhängig davon, in welchem Land ein Unternehmen seinen Firmensitz hat.

GoingPublic: Zum Schluss die Gretchenfrage: Ist sozial verträgliches, umweltschonendes Investieren de facto bewusster Verzicht auf einen Teil möglicher Rendite? Merz: ESG-Themen können sich unseres Erachtens grundlegend auf die Performance und den Cashflow eines Unternehmens auswirken. Ihre Berücksichtigung müsste daher das Renditepotenzial eines Unternehmens steigern und nicht schmälern. Kurzfristige Strategien, wie zum Beispiel die Nichtbeachtung von Gesundheits- und Sicherheitsstandards, erhöhen auf lange Sicht das Risiko nachteiliger Auswirkungen. Ein Beispiel ist die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im Jahre 2010. BP wurde diesbezüglich wegen fehlender Sicherheitssysteme für seine Offshore-Tätigkeiten kritisiert. Ein weiteres Beispiel ist das Reaktorunglück in Fukushima. Tokyo Electric Power Company hatte bekanntermaßen bereits in der Vergangenheit Sicherheitsaufzeichnungen gefälscht und Risikobewertungen von Naturkatastrophen ignoriert. Es gibt viele wissenschaftliche Beweise dafür, dass verantwortungsvolle Anlagestrategien der Investmentrendite zugutekommen.

GoingPublic: Herr Merz, vielen Dank für das interessante Interview.

Dieses Interview ist erschienen im GoingPublic Magazin 12/2012.