Bildnachweis: Nemetschek SE.

In unserer Serie widmen wir uns heute einem alten Bekannten: der NEMETSCHEK SE. Der Bausoftwarespezialist wurde bereits in Ausgabe 64 im Jahr 2018 porträtiert und hat sich seitdem hervorragend entwickelt. Dennoch ist der Aktienkurs drastisch eingebrochen. Steckt das Unternehmen in der Krise oder bietet sich eine historische Einstiegschance? Von Florian Hainzl

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Als wir die NEMETSCHEK SE im Frühsommer 2018 als 64. Unternehmen in unserer Serie vorstellten, war die Euphorie am Markt greifbar. Das Münchner Familienunternehmen, das von Prof. Georg Nemetschek ursprünglich als Ingenieursbüro gegründet worden war, hatte sich als absoluter Pionier für 3D-Gebäudemodelle (BIM) etabliert.

Mit einem Jahresumsatz von 396 Mio. EUR, rund 2.100 Mitarbeitern und einer Marktkapitalisierung von 4,6 Mrd. EUR war NEMETSCHEK nach SAP das zweitgrößte börsennotierte Softwareunternehmen Deutschlands. Eine Kriegskasse von 300 Mio. EUR stand bereit, um den Übergang vom Lizenzverkauf zum Abonnementmodell (SaaS) durch Akquisitionen zu beschleunigen. Unser Fazit damals war eindeutig: NEMETSCHEK hatte sich an der Börse eine höchst respektable Stellung erarbeitet.

Screenshot GoingPublic Ausgabe Juni 2018

Fundamentale Rekorde

Acht Jahre später hat der Konzern eine atemberaubende Transformation vollzogen. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich auf knapp 4.000 fast verdoppelt und die damals eingeleitete Umstellung auf wiederkehrende Einnahmen ist längst die bestimmende Ertragssäule (siehe Grafik).

Die vorläufigen Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr belegen eindrucksvoll diese operative Stärke: NEMETSCHEK hat die ohnehin ehrgeizigen eigenen Prognosen vollauf erfüllt. Der Umsatz stieg um 19,7 % auf 1,19 Mrd. EUR. Damit durchbrach das Unternehmen erstmals die Milliarden-Schallmauer. Auch die Profitabilität bleibt mit einer EBITDA-Marge von 31,2 % auf absolutem Spitzenniveau.

Das Unternehmen ist also operativ stärker denn je. Wer nur die nackten Erfolgszahlen betrachtet, würde einen Aktienkurs erwarten, der sich auf stetiger Rekordjagd befindet. Doch die Börse spricht aktuell eine ganz andere Sprache.

KI-Panik sorgt für Kurssturz …

Die Aktie erreichte im Sommer 2025 mit rund 138 EUR ein Allzeithoch. Seither ging es nahezu ungebremst bergab. Zuletzt lag der Kurs bei rund 67 EUR. Ein massiver Ausverkauf ließ die Marktkapitalisierung rapide schrumpfen.

Für diesen Kurssturz gibt es vor allem einen zentralen Grund, der den gesamten Technologiesektor nervös macht: die rasante Entwicklung der generativen künstlichen Intelligenz. Weltweit fürchten Investoren, dass neue KI-Modelle künftig komplexe Architektur- und Ingenieursplanungen oder die Softwareprogrammierung weitgehend autonom übernehmen könnten. Diese Ängste trafen das vormals hoch bewertete SaaS-Geschäftsmodell von NEMETSCHEK mit voller Wucht, da Marktteilnehmer eine plötzliche Entwertung klassischer Softwareökosysteme befürchten.

10 Jahreschart Nemetschek SE Stand 25.03.2026 10:32 Uhr || Quelle: stock3.com

… aber realistisch?

Es deutet vieles darauf hin, dass der Kapitalmarkt die KI-Risiken etablierter SaaS-Modelle derzeit überbewertet. Für NEMETSCHEK gilt das ganz besonders. Das Unternehmen agiert in einem Marktumfeld, das sich durch höchste physikalische Komplexität und strenge lokale Regulierungen auszeichnet. Zwar kann generative KI visuelle Assistenz bieten, doch für eine haftungssichere, millimetergenaue 5D-Planung ist weiterhin tiefgreifende Spezialsoftware erforderlich.

Da die Baubranche einen sehr geringen Digitalisierungsgrad aufweist, dürften Kunden kaum in der Lage sein, eigene KI-Anwendungen zu entwickeln. Dieses Umfeld verleiht dem Kerngeschäft (Design and Build mit einem Umsatzanteil von ca. 80 %) einen robusten Burggraben und bietet NEMETSCHEK die Chance, sich durch eine bessere Integration von KI-Features gegenüber der Konkurrenz zu positionieren.

Dazu kauft NEMETSCHEK gezielt KI-Ressourcen ein, wie die Übernahme von Firmus AI belegt. Auf diese Weise werden zukunftsweisende Werkzeuge zur Planprüfung direkt in die eigene Open-BIM-Plattform integriert.

Wo NEMETSCHEK angreifbar ist

Deutlich angreifbarer sind jedoch die Randbereiche des Konzerns, die für etwa 20 % des Umsatzes verantwortlich sind. Im Segment „Manage“ (Gebäudebetrieb) droht zunehmende Konkurrenz durch große Techunternehmen. Diese könnten klassische Softwarelösungen umgehen, indem sie ihre eigenen KI-Systeme direkt mit IoT-Sensoren verknüpfen.

Besonders akut ist die Bedrohung zudem im Segment „Media” (Tochter Maxon): In der Unterhaltungsindustrie zählen keine Bauvorschriften oder Statik, sondern nur schnelle visuelle Ergebnisse. Neue Text-to-Video- und 3D-Generatoren könnten dieses Feld hart treffen. Aktuell begeht der Markt jedoch den Fehler, das existenzielle KI-Risiko dieses kleinen Media-Segments pauschal auf den gesamten Konzern umzulegen. Für das bauspezifische Kerngeschäft wird KI hingegen zum Katalysator und nicht zum Killer.

Bewertung: Wahre Stärke zeigt die Free Cashflow Yield

Auf dem Höhepunkt der Kursrally im Sommer 2025 war die Aktie zweifellos überbewertet. In solchen Korrekturphasen blicken viele Investoren stur auf das klassische Kurs-Gewinn-Verhältnis. Diese Kennzahl ist bei kapitalleichten, margenstarken Softwarewerten jedoch oft irreführend und verschleiert die tatsächliche Liquiditätsgenerierung. Deutlich aussagekräftiger ist die Argumentation über die Free Cashflow Yield (FCF), da sie aufzeigt, wie viel frei verfügbare Barmittel das Unternehmen im Verhältnis zu seinem Enterprise Value tatsächlich erwirtschaftet.

Dank des hochprofitablen SaaS-Modells verfügt NEMETSCHEK heute über einen sprudelnden Cashflow. Der Rekordkurs im Sommer 2025 spiegelte sich in einer sportlichen Bewertung mit einer bereinigten FCF-Rendite von ca. 2,3 % wider. Inzwischen sind die Bewertungen deutlich attraktiver. Für die nächsten zwölf Monate wird eine FCF-Rendite von 4,5 % erwartet. Sollte sich das Wachstum in den nächsten Jahren nicht deutlich verlangsamen, könnte diese bis 2028 sogar auf 6,3 % steigen.

Fazit

Trotz des heftigen Kurssturzes ist die NEMETSCHEK SE kein gefallener Engel. Vielmehr spiegelt sich hier eine generelle KI-Angst wider, die den Markt für AEC-Bausoftware zu Unrecht pauschal abstraft. Operativ ist das Unternehmen stärker denn je: Seit unserem ersten Porträt in Ausgabe 64 hat sich der Konzernumsatz exakt verdreifacht und das Geschäftsmodell ist heute deutlich krisenresistenter.

Für langfristig orientierte Anleger bietet dieser überzogene Marktpessimismus eine erstklassige Einstiegsgelegenheit in einen fundamentalen Profiteur der Digitalisierung. Wie schon im Jahr 2018 gilt: An NEMETSCHEK führt auf der Baustelle der Zukunft kein Weg vorbei.

Gründungsjahr 1972
Branche

Software (Bau, Architektur, Industrie)

Firmensitz München
Beschäftigte 4.000
Umsatz 2025 1,19 Mrd. EUR
Market Cap 7,8 Mrd. EUR
Internet www.nemetschek.com

Autor/Autorin

Florian Hainzl. Copyright Foto: privat
Florian Hainzl
Redakteur at GoingPublic Media AG

Florian Hainzl ist Diplom-Betriebswirt (FH) und als Business-Intelligence-Entwickler bei einem mittelständischen Messtechnikhersteller tätig. Er gehört zum Team der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de) und schreibt dort seit 2019 als freier Finanzjournalist. Darüber hinaus veröffentlicht er Analysen und Fachbeiträge mit den Schwerpunkten Kapitalmarkt, Technologie und Datenanalyse.