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Die Investor-Relations-Landschaft verändert sich rasant: Junge Anleger informieren sich zunehmend über Social-Media-Kanäle, hinterfragen traditionelle Informationswege und erwarten schnelle, visuelle sowie dialogorientierte Inhalte. Für Unternehmen bedeutet das mehr als ein ergänzendes Kommunikationsinstrument – Social Media wird zum zentralen Hebel, um Reichweite, Glaubwürdigkeit und Vertrauen aufzubauen. Wer die Next-Gen erreicht, gestaltet nicht nur den Dialog mit Investoren, sondern prägt auch aktiv die Wahrnehmung am Kapitalmarkt. Von Eva-Maria Bernreuther und Melissa Birkmann
Junge Anleger verändern den Kapitalmarkt
Der Kapitalmarkt ist im Wandel. Eine neue Generation junger Anleger drängt auf das Börsenparkett und stellt traditionelle Kommunikationsmuster in Frage. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts stieg die Anzahl junger Anleger zwischen 14 und 39 Jahren 2024 um 150.000 auf rund 3,7 Millionen an. Damit hat sich die Altersgruppe innerhalb der vergangenen zehn Jahre verdoppelt und stellt mittlerweile knapp ein Drittel aller Privatanleger in Deutschland dar.
Diese Entwicklung ist nicht nur quantitativ bedeutsam, sondern beeinflusst auch die Kommunikationsanforderungen an börsennotierte Unternehmen. Junge Anleger informieren sich anders, erwarten schnelle, visuelle und dialogorientierte Inhalte – und sie wollen Finanzinformationen dort finden, wo sie ohnehin unterwegs sind: in den sozialen Medien.

Informationsverhalten im Wandel
Eine Umfrage der BaFin von Mai 2024 verdeutlicht das veränderte Informationsverhalten junger Anleger. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Anleger zwischen 18 und 45 Jahren verstärkt auf Social Media über Finanzthemen informieren. Plattformen wie Instagram, YouTube oder LinkedIn haben sich als zentrale Informationsquellen etabliert. Dort begegnen Nutzer Finanzthemen in Formaten, die kurz, verständlich und authentisch sind.
Für die Investor Relations bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Wer (potenzielle) Shareholder erreichen will, muss dort kommunizieren, wo Informationen gesammelt werden und Meinungsbildung stattfindet. Neben Geschäftsberichten, Corporate News und Ad-hoc-Mitteilungen als Basis der IR-Kommunikation wächst somit auch die Bedeutung digitaler Plattformen. Social Media erweitert die klassischen IR-Kanäle um die Dimension der digitalen Sichtbarkeit und Nahbarkeit.
LinkedIn als Schlüsselplattform
Unter den sozialen Netzwerken hat sich LinkedIn als Leitmedium für die professionelle IR-Kommunikation etabliert. Mit über 304 Mio. EUR registrierten Nutzern im EU-Wirtschaftsraum (Statista, Februar 2025) ist die Plattform das größte berufliche Netzwerk.
Für Investor Relations bietet LinkedIn drei zentrale Vorteile: Reichweite, Zielgruppenpräzision und Glaubwürdigkeit. Keine andere Plattform vereint Privatanleger, institutionelle Investoren, Analysten, Journalisten und Meinungsführer so konzentriert. Hier wird nicht nur kommuniziert, sondern diskutiert, eingeordnet und multipliziert. Ein gut platzierter Beitrag zum Jahresabschluss oder zur Hauptversammlung kann mit vergleichsweise wenig Aufwand und in kurzer Zeit eine enorme Reichweite erzielen.
SDAX-Unternehmen lassen Potenzial ungenutzt
Wie stark nutzen börsennotierte Unternehmen dieses Potenzial bereits? Eine aktuelle Kirchhoff-Analyse aus dem Oktober 2025 zeigt, dass besonders im SDAX viele Unternehmen auf LinkedIn noch Nachholbedarf haben. Ein Drittel der Gesellschaften nutzt die Plattform bislang nicht konsequent als IR-Kanal. 20 Prozent verzichten vollständig auf Beiträge zu relevanten Anlässen. Ein Drittel der SDAX-Unternehmen verzichtete sogar vollständig auf die Kommunikation der Jahreszahlen 2024 auf LinkedIn.
Dabei zeigt sich deutlich, dass Reporting-Anlässe die größten Chancen für Reichweite und Engagement bieten. Posts zu Geschäfts- und Halbjahresberichten erzielten im Durchschnitt über 160 Likes. Videoinhalte, die etwa in 20 Prozent der Beiträge vorkommen, steigern das Engagement zusätzlich, werden aber noch zu selten eingesetzt. Während sich LinkedIn im DAX und MDAX bereits als fester Bestandteil der Investor Relations etabliert hat, bietet sich bei vielen SDAX-Unternehmen noch Aufholpotenzial.
Best Practices zeigen, wie es geht
Erfolgreiche Beispiele aus der Kirchhoff-Analyse zeigen, wie IR-Kommunikation auf LinkedIn Wirkung entfalten kann. Die Alzchem Group etwa kombiniert zu jedem Reporting-Anlass zwei Beiträge: einen Post mit Verlinkung zur Corporate Newsund einen zweiten mit einem CFO-Interview, in dem die Ergebnisse eingeordnet werden. Schaeffler verfolgt einen ähnlichen Ansatz und ergänzt ihn konsequent um Zitate und Videocontent. Zu jedem Finanzbericht erscheinen zwei Beiträge – einer mit Foto und Management-Statement, ein zweiter mit Video und zentralen Finanzkennzahlen.
Beide Unternehmen beweisen, dass Struktur, Wiedererkennbarkeit und die aktive Einbindung des Managements entscheidende Erfolgsfaktoren sind. Sie machen Zahlen erlebbar, schaffen Kontext und fördern den Dialog mit ihren Stakeholdern.
Erfolgsfaktoren moderner IR-Kommunikation
Erfolgreiche Kommunikation auf Social Media folgt drei Prinzipien: Relevanz, Aufbereitung und Dialog. Inhalte müssen für die Zielgruppen interessant und zugleich konsistent mit der Unternehmensstrategie sein. Sie sollten professionell gestaltet und kanalgerecht aufbereitet werden – mit klaren Botschaften, aussagekräftigen Visuals und passenden Veröffentlichungszeitpunkten. Zudem müssen sie den Dialog mit den Stakeholdern ermöglichen.
Fazit
Social Media ist längst kein ergänzendes Werkzeug mehr, sondern ein strategischer Bestandteil moderner Investor Relations. Es ermöglicht Echtzeitkommunikation, visuelles Storytelling und den direkten Austausch mit einer neuen Anlegergeneration. Unternehmen, die LinkedIn gezielt und professionell einsetzen, können ihre Reichweite ausbauen, ihre Reputation stärken und Vertrauen schaffen.





