Bildnachweis: Wiener Börse / Alexander Felten.
Die Strategie der Börse Wien geht auch im laufenden Jahr auf – neue Listings, hohe Handelsaktivität, eine starke Performance der Indizes und der Ausbau der Marktstellung im Fixed-Income-Bereich kennzeichnen die Entwicklung. Im dritten Quartal gab es eine neue Höchstmarke beim Handelsumsatz. Von Stefan Preuß
Dieser Beitrag ist auch im Special Österreich erschienen!
Die Wiener Börse verzeichnete per Ende September 2026 Aktienumsätze in Höhe von 78,40 Mrd. EUR (+48,1 % gegenüber dem Vergleichszeitraum 2025). Das entspricht dem höchsten Niveau seit 2008. Der österreichische Leitindex befindet sich weiterhin auf Rekordkurs. Der ATX inklusive Dividenden (Total Return) setzte seine starke Entwicklung auch im dritten Quartal fort. Per 30. September lag der Index seit Jahresbeginn mit 32,60 % im Plus und erreichte am 28. September mit 17.618 Punkten seinen aktuellen historischen Höchststand (ATX ohne Dividenden: 28,72 %; 6.856,00 Punkte per 30. September). Die Marktkapitalisierung aller an der Wiener Börse notierten inländischen Aktien lag per 30. September bei 223,3 Mrd. EUR.
Neue Listings
Mit der BIOGENA Good Vibes AG kam im September ein neues Aktienlisting hinzu (siehe dazu Interview mit Gründer Dr. Albert Schmidbauer auf S. 18). Bereits im ersten Halbjahr gingen Emerald Horizon AG (siehe dazu auch Interview mit Gründer und CEO Florian Wagner auf S. 40), FIT GROUP AG sowie die K2G Holding AG an die Wiener Börse. Durch den Erwerb einer Mehrheitsbeteiligung von 80 % an der North Data GmbH vollzog die Wiener Börse AG einen Schritt zur weiteren Diversifizierung der Geschäftstätigkeit. Die Beteiligung an North Data, einer Suchmaschine für offizielle Unternehmensdaten aus 26 europäischen Ländern, erweitert das Datenangebot der Wiener Börse AG über börsliche Informationen hinaus.

„Die außergewöhnlich hohen Aktienumsätze und der ATX-Rekordstand unterstreichen die derzeitige positive Dynamik am österreichischen Aktienmarkt. Gleichzeitig bleibt das Handelsgeschäft naturgemäß von Marktphasen und Volatilität abhängig. Mit der Mehrheitsbeteiligung an North Data haben wir einen strategischen Schritt gesetzt, um unsere Ertragsbasis noch breiter aufzustellen“, sagt Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse AG.
Damit ist die Börse auf bestem Weg, das hervorragende Geschäftsergebnis für 2025 weiter zu verbessern: Denn sie hat das Geschäftsjahr 2025 mit Rekordzahlen abgeschlossen und ihren erfolgreichen Wachstumskurs als zentrale Kapitalmarktinfrastruktur der Region bestätigt. Das Ergebnis vor Steuern stieg 2025 auf 53,4 Mio. EUR (2024: 50,1 Mio. EUR), womit ein neues Konzernrekordjahr verbucht wurde. Die Konzernumsatzerlöse erhöhten sich auf 90,1 Mio. EUR (2024: 81,8 Mio. EUR). Durchgängig hohe Volatilität an den internationalen Märkten brachte auch den Aktienumsätzen der Börsengruppe weiteren Auftrieb: Sie beliefen sich auf 84 Mrd. EUR (2024: 74 Mrd. EUR). Auf den Handelsplatz Wien entfielen 67 Mrd. EUR, auf die Prager Börse 18 Mrd. EUR. Neben Handel und Listing steuerten Erlöse aus dem Verwahrgeschäft in Tschechien (Central Securities Depository Prague) sowie aus dem Datenverkauf wesentlich zur erfolgreichen Geschäftstätigkeit bei. Die Wiener Börse AG beschäftigte im Jahr 2025 durchschnittlich 169 Mitarbeiter (Vollzeitäquivalente).
Internationalisierung als erfolgreiche Strategie
Internationalisierung lautet weiterhin das große Thema für die Wiener Börse. Damit ist nicht nur die Rolle als Brücke in die CEE-Märkte gemeint. Nach der jüngsten Handelsaufnahme im internationalen Segment global market sind mittlerweile knapp 1.100 internationale Wertpapiere in Euro, zu Inlandskonditionen und während der Wiener Börsenzeiten handelbar. Zu den jüngsten Neuzugängen zählen unter anderem der Assetmanager Apollo Global Management, Garmin aus dem Bereich Freizeitelektronik, Kenvue mit bekannten Marken wie Neutrogena sowie der IT- und Rechenzentrumsspezialist NetApp. Auch bei börsengehandelten Indexfonds wurde das Angebot weiter ausgebaut. Aktuell sind 384 ETFs an der Wiener Börse handelbar – rund 15 % mehr als zu diesem Zeitpunkt im Vorjahr. „Die Nachfrage nach internationalen Veranlagungsmöglichkeiten steigt kontinuierlich. Mit dem Ausbau unseres global market ermöglichen wir österreichischen Anlegerinnen und Anlegern den Zugang zu einigen der weltweit innovativsten und wirtschaftlich bedeutendsten Unternehmen. Wer langfristig Vermögen aufbauen möchte, kann sein Portfolio dadurch noch gezielter über Länder, Branchen und Geschäftsmodelle hinweg aufstellen“, sagt Manuel Kurz, Deputy Head of Member Sales & Business Development der Wiener Börse.
Fixed Income wächst ebenfalls stark
Das Wachstum auch im Anleihesegment hält weiter an: Seit Jahresbeginn wurden 34.057 Primärlistings mit einem Emissionsvolumen von 237 Mrd. EUR verzeichnet. Das entspricht – gemessen an der Anzahl der Listings – einem Zuwachs von 57 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im dritten Quartal waren 243 Emittenten aus 35 Ländern aktiv. Die globale Reichweite der Wiener Börse unterstreichen unter anderem neue Emittenten wie die Dangote-Gruppe aus Nigeria, die indische IDFC FIRST Bank sowie mit der Al Rajhi Bank ein führendes Finanzinstitut in der Golfregion.
Vienna ESG Segment – Plattform für nachhaltige Investments
Bei der grünen Transformation der Wirtschaft kommt Börsen eine zentrale Rolle zu, indem sie den Kapitalfluss in Richtung nachhaltiger Aktivitäten unterstützen. Die Wiener Börse bietet Emittenten ein transparentes, eigens für nachhaltige Anleihen konzipiertes Segment, um Anlegern einen leichteren Zugang zu Finanzinstrumenten zu verschaffen, die die grüne Transformation der Kapitalmärkte fördern. Anleihen, die entweder im EU-regulierten (Amtlichen Handel) oder börsenregulierten (Vienna MTF) Markt der Wiener Börse gelistet sind, können bei Einhaltung der ESG-Zulassungs- bzw. -Einbeziehungskriterien in das Vienna ESG Segment aufgenommen werden.
Diese Kriterien orientieren sich dabei an den Green Bond Principles der ICMA. Um die Einhaltung der geplanten Verwendung der Erlöse sicherzustellen, wird eine externe Überprüfung unter Berücksichtigung internationaler Standards – u.a. der Green Bond Principles – durch unabhängige Institutionen erstellt (sog. Second Party Opinion/Zertifizierung/Rating). Anleger können daher darauf vertrauen, dass sie mit der Investition in einen ESG-konformen Bond ein verantwortungsbewusstes und ökologisch nachhaltiges Investment tätigen, bei dem die Sustainable Development Goals (SDGs) eine Rolle spielen.
Der Erfolg der Börse Wien ist das Ergebnis einer gezielten strategischen Nischenbesetzung, regulatorischer Agilität und einer starken internationalen Expansion. Das Fundament des Booms bildet der Vienna MTF, ein multilaterales Handelssystem (Multilateral Trading Facility). Als börsenregulierter Markt bietet dieses Segment Emittenten immense administrative Vorteile: Unternehmen müssen für eine Notierung keinen langwierigen, teuren Billigungsprozess eines Wertpapierprospekts durchlaufen – ein schlankes Informationsmemorandum direkt bei der Börse reicht aus. Die laufenden Transparenzanforderungen beschränken sich auf das europäische Mindestmaß (Marktmissbrauchsverordnung), wodurch administrative Kosten dauerhaft niedrig bleiben. Trotz dieser Vereinfachungen bietet die Wiener Börse als anerkannter EU-Handelsplatz die notwendige regulatorische Integrität, die institutionelle Investoren weltweit fordern.
Globaler Hub für Fremdkapital
Die Wiener Börse hat sich erfolgreich von einem regionalen Marktplatz zu einem globalen Hub für Fremdkapital gewandelt. Rund 90 % aller Debt Listings stammen mittlerweile von ausländischen Emittenten. Das Wachstum stützt sich auf die drei globalen Achsen China, Nahost und Afrika. Durch massiv gesteigerte Sichtbarkeit und maßgeschneiderte Services nutzen asiatische Großkonzerne (wie der Technologiegigant Lenovo) Wien als europäisches Tor für ihre Anleihen. Finanzstarke Akteure der Golfregion, darunter QatarEnergy, emittieren zunehmend über den österreichischen Handelsplatz. Durch gezielten Beziehungsaufbau erschließt Wien stetig neue Wachstumsmärkte auf dem afrikanischen Kontinent.
Finanzbildung bester Anlegerschutz
Bei alledem wird auch das heimische Umfeld nicht vergessen. So unterstützt die Börse Schulen mit neuen Lehrmaterialien für Finanzbildung unter dem Thema „Börse und Kapitalmarkt“ zur Verfügung. Es gewinnt an Bedeutung, denn ab dem Schuljahr 2027/28 ist eine stärkere Verankerung von Wirtschafts- und Finanzbildung im Bildungsplan vorgesehen. Als Partnerin der Nationalen Finanzbildungsstrategie unterstützt die Wiener Börse Pädagogen bereits heute dabei, Schüler frühzeitig auf fundierte finanzielle Entscheidungen vorzubereiten.
„Bildung ist der beste Anlegerschutz. Gerade bei einem langfristigen Thema wie der Altersvorsorge ist es entscheidend, früh die richtigen Grundlagen zu schaffen. Wer Anlageprodukte und Grundprinzipien wie langfristiges Investieren, Risikostreuung und den Zusammenhang zwischen Risiko und Rendite versteht, kann seine finanzielle Zukunft eigenständiger gestalten“, erklärt Boschan.
Die Wiener Börse engagiert sich bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten aktiv für die Verbesserung der finanziellen Allgemeinbildung. Als Teil der Nationalen Finanzbildungsstrategie des Bundesministeriums für Finanzen bietet sie unter anderem eine intensive Zusammenarbeit mit Pädagogischen Hochschulen an. Zudem unterhält die Wiener Börse gemeinsam mit dem WIFI Management Forum die Wiener Börse Akademie, die 2025 ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Passend zur steigenden Bedeutung des langfristigen Vermögensaufbaus setzt die Akademie im Seminar „Pensionsvorsorge mit Wertpapieren“ einen neuen Schwerpunkt. Teilnehmer erfahren, wie sie Wertpapierinvestments gezielt für den Aufbau einer zusätzlichen Altersvorsorge nutzen können. Mit der Kampagne „Beteilig dich“ möchte die Wiener Börse insbesondere junge Menschen niederschwellig an das Thema Vorsorge über den Kapitalmarkt heranführen.
Fazit
Die Wiener Börse hat die Zeichen der Zeit erkannt. Durch das Zusammenspiel aus dem unbürokratischen Vienna MTF, einer globalen Ausrichtung und dem Fokus auf zukunftsfähige ESG-Anleihen hat sie sich eine europäische Spitzenposition erarbeitet, die nachhaltiges Wachstum ermöglicht.
Autor/Autorin

Stefan Preuß
Stefan Preuß ist Wirtschafts- und Finanzjournalist mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Kapitalmarktumfeld. Der gelernte Tageszeitungsredakteur war zudem als Investor-Relations-Manager tätig. Er gehört zum Team der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Er schreibt regelmäßig zu den Schwerpunktthemen IPOs, Vermögensanlage und Nachfolgelösungen.








