Bildnachweis: Depositphotos.

Als Elon Musk 2002 SpaceX gründete, war das ein Sakrileg: Raumfahrt galt seit jeher als Staatssache, das Reservat von NASA, Roskosmos und ESA. Die ersten drei Starts der kleinen Falcon-1-Rakete scheiterten zwischen 2006 und 2008, Musk hatte sein PayPal-Vermögen fast aufgebraucht. Erst der vierte Versuch im September 2008 rettete die Firma. Von Prof. Dr. Wolfgang Blättchen und Uwe Nespethal

Diese Kolumne ist auch in GoingPublic 3/26 erschienen!


Was folgte, ist eine der eindrücklichsten industriepolitischen Fall­studien der vergangenen zwei Jahrzehnte: das Andocken an die ISS 2012, die Landung einer wiederverwendbaren ­Stufe 2015, bemannte Flüge 2020 und das Starlink-Netz seit 2019. Vorbörslich sammelte SpaceX in etwa 30 Runden rund 12 Mrd. USD privates Kapital ein, von Google über ­Fidelity bis Founders Fund. Im Juni 2026 folgte der größte Börsengang der Geschichte: 75 Mrd. USD bei einer Bewertung von 1,77 Billionen USD. Seit Gründung hat SpaceX rund 660 Raketen gestartet und über 15.000 Satelliten ins All gebracht und mit „Starlink“ eines der größten Satellitenkommunikationsnetzwerke geschaffen! Als Russland am Invasionstag 2022 das Satellitensystem Viasat per Cyberangriff lahmlegte, sprang Starlink binnen Stunden ein und das ohne nennenswerte Staatshilfe, weil ein privates Unternehmen schnell reagieren konnte und wollte. Die ukrainische Armee nutzt inzwischen mehr als 40.000 Terminals. Viele ­Beobachter halten das System für mitentscheidend dafür, dass Kiew noch kämpft.

Vom Weltraum zur Fusionsenergie

Die Fusionsenergie steht vor vergleichbaren Herausforderungen. Während ihre Entwicklung lange Zeit als staatliche Aufgabe verstanden wurde, haben sich inzwischen zwei unterschiedliche Ansätze herausgebildet. Die amerikanische Sicht vertraut weitgehend auf die Selektionskraft der Kapitalmärkte: Venture Capital, Private Equity und später die Börse sollen darüber entscheiden, welche Fusionstechnologien und Unternehmen sich durchsetzen. Laut Fusion Industry Association flossen in den vergangenen fünf Jahren rund 13 Mrd. USD privates Kapital in die Branche, davon allein 4,5 Mrd. USD in den letzten zwölf Monaten. Von weltweit etwa 60 Fusionsunternehmen haben 28 ihren Sitz in den USA. Wie stark die amerikanische Fusionsbranche auf den Kapitalmarkt setzt, zeigt das jüngste Beispiel General Fusion: Der kanadische Fusionsreaktorhersteller wagte im Juli 2026 den Schritt an die Nasdaq über die Verschmelzung mit dem SPAC „Spring Valley Acquisition Corp. III“. Aus dem Treuhandkonto des SPACs und einer begleitenden PIPE-Finanzierung flossen dem Unter­nehmen rund 335 Mio. USD zu. Die Transaktion bewertete General Fusion dabei mit rund
1 Mrd. USD. Der private Kapitalmarkt spielt hier eine entscheidende Rolle.

In Europa und insbesondere in Deutschland dominiert dagegen die Überzeugung, nicht privates Kapital, sondern der Staat müsse lenken und auswählen. Trumpf-Vorstand Hagen Zimer beklagte jüngst in der FAZ, die Regierung habe sich klar zur Magnetfusion und zum Stellarator-Konzept ­bekannt, während der alternative Laser-­Ansatz seines Unternehmens ohne vergleichbare Zusage bleibe. Proxima Fusion, das prominenteste europäische Start-up aus München, braucht sich über die Finanzierung keine großen Gedanken machen. Das Unternehmen setzt auf die Magnetfusion und hat jüngst 411 Mio. EUR von RWE, Google sowie weiteren privaten und öffentlichen ­Investoren eingeworben. Dazu steuert der Freistaat Bayern weitere 400 Mio. EUR Steuergeld bei, zusätzlich zu den mehr als 2 Mrd. EUR, die der Bund bis 2029 vor allem in ­magnetbasierte Fusionsforschung investiert. Das zeigt: Privates Risikokapital bleibt auch hierzulande unverzichtbar. Gleichzeitig aber scheint das Vertrauen in die Marktkräfte allein begrenzt zu sein. Daher werden private Investitionen durch industriepolitische Vorgaben, staatliche Förderinstrumente und einer komplexen Corporate Governance flankiert.

Fazit

Natürlich braucht die Kernfusion öffent­liche Unterstützung in der Grundlagenforschung, bei Genehmigungsverfahren, in der Netzinfrastruktur und bei den Sicherheitsstandards. Aber der Staat sollte ­Spielfeld und Regeln setzen, nicht den Champion küren. Warum nicht die unterschiedlichen Ansätze in den Wettbewerb treten lassen, anstatt Subventionen über die Gießkanne. Wer heute politisch entscheidet, ob Laser, Stellarator oder ein anderer Ansatz gewinnt, verwechselt Technologieoffenheit mit industriepolitischem Wunschdenken. Wer Fusion wirklich will, sollte nicht zuerst fragen, welche Technologie der Staat auswählt, sondern wie Europa genügend privates Kapital mobilisiert, um mehrere riskante Wetten gleichzeitig zu ­finanzieren.

Autor/Autorin

Prof. Dr. Wolfgang Blättchen
Geschäftsführender Gesellschafter at  | Website

Prof. Dr. Wolfgang Blättchen ist geschäftsführender Gesellschafter der BLÄTTCHEN FINANCIAL ADVISORY GmbH und seit drei Jahrzehnten als unabhängiger Berater für Kapitalmarktstrategien aktiv. In dieser Zeit konnte er über 100 Pre-IPOs, IPOs und Follow-on-Mandate begleiten. Er ist aktives Mitglied in Aufsichts- und Beiräten sowie Ansprechpartner der Börsen.

Uwe Nespethal
Geschäftsführender Gesellschafter at  | Website

Uwe Nespethal ist ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter der BLÄTTCHEN FINANCIAL ADVISORY GmbH und seit über 20 Jahren als unabhängiger Berater in Kapitalmarktstrategien sowie in der Auflegung von kapitalmarktorientierten Incentivierungsprogrammen für Führungskräfte und Mitarbeiter tätig.