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Bloomwell-Group-CEO Niklas Kouparnais spricht im Interview mit GoingPublic über das rasante Wachstum des deutschen Medizinalcannabis-Marktes, regulatorische Unsicherheiten und die ambitionierten Wachstumspläne seines Unternehmens.
GoingPublic: Herr Kouparnais, wie ist es der Branche gelungen, trotz regulatorischer Unsicherheiten die Versorgung der Patienten sicherzustellen?
Niklas Kouparnais: Medizinische Cannabisblüten sind Teilen der Bundesregierung und auch einigen etablierten Akteuren in der Pharmaindustrie ganz offensichtlich ein Dorn im Auge – obwohl viele Patienten sie bevorzugen und sie in einer BfArM-Erhebung unter anderem durch geringe Nebenwirkungen überzeugten. Mit inzwischen weniger als vier Euro pro Gramm sind sie im Selbstzahlerbereich zudem kostengünstig. Die Streichung der Kassenerstattung im Rahmen eines Spargesetzes ist daher für uns nicht nachvollziehbar. Nun gilt es, die bestehende Regulierung weiter aufrechtzuerhalten. Bloomwell hat in den vergangenen zwei Jahren mit seinem quartalsweise veröffentlichten Cannabis-Barometer dazu beigetragen, die Debatte durch Daten zu versachlichen.
Im März 2017 ist hierzulande das Gesetz „Cannabis als Medizin“ in Kraft getreten. Was hat sich seither bewährt – und wo besteht weiterhin Handlungsbedarf?
Seither können Ärzte medizinische Cannabisblüten auf Rezept verordnen und die Patientenzahl stieg kontinuierlich. Den eigentlichen Schub brachte jedoch die Herausnahme aus dem Betäubungsmittelgesetz im April 2024. Seitdem ist der Therapieverlauf vollständig digital möglich, und Prozesse für Ärzte, Apotheken und Dienstleister haben sich vereinfacht. Das Nadelöhr beim Therapiezugang sind nach wie vor niedergelassene Ärzte. Dank digitaler Sprechstunden können spezialisierte Ärzte Patienten aber bundesweit behandeln – ohne Vor-Ort-Termin. Ergänzend versorgen rund 400 auf Medizinalcannabis spezialisierte Apotheken das Land per Versand, ohne den viele Regionen unterversorgt wären. Handlungsbedarf besteht aus meiner Sicht nicht – entscheidend ist, dass der Gesetzgeber diesen Erfolg nicht durch pauschale Vorurteile ausbremst.
Warum braucht es in der politischen Debatte über Medizinalcannabis mehr Sachlichkeit und weniger Populismus?
Vor über einem Jahr legte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) einen Entwurf zur Verschärfung des Medizinalcannabis-Gesetzes vor: Danach dürften Apotheken kein Medizinalcannabis mehr versenden, und Ärzte müssten Patienten vor Therapiebeginn sowie mindestens jährlich persönlich sehen – Regeln, die es für kein anderes verschreibungspflichtiges Arzneimittel gibt. Die Begründung ist ein pauschaler Missbrauchsverdacht, gestützt auf erwartete Importe von 300 Tonnen in diesem Jahr. Diese Menge zeigt aus meiner Sicht jedoch vor allem, dass hunderttausende frühere Nutzer von illegalem Cannabis in eine ärztlich betreute, von Apotheken kontrollierte und pharmazeutisch geprüfte Versorgung gewechselt sind – also mehr, nicht weniger Gesundheitsschutz. Die laufende Evaluation des Gesetzes bestätigt: Deutschland ist auf einem guten Weg, den illegalen Markt zurückzudrängen und Menschen aus der Beschaffungskriminalität zu holen. Entscheidend ist ein nüchterner Blick auf diese Fakten statt einer Ausbremsung durch Vorurteile.
Wie stark hängt die weitere Marktentwicklung von politischen Entscheidungen ab?
Sehr stark. Ein Beispiel ist die gestrichene Kostenerstattung medizinischer Cannabisblüten: Der frühere Erstattungspreis von bis zu 19,02 Euro pro Gramm war vom Selbstzahlerpreis von unter vier Euro völlig entkoppelt – für manche Akteure ein gutes Geschäft, das nun wegfällt. Für Patienten, die als Selbstzahler eine bezahlbare Blütentherapie bevorzugen, ist der Preisverfall auf Plattformen wie Bloomwell jedoch Glück im Unglück. Jetzt muss diese digitale Versorgung gesichert werden. Der im Sommer 2025 vorgelegte Gesetzentwurf des BMG sieht erhebliche Einschränkungen für telemedizinische Behandlungen und den Versand von Medizinalcannabis durch Apotheken vor. Die SPD-Fraktion lehnt den Entwurf in seiner jetzigen Form ab. Zudem sind die angestrebten Ziele europarechtlich nicht umsetzbar.
Wie nachhaltig ist das Wachstum des deutschen Medizinalcannabis-Marktes – und wie viel Potenzial sehen Sie noch?
Auf Bloomwell sind die verordneten Mengen gegenüber dem ersten Quartal 2024 um das 81-Fache gestiegen. Abgesehen von künstlicher Intelligenz kenne ich in Deutschland keinen Bereich mit einem vergleichbaren Wachstum – und anders als bei KI ist Deutschland bei Medizinalcannabis weltweit Vorreiter. Nordamerikanische Konzerne beobachten diese Entwicklung aufmerksam und planen internationale Expansionen. Unser Wachstum hält in unseren quartalsweisen Reports bei rund 50 Prozent an. Da potenziell rund 20 Millionen Menschen in Deutschland für eine Therapie infrage kommen, wir aber bisher bei über einer Million Cannabis-Patienten liegen, gibt es noch erhebliches Wachstumspotenzial.
Welche Rolle spielen ausländische Produzenten, und wie viel Wertschöpfung bleibt künftig in Deutschland?
Die heimische Produktion wird in diesem Jahr auf 7,1 Tonnen prognostiziert – rund 2,4 Prozent der Importmenge. Die Wertschöpfung liegt aber überwiegend in Deutschland: Import, Weiterverarbeitung, Logistik, Vertrieb und Abgabe erfolgen hier. Ausschließlich lokale Apotheken geben Medizinalcannabis an Patienten ab. Viele Apotheken wurden dadurch vor der Insolvenz bewahrt, und auch Bloomwell ist als Tech-Plattform von Anfang an in Deutschland verankert. Die Branche schafft Arbeitsplätze, zieht Kapital an und generiert Steuereinnahmen – eine Cannabis-Steuer existiert also im medizinischen Bereich bereits. Insgesamt wandeln sich illegale Strukturen in einen regulierten, kontrollierten legalen Markt mit pharmazeutisch geprüftem Cannabis aus der Apotheke. Dieses deutsche Modell hat Vorbildcharakter für Europa.
Wie haben sich Umsatz, Ergebnis und Patientenzahl bei Bloomwell zuletzt entwickelt? Welche Ziele haben Sie für 2027?
Wir erwarten 2026 einen Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe. Monatlich erhalten über Bloomwell Patienten in sechsstelliger Anzahl Zugang zur Therapie. Die über Bloomwell abgegebenen Mengen sind prozentual noch einmal deutlich rascher gestiegen als die Importvolumina. Wir haben 2020 erstmals in Europa eine Telemedizin-Plattform für Medizinalcannabis gestartet und sind heute führend in Europa. 2027 wollen wir weiterwachsen.
Welche Margen sind in Ihrem Geschäftsmodell langfristig möglich – und wo liegen die größten Kostentreiber?
Die Durchschnittspreise für medizinisches Cannabis liegen inzwischen unter vier Euro pro Gramm. Selbstzahlende Patienten sind sehr preissensibel, daher besteht im Großhandel starker Preisdruck und die Konsolidierung wird weitergehen. Anders bei Bloomwell: Als Tech-Unternehmen monetarisieren wir unsere Plattform und Technologie. Unsere Margen hängen nicht unmittelbar vom Apotheken-Abgabepreis ab. Dank Skalierbarkeit und starkem Wachstum steigen die Kosten deutlich langsamer als die Einnahmen. Nach VC-Finanzierungen sind wir inzwischen profitabel.
Was wird den Unternehmenswert in den kommenden drei bis fünf Jahren am stärksten bestimmen?
Die regulatorischen Herausforderungen haben wir bereits ausführlich erörtert. CDU und AfD stehen Medizinalcannabis am kritischsten gegenüber. Ich gehe davon aus, dass die Brandmauer hält. Das nährt die Hoffnung, dass die nächste Bundesregierung eine progressive Cannabis-Regulierung vorantreibt und der ideologisch motivierte Gegenwind abnimmt. Die Patientenzahl könnte deutlich steigen, wenn mehr Ärzte Medizinalcannabis als Therapieoption erwägen – insbesondere, bevor sie Opioide mit hohem Suchtpotenzial und erheblichen Nebenwirkungen verordnen. Mit Bloomwell wollen wir unsere Position als europaweit führende Plattform weiter ausbauen.
Ist ein Börsengang langfristig eine Option?
Wir halten uns prinzipiell Optionen offen, um auch zukünftig eine sichere und effektive Versorgung von Medizinalcannabis-Patienten in Europa zu gewährleisten.
Das Interview führte Christian Euler.
Zum Interviewpartner

Niklas Kouparanis ist Mitgründer und CEO der Bloomwell Group, nach eigenen Angaben Europas größter Plattform für medizinisches Cannabis. Der Frankfurter mit griechischen Wurzeln ist Serienunternehmer und baut seit 2017 medizinische Cannabisfirmen auf. Im Juni 2020 gründete er gemeinsam mit seiner Schwester Anna-Sophia Kouparanis und Dr. Julian Wichmann die Bloomwell Group. Sein Ziel: medizinisches Cannabis in Deutschland zugänglicher zu machen.
Autor/Autorin

Christian Euler
Christian Euler gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de) und ist regelmäßig Autor von Beiträgen und Aktienanalysen. Als Redakteur beschäftigt er sich schon seit über 20 Jahren mit Wirtschaft und Finanzen.





