Interview mit Dr. Bernd Wegener, DBI Deutsche Biotech Innovativ AG, zum aktuellen Aktienangebot, dem ersten Biotech-Börsengang seit gefühlt einem Jahrzehnt und die Perspektiven für Biotech in Deutschland

Bitte beachten Sie zum Thema http://www.dbi-ag.de/aktuelles/pressemitteilungen/Pressemitteilung-09-10-2015.php

GoingPublic: Herr Dr. Wegener, Biotech und Deutschland – passt das?
Wegener: Ja, aus meiner Sicht schon. Auch wenn am Standort Deutschland weniger Risikokapital vorhanden ist, hat sich hier eine hochinnovative Branche etabliert. Neueste Studien zeigen, dass die deutsche Biotech-Branche stetig wächst und das Interesse der Großindustrie an Biotech-Produkten ungebrochen ist. Noch nie wurde in Deutschland so viel Geld mit Biotechnologie verdient und noch nie waren so viele Menschen in der Biotech-Branche beschäftigt. Aber es ist wichtig zu erkennen, dass die Biotechnologie eine globale Branche ist. Das zeigt sich auch an unserem Netzwerk: Wir arbeiten mit international führenden Medizinern und Wissenschaftlern zusammen, um Wirkstoffe für Indikationen wie Sepsis zu entwickeln, für die es bisher keine wirksamen Medikamente gibt.

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GoingPublic: Helfen Sie uns noch ein wenig mit der Konstruktion bitte: Ist es korrekt, hier von IPO, also erstem öffentlichen Angebot zu sprechen?
Wegener: Die geplante Kapitalerhöhung ist für uns ‚der erste echte Börsengang‘. Bisher gab es kein öffentliches Angebot der Aktien. In der Vergangenheit wurde die DBI fast ausschließlich vom DBI-Management als Großaktionäre finanziert. Durch das Angebot an neue Investoren soll nun der Streubesitz der DBI-Aktien von 1,45 auf bis zu knapp 40% steigen. So finanzieren wir nicht nur die weitere Produktentwicklung, sondern schaffen auch die Basis für einen stabilen Börsenhandel.

GoingPublic: Sie selbst sind ja auch Großaktionär der Gesellschaft – wo liegen Ihre eigenen Interessen bei dem Gesamtvorhaben?
Wegener: Das ist richtig. Zurzeit halte ich knapp 33% an der DBI AG. Nach dem IPO, an dem ich mich beteiligen werde, halte ich immer noch rund 20% der Anteile der DBI. Gemeinsam mit den anderen beiden Großaktionären sind das insgesamt noch ca. 60%. Natürlich sehe ich meine Beteiligung an der DBI als ein vielversprechendes Investment. Vielmehr reizt mich aber die Forschung an hochinteressanten und zukunftsweisenden Wirkstoffen gegen Krankheiten, für die es bisher kein Medikament gibt und somit einen entscheidenden Beitrag zu leisten, um Menschenleben zu retten. An einer Sepsis sterben jährlich 8 Mio. Menschen. Diese Zahl zu senken ist ein sehr großer Ansporn. Und wir sind mit unserem Wirkstoff Adrecizumab auf einem guten Weg.

GoingPublic: ‚Virtual Biotech‘ klingt für Außenstehende etwas kompliziert. Könnten Sie das für Nicht-Insider ins Verständliche herunterbrechen?
Wegener: Der Begriff bezeichnet forschende Biotechnologie-Unternehmen, die Wirkstoffkandidaten identifizieren und die Produktentwicklung mit einem internationalen Netzwerk vorantreiben. So entsteht ein Unternehmen, das sowohl über eine diversifizierte Produktpipeline als auch über sehr schlanke und kostensparende Strukturen verfügt. Dieses Modell ist weltweit ein großer Trend. Wir greifen auf ein sehr starkes Netzwerk aus weltweit führenden Wissenschaftlern, Institutionen und Unternehmen aus den Bereichen, Medizin, Pharmazie, Forschung und Wissenschaft zurück und haben einen hervorragenden Zugang zu internationalen Patientendaten, zum Beispiel aus Blutdatenbanken.

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GoingPublic: Bei Biotech-Unternehmungen, speziell Wirkstoffforschern, ist bekannt, regelmäßig den Kapitalmarkt zu adressieren. Könnten Sie uns Ihre Finanzierungsstrategie der nächsten, sagen wir, 5 Jahre ein wenig erläutern?
Wegener: Mit dem Emissionserlös aus der Kapitalerhöhung planen wir die klinische und präklinische Entwicklung unserer aktuell drei Medikamentenkandidaten und einem Diagnostikum voranzutreiben. Bei voller Platzierung würden die Mittel nach unserer Planung zur Finanzierung aller Medikamentenkandidaten bis ins Jahr 2018 und bis zum ersten Deal mit einem Pharmaunternehmen reichen. Bei einer nicht vollständigen Platzierung der neuen Aktien konzentrieren wir uns primär auf unser am weitesten vorangeschrittenes Projekt, das Thema ‚Sepsis‘ in der AdrenoMed AG, und bringen dieses zur Verkaufsreife. Das Geschäftsmodell von DBI sieht einen Verkauf oder eine Auslizenzierung der Wirkstoffe noch während der klinischen Entwicklung vor, klassischerweise während oder nach einer Phase-II-Studie. Vorgesehen ist, künftige neue Projekte durch die Mittel aus dem Verkauf der bereits fortgeschrittenen Wirkstoffe an Big Pharma zu finanzieren.

GoingPublic: Eine Frage jedoch, die sich viele stellen: Dem Sepsis-Thema haben sich schon einige Forscher vor Ihnen bzw. DBI gewidmet – ohne durchschlagenden Erfolg. Was können Sie anders adressieren?
Wegener: Das ist zweifellos richtig und genau deshalb lohnt es sich, sich weiterhin dieses Themas anzunehmen! Die DBI verfolgt jedoch einen anderen, innovativen Entwicklungsansatz. Zunächst werden krankheitsrelevante Zielmoleküle im menschlichen Blut identifiziert, deren Auftreten charakteristisch für eine bestimmte Erkrankung ist. Wir schlagen eine Brücke von der Diagnostik einer Erkrankung zu ihrer Therapie und erhöhen somit substanziell die Wahrscheinlichkeit, dass der Wirkstoff sich am Ende auch als wirksam im Patienten herausstellt.

GoingPublic: Herr Dr. Wegener, dabei viel Erfolg und besten Dank für die interessanten Einblicke.

Das Interview führte Falko Bozicevic.

Zum Interviewpartner:
Dr. Bernd Wegener wie auch sein DBI-Vorstandskollege Dr. Andreas Bergmann gehörten zum Gründungs- bzw. Managementteam der B.R.A.H.M.S. AG, einem sehr erfolgreichen Biotechnologie-Unternehmen, das auf die Entwicklung von Blut-Biomarkern spezialisiert ist und 2009 für rund 330 Mio. EUR verkauft wurde. Wegener ist Mitglied des Vorstands des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie.

 

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