Bildnachweis: BIO Deutschland, EY, Urs Moesenfechtel.
Die USA werden für die Biotech-Branche zum strategischen Paradoxon: Fördergelder verschwinden, regulatorische Prozesse verändern sich und politische Entscheidungen erschweren die Planung. Gleichzeitig bleiben die Vereinigten Staaten der wichtigste Kapital- und Absatzmarkt der Branche. Auf dem Biotech Finanz-Gipfel 2026 von BIO Deutschland diskutierte die Branche, wie man durch einen Markt navigiert, der riskanter wird, aber unverzichtbar bleibt. Von Urs Moesenfechtel
Amerika wird schwieriger
„Von FDA-Beschleunigung bis Budgetstreichung – Wie sich die US-Biotech-Landschaft auf deutsche Finanzstrategien auswirkt“ lautete der Titel einer der zentralen Paneldiskussionen auf dem Biotech Finanz-Gipfel 2026 von BIO Deutschland. Bereits in seiner Einführung machte Moderator Oliver Schacht, Geschäftsführer von Life Science Nord, deutlich, worum es dabei im Kern gehen sollte: Wie verändern die aktuellen Entwicklungen in den USA die strategischen Optionen deutscher Biotech-Unternehmen?
Die Antworten fielen bemerkenswert unterschiedlich aus. Für Lukas Linnig, Mitgründer und CEO von Akribion Therapeutics, sind die USA derzeit „tendenziell eher ein Risikofaktor“. Dr. Frauke Graalfs, Director of Enterprise Science and Innovation Partnerships bei Thermo Fisher Scientific, sieht in den Veränderungen dagegen auch Chancen für Europa. Und Dr. Thomas Taapken, CFO von InflaRx, bezeichnet die USA trotz aller Verwerfungen weiterhin als „Beschleuniger“.
Hinter diesen unterschiedlichen Einschätzungen verbirgt sich kein Widerspruch. Die USA durchlaufen derzeit gleichzeitig mehrere Entwicklungen gleichzeitig: regulatorische Reformen, politische Eingriffe, Verschiebungen bei Forschungsbudgets und eine neue Unsicherheit bei Investoren. Je nachdem, aus welcher Perspektive man auf den Markt blickt, entsteht daraus ein anderes Bild.

So beschrieb Taapken die Lage aus Sicht eines börsennotierten Biotech-Unternehmens eher pragmatisch. Ja, die Unsicherheit habe zugenommen. Ja, viele Prozesse bei der FDA seien unklarer geworden. Unternehmen berichteten von Verzögerungen und ausbleibenden Entscheidungen. Gleichzeitig bleibe der Zugang zu Talent, Kapital und Pharmapartnern in den USA unübertroffen. Für global agierende Unternehmen sei es schlicht keine Option, diese Ressourcen zu ignorieren. „Es gibt momentan keinen anderen Pharmamarkt“, brachte er die wirtschaftliche Realität auf den Punkt. Wer innovative Medikamente entwickeln wolle, komme an den USA schlicht nicht vorbei.
FDA-Reformen und Forschungsbudgets: Risiko oder Chance?
Während die Diskussion häufig um die Unsicherheit bei der FDA kreiste, lenkte Graalfs den Blick auf die andere Seite der Medaille. Aus ihrer Sicht vollzieht die Behörde derzeit einen tiefgreifenden technologischen Wandel. Besonders bedeutsam sei die zunehmende Akzeptanz sogenannter Single-Pivotal-Trials. Unterstützt durch Biomarker, Real-World-Evidence und moderne statistische Methoden könnten klinische Entwicklungsprogramme künftig deutlich schneller und kostengünstiger werden. Laut einem von der FDA veröffentlichten Papier seien Einsparungen von 30 bis 120 Mio. US-Dollar pro Studie denkbar.

Auch bei den Forschungsbudgets zeichnete Graalfs ein differenzierteres Bild, als es viele Schlagzeilen vermuten lassen. Zwar sei der akademische Markt in den USA schwieriger geworden, das Budget der National Institutes of Health (NIH) bleibe jedoch weitgehend stabil. Auffällig sei vielmehr eine Verschiebung der Förderschwerpunkte hin zu Omics-Technologien, Imaging und insbesondere Künstlicher Intelligenz. KI werde zunehmend nicht mehr als unterstützende Technologie betrachtet, sondern als zentraler Bestandteil wissenschaftlicher Programme. Für Graalfs ist dies auch ein Hinweis darauf, dass die aktuelle Entwicklung nicht nur Risiken birgt. Die wissenschaftliche Exzellenz Europas könne dadurch wieder stärker in den Fokus internationaler Investoren und Partner rücken. Zugleich warnte sie davor, die Diskussion auf Budgetkürzungen zu verengen. In vielen Bereichen gehe es weniger um weniger Geld als um andere, kulturelle, soziale Prioritäten, die man sich noch mal genauer anschauen müsse.
Wie unmittelbar politische Veränderungen Unternehmen treffen können, schilderte Linnig anhand eines konkreten Beispiels: Akribion arbeitet mit dem Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung sowie mehreren US-Universitäten an CRISPR-basierten Technologien. Wenige Tage nach dem Regierungswechsel in Washington erhielt das Unternehmen einen Anruf eines amerikanischen Partnerlabors. „Unsere sämtlichen Mittel wurden gestrichen. Ich habe heute Vormittag alle Mitarbeiter entlassen, und ich arbeite jetzt gerade for free.“ Das Projekt konnte am Ende erfolgreich abgeschlossen werden und mündete sogar in einer Nature-Publikation. Nicht wissenschaftliche Probleme hatten das Projekt gefährdet, sondern eine politische Entscheidung tausende Kilometer entfernt.
Für Linnig ist dies einer der Gründe, warum die USA heute anders bewertet werden als noch vor wenigen Jahren. Die angekündigten regulatorischen Erleichterungen seien bislang nur teilweise umgesetzt worden. Gleichzeitig habe die FDA erhebliche personelle Veränderungen erlebt. Für viele Unternehmen bedeute das vor allem eines: mehr Unsicherheit.
Die Antwort heißt Diversifizierung
Interessanter als die Diagnose war auf dem Podium jedoch die Frage nach den Konsequenzen. Denn die Diskussion zeigte, dass Unternehmen bereits beginnen, ihre Strategien anzupassen. Taapken verwies auf deutlich gestiegene Kosten klinischer Studien in den USA. Während die Initiierung einer klinischen Prüfzentren vor einigen Jahren noch rund 30.000 Dollar gekostet habe, lägen die Kosten heute häufig bei über 100.000 Dollar. Gleichzeitig seien Zeitpläne und regulatorische Rückmeldungen schwerer kalkulierbar geworden. Für Taapken sei dies kein kurzfristiger Reflex, sondern eine strukturelle Entwicklung. Die Zeiten, in denen klinische Programme fast automatisch in den USA geplant wurden, seien vorbei. Unternehmen müssten heute deutlich flexibler zwischen Regionen und Studienstandorten abwägen.

Auch bei Akribion haben die Entwicklungen Konsequenzen. Die Unsicherheit bei regulatorischen Abläufen beeinflusst inzwischen die Wahl möglicher Studienstandorte. Für erste klinische Programme erscheinen die USA heute nicht mehr automatisch als erste Option.
Kann Europa profitieren?
Die zunehmende Unsicherheit in den USA wirft zwangsläufig die Frage auf, ob Europa davon profitieren kann.
Linnig sieht durchaus Chancen. Die wissenschaftliche Qualität in Europa sei hoch, das eigentliche Problem liege woanders: „Die Innovation, die wir in Europa und in Deutschland haben, die ist extrem gut. Das Problem ist, wir kriegen die PS häufig nicht auf die Straße, weil wir nicht das Geld dahinter gesetzt kriegen.“

Die Diskutanten waren sich einig, dass Europa seine Chance erst noch nutzen muss. Die wissenschaftliche Qualität steht für die Diskutanten außer Frage. Ob daraus mehr Unternehmen, mehr Kapital und mehr internationale Sichtbarkeit entstehen, bleibe aber offen. Graalfs berichtete jedoch von einer wachsenden Zurückhaltung mancher Investoren gegenüber den USA und einem stärkeren Blick auf Europa.
Die USA bleiben dennoch unverzichtbar
Spätestens beim Thema Kapitalmarkt endete die Debatte über mögliche Alternativen. Hier herrschte weitgehend Einigkeit. „Für uns gibt es eigentlich auch keinen anderen Kapitalmarkt“, sagte Taapken. Der Grund liege nicht nur in der Größe des amerikanischen Pharmamarktes, sondern auch in der Tiefe des Finanzierungsökosystems. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres seien nach seinen Recherchen an den US-Börsen ca. 120 Finanzierungen von Biotech-Unternehmen mit einem Gesamtvolumen von rund 22 Mrd. Dollar durchgeführt worden. Größenordnungen, die in Europa bislang nicht erreichbar seien. Interessant war dabei Taapkens Hinweis, dass dieses Kapital oft gar nicht aus den USA stammt. Vielmehr werde globales Kapital in New York gebündelt und von dort aus verwaltet. Der amerikanische Kapitalmarkt fungiere damit als globaler Knotenpunkt für Biotech-Finanzierungen. Gerade deshalb greife die Vorstellung eines rein „amerikanischen“ Kapitalmarkts nach Taapkens Ansicht zu kurz. Die USA seien weniger die Quelle des Kapitals als dessen globaler Umschlagplatz.
Auch Linnig sieht für IPOs oder größere Finanzierungsrunden derzeit keine echte Alternative zu den USA. Die regulatorischen Unsicherheiten ändern aus seiner Sicht wenig an dieser grundsätzlichen Einschätzung.

Nicht Emanzipation, sondern Navigation
Zum Ende der Diskussion stellte Oliver Schacht die Frage, ob man in einigen Jahren möglicherweise auf das Jahr 2026 als Beginn einer europäischen Emanzipation vom US-Markt zurückblicken werde. Die Antworten fielen zurückhaltend aus:
Für Graalfs wird Europa weiterhin über den Atlantik schauen. Für Taapken ist die Vorstellung einer Emanzipation ohnehin der falsche Ansatz. Wer globale Medikamente entwickeln wolle, müsse für den amerikanischen, europäischen und asiatischen Markt denken. Die entscheidende Frage sei nicht, woher das Kapital komme, sondern wie man es für Innovationen nutzbar mache.
Linnig wiederum sieht in der aktuellen Situation durchaus die Chance, mehr Kapital und Aufmerksamkeit für europäische Innovationen zu gewinnen – zumindest in frühen Entwicklungsphasen. Beim späten Kapitalmarkt und beim Absatzmarkt werde die Branche jedoch noch lange auf die USA angewiesen bleiben.
Die treffendste Zusammenfassung kam schließlich aus dem Publikum. TVM-Partner Hubert Birner warnte davor, die Debatte als Gegensatz zwischen Deutschland und den USA zu verstehen. „Es ist nicht Deutschland gegen die USA oder umgekehrt, sondern: Wie können wir uns stärker machen, und wie können wir die Möglichkeiten, die sich deutschen Biotech-Unternehmen zweifellos bieten, noch besser nutzen?“
Genau darin lag die eigentliche Botschaft des Panels. Die Herausforderung besteht nicht darin, sich von den USA unabhängig zu machen. Sie besteht darin, mit einer neuen Realität umzugehen: einem Markt, der volatiler geworden ist – und trotzdem unverzichtbar bleibt. Die Frage lautet also nicht mehr, ob Unternehmen ihre Strategien anpassen müssen. Die Frage lautet, wie schnell sie es tun.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.





