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Sowohl der DAX in Frankfurt als auch der Wiener ATX sind zuletzt gut gelaufen. Wie geht es weiter – und kommt der IPO-Motor 2026 endlich auf Touren?


GoingPublic: Herr Prumetz, Herr Mayer, wie optimistisch sind Sie für ATX und DAX in den kommenden Monaten?

Prumetz: Wir leben in einer Zeit, in der die traditionellen Mechanismen der internationalen Zusammenarbeit hinterfragt und zum Teil neu gedacht werden. Obwohl Marktteilnehmer mittlerweile deutlich resilienter auf die sich daraus ergebenden geopolitischen und handelspolitischen Unsicherheiten reagieren, sind Marktkorrekturen immer wieder möglich und angesichts doch attraktiver Bewertungen in der Region letztlich auch gesund. Je länger allerdings die Energieinfrastruktur sowie Handelswege gestört werden, desto wahrscheinlicher belastet es die Handelsplätze unserer Region. Der ATX ist hier keine Ausnahme.

Mayer: Unter der Voraussetzung, dass der Irankrieg nicht zu lange dauert, sind wir optimistisch für die westeuropäischen Märkte, da wir eine leichte Verbesserung der Fertigungsaktivität und des BIP erwarten. Gleichzeitig sollte das vergangene Jahr den Höhepunkt der Unsicherheit mit vielen politischen und geopolitischen Umwälzungen markiert haben, was durchaus Upside für den DAX bedeuten könnte.

Welche entscheidenden Treiber identifizieren Sie? Gibt es vermehrt globale Zuflüsse an europäische Börsen, können DAX und ATX profitieren?

Prumetz: Kapitalmärkte hängen letztlich stark vom Vertrauen ab – und hier lassen sich, trotz gegenteiliger Stimmungsmache, auch positive Anzeichen ausmachen. Wenn sich der Staub, der durch geopolitische Ereignisse aufgewirbelt wird, wieder legt, können dadurch auch neue Chancen entstehen. Dies erklärt auch, warum Abflüsse aus US-Eigenkapitaltiteln sich derzeit stärker in Cashpositionen wiederfinden. Kommt das Vertrauen wieder zurück, könnten europäische Titel hier stärker profitieren, da in den USA die Euphorieprämie nach wie vor am höchsten ist.

Mayer: Auf der Verbraucherseite sieht die Basis für ansteigenden Konsum in der Eurozone solide aus. Die Reallöhne haben sich vollständig von dem Inflationsanstieg erholt, die Sparquote liegt mit 15,1 % immer noch nahe am Vierjahreshoch und die Arbeitslosenquote ist mit 6,2 % auf ihr Rekordtief zurückgefallen. Zusätzlich sehen wir immer noch Geldzuflüsse und nach langen Jahren des Investorenfokus auf US-Large-Caps – insbesondere aus dem Techsektor – auch wieder ein vermehrtes Investoreninteresse für Valuewerte sowie Small- und Mid Caps aus Westeuropa.

Könnten wir eine Belebung bei den IPOs sehen? Aus welchen Emittentengruppen, in welchen Branchen?

Prumetz: Das Interesse von Unternehmen am Eigenkapitalmarkt ist wieder gestiegen und wir sehen durchaus eine Reihe von spannenden Diskussionen, in denen IPOs als mögliche Finanzierungsform besprochen werden. Neben Verteidigung stehen Sektoren, die regelmäßig Wachstumskapital benötigen, wie etwa Immobilien und Energie, im Vordergrund. Regional werden diesbezüglich aber am ehesten die größeren Börsen profitieren. Darüber hinaus liebäugeln viele Unternehmen auch mit den großen Märkten in Europa, wo Amsterdam für Titel aus dem CEE-Raum am meisten profitiert. In unserer Region sehen wir Polen und Rumänien als Märkte mit dem größten Potenzial.

Mayer: Wir sehen, dass die Pipeline an High-Quality Assets, die sich für ein IPO 2026 warm laufen, gut gefüllt ist. Ein auffälliger Trend, der 2025 begonnen hat und sich 2026 fortzusetzen scheint, war die vermehrte Beteiligung von Familien als Emittentengruppe. Beispiele hierzu sind Ottobock, PFISTERER oder Gabler. Gleichzeitig sehen wir aber auch weiterhin Spin-offs und klassische Private-Equity-Transaktionen vermehrt unter den Emittenten. Die meisten Transaktionen sollten aus dem Verteidigungs-, Industrie-, Logistik- und Technologiesektor kommen.

Wie sieht es grundsätzlich mit der Kapitalmarktaffinität aus? Die Wiener Börse hat sich zu einem erfolgreichen Anleihehub entwickelt. Gibt es weitere Entwicklungen, die Hoffnung auslösen?

Prumetz: „Anleihehub“ ist ein sehr starker Begriff. Sicherlich – Wien konnte von einer Reihe technischer Listings sowie von Anleihen, die am Retailmarkt platziert wurden, profitieren. Für die Benchmarkanleihen sehen wir aber dennoch die klassischen Märkte, wie Luxemburg oder Dublin, am relevantesten. Die Kapitalmarktaffinität ist in unserer Region nach wie vor in Polen am größten, aber auch Tschechien und Rumänien sollten hier nicht unterschätzt werden. Beide Märkte profitieren von einem sehr tiefen Markt, der nicht nur von institutionellen, sondern auch von Retailinvestoren gespeist wird. Gerade Rumänien hat dies mit zwei sehr erfolgreichen IPOs in den letzten sechs Monaten bewiesen. In Österreich ist die Affinität dem Eigenkapitalmarkt gegenüber noch ausbaufähig. Aber wir sehen in unternehmerischen Kreisen steigendes Interesse für Eigenkapitalmärkte.

Die Erste Group und Baader arbeiten gemeinsam daran, den Kapitalmarkt hierzulande voranzubringen. Mit welchen Angeboten schaffen Sie Mehrwert?

Prumetz: Durch unsere Kooperation können wir einen deutlich größeren Pool an Investoren auf interessante „Equity Stories“ aufmerksam machen. Dies eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten im Nachmarkt, sondern schafft bereits im Zuge einer Kapitalmarkttransaktion eine noch breitere Palette an Investoren. Hier könnten gerade auch Unternehmen aus Deutschland von den tiefen Investorenpools in der CEE-Region profitieren.

Mayer: Die Erste Group und die Baader Bank verfügen über ein komplementäres Research Offering, das wirklich Pan-EU ist und ca. 750 Titel zusammen abdeckt. Daneben organisieren wir gemeinsam Corporate Access Events, wie unsere Flagship-Konferenzen: die CEElection in London und Warschau oder die Baader Investment Conference in München. Hinzu kommt eine Vielzahl von Roadshows in Nordamerika, UK und Kontinentaleuropa. Auch im Equity-Capital-Markets-Geschäft oder beim Trading arbeiten wir je nach Kundenwunsch zusammen und können somit Mehrwert bieten.

ESG-Kriterien stehen vielerorts unter Druck. Wie bewerten Sie die Situation in Österreich und Deutschland, wie nutzen Sie ESG-Filter und welche Wahrnehmungen gibt es in diesem Zusammenhang mit Titeln aus dem Bereich Defence?

Prumetz: ESG ist meiner Ansicht nach weiterhin von zentraler Bedeutung für Unternehmen am Kapitalmarkt. Allerdings hat sich der Fokus verschoben: Es geht nicht mehr um das Schlagwort, sondern um die Erkenntnis, wonach gesunde Finanzzahlen ebenso wichtig sind wie energieeffizientes bzw. ressourcenschonendes Wirtschaften. Governance hat darüber hinaus in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Für immer mehr Investoren ist eine verlässliche Governance ein zentraler Bestandteil, der mitunter nicht mehr durch Bewertungsabschläge abgefedert wird, sondern eine Investition auch verunmöglichen kann. Die ESG-Debatte ist im Übrigen deutlich differenzierter geworden. So war es noch vor wenigen Jahren für eine Reihe von Investoren unmöglich, in Defence-Titel zu investieren. Mittlerweile ist jedoch die Akzeptanz dafür deutlich gestiegen, dass dieser Sektor für die Absicherung unserer Lebensweise eine wichtige Rolle spielt.

Mayer: Nachdem der ESG-Hype der letzten Jahre nachgelassen hat, nutzen Investoren die ESG-Ratings insbesondere als Risikokontrolle. Hier liegt der Fokus besonders auf dem Governance-Teil. Gerade der veränderte Umgang mit Rüstungsfirmen im Social-Part oder die sich ändernden Definitionen und größtenteils nicht auditierten Nachhaltigkeitsdaten erklären unseres Erachtens, warum das „E“ und „S“ von ESG etwas an Bedeutung verloren haben.

Sehr geehrte Herren, vielen Dank für diese interessanten Einblicke.

Das Interview führte Stefan Preuß.


ZU DEN INTERVIEWPARTNERN

Jürgen Prumetz, Leiter Corporat Capital Markets, Erste Group Bank AG || Foto: Erste Group Bank AG
Jürgen Prumetz leitet seit 2023 den Bereich Corporate Capital Markets in der Erste Group Bank AG und kann auf mehr als 20 Jahre Kapitalmarkt, M&A und Finanzierungserfahrung zurückblicken. Zwischenzeitig war Jürgen auch in der ÖBAG, der Österreichischen Beteiligungsgesellschaft tätig, wo er unter anderem für die Energiebeteiligungen der Republik Österreich, sowie Sonderprojekte zuständig war.
Markus Mayer, Managing Director Capital Markets, Baader Bank || Foto: Baader Bank
Markus Mayer arbeitet seit fast 12 Jahren bei der Baader Bank und verantwortet seit 2023 die Capital Markets Bereiche der Bank. Vor der Baader Bank war er bei Kepler Chevreux, Unicredit und Allianz im Equity Research, Corporate Finance und M&A beschäftigt und hat über 20 Jahre Kapitalmarkterfahrung.

 

Autor/Autorin

Stefan Preuß
Redaktionsleiter GoingPublic at  | Website

Stefan Preuß ist Wirtschafts- und Finanzjournalist mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Kapitalmarktumfeld. Der gelernte Tageszeitungsredakteur war zudem als Investor-Relations-Manager tätig. Er gehört zum Team der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Er schreibt regelmäßig zu den Schwerpunktthemen IPOs, Vermögensanlage und Nachfolgelösungen.