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Im internationalen Wertpapier-, insbesondere jedoch im Emissionsgeschäft begegnen wir dem Begriff Red Herring. Schlägt man in einer Enzyklopädie nach, so erhält man eine Reihe praktischer Verwendungen des Begriffs. Das Oxford English ­Dictionary definiert beispielsweise: „From the custom of using the smell of a smoked, dried herring (which was red) to train dogs to hunt.“ In der erweiterten Fassung heißt es: „A red herring is a clue, statement, or line of reasoning that misleads, distracts, or shifts attention away from a relevant or important issue.“ Von Rüdiger Holzammer


Tatsächlich findet der Begriff Red Herring seine ursprüngliche Bedeutung in der Goldgräberzeit. Während des Goldrausches um 1850 benutzten Minenbesitzer einen übel riechenden Hering auf dem Pfad, um zurück an ihre Goldminen zu gelangen. Dies mit der Absicht, den spurenlesenden Verfolgern mit ihren Schweißhunden auf die falsche Fährte und in die Irre zu führen.

Vom Goldrausch an die Wall Street

Später, als sich der Kapitalmarkt in den USA entwickelte und die Aufsicht (SEC) ab 1933 für öffentliche Wertpapierangebote eine Registrierung mit Prospekten forderte, wählten Syndikatsmanager den Begriff „Red Herring“ zur Unterscheidung der beiden Versionen. Red Herring als die Version, welche zwar von der Aufsicht gebilligt, jedoch noch nicht vollständig ist. Dies gegenüber der Schlussversion des Emissionsprospekts.

So wurde der Red Herring zum Terminus technicus, welcher an der Wall Street für einen gebilligten, doch unvollständigen Wertpapierprospekt verwendet wird. Als unvollständiger Verkaufsprospekt (Red Herring), fehlen dem im Angebotsprozess verwendeten, haftenden Dokument, drei wesentliche Bestandteile:
• Emissionspreis
• Platzierte Menge der angebotenen
Wertpapiere
• Emissionserlös =
(Menge x Preis)./.Kosten

Optisch unterscheidet sich der Red Herring durch eine rote Perkussion am linken Falz des Prospekts mit der Aufschrift, dass der vorliegende Prospekt unvollständig ist.

„Subject to completion“. „The information in this prospectus is not complete and may be changed…”

Der RedHerring wurde schließlich zur Standard-Terminologie im Emissionsprozess. Jede Anfrage im Syndikat hinsichtlich einer Rolle im Konsortium endet mit der Aufforderung: „Just send me the „Red Herring!…“

Trotz der Unvollständigkeit ist der Verkaufsprospekt von SEC bzw. der unvollständige Wertpapierverkaufsprospekt von der BaFin, bzw. von der Aufsicht gebilligt, bevor das haftende Dokument im Angebotsprozess verwendet werden darf.

Der Red Herring im digitalen Zeitalter

Im digitalen Zeitalter wurde es ab 2010 verpflichtend, Wertpapierregistrierungen in den USA über die SEC-Plattform EDGAR zu veröffentlichen. Mit dieser Verpflichtung entstand die Registrierungsbezeichnung „S-1-Filing“.

Geblieben sind jedoch auf Seite 1 des Registrierungsdokuments die Merkmale des Red Herring mit roter Perkussion am linken Falz.

Eine weitere nennenswerte Verwendung des Begriffs machte sich das in San Francisco ansässige Technologiemagazin „Red Herring“ zu Nutze. Die Publikation gewann von 1993 bis 2007 eine breite Leserschaft und wurde insbesondere für die Auswahl „The Red Herring Top 100“ bekannt – eine globale Selektion erfolgversprechender Start-up-Unternehmen bzw. Unicorns.

Unter den international ausgewählten Start-ups befanden sich zahlreiche Unternehmen mit herausragenden Börsengängen wie Google, Amazon et al. Den Höhepunkt seiner Verbreitung erreichte das Magazin während des Dotcom-Booms. Das Magazin wurde 2003 von Time, Inc. übernommen; 2007 wurde die Publikation eingestellt – ein Anzeichen fehlenden Unternehmertums.

Fazit

Für Händler und Banker an den Primärmärkten angelsächsischer Kapitalmärkte ist der Red Herring ein alltäglich verwendeter Begriff. An den europäischen Kapitalmärkten wurden mit der EU-Prospektverordnung die unvollständigen Merkmale des Verkaufsprospekts beseitigt. Der Herausgeber des Prospekts (Lead Manager der Emission) hat gemäß WpPG eine Preisspanne für den Angebots- bzw. Vermarktungsprozess festzulegen. Mit diesen Angaben lassen sich die maximalen und minimalen Erlöse aus der Emission ermitteln. Am US-Markt bleiben diese Angaben weiterhin offen.

Autor/Autorin

Rüdiger Holzammer
Mitgründer und phG at RedHerring oHG

Rüdiger Holzammer ist Mitgründer und phG der RedHerring oHG in Frankfurt/M., die er seit 1999 führt. Die Schwerpunkte des Unternehmens liegen in der Beschaffung von Eigen- und Fremdkapital, die RedHerring i.d.R. arrangiert und die Placierung begleitet. Als alpha-Picker sind Debt & Equity Research pivotale Erfolgsfaktoren.