Der ATX ist in den vergangenen Monaten von Rekord zu Rekord geeilt. Während die Wirtschaftsinstitute für 2027 moderates Wachstum erwarten, spiegelt das Stimmungsbild bei Unternehmen die zahlreichen Unwägbarkeiten wider. Von Stefan Preuß


An der Wiener Börse sind die Indizes seit Jahresbeginn hervorragend gelaufen. Der ATX inklusive Dividenden (Total Return) lag per 30. September mit 32,60 % im Plus und erreichte am 28. September mit 17.618 Punkten seinen aktuellen historischen Höchststand (ATX ohne Dividenden: 28,72 % / 6.856,00 Punkte per 30. September). Der österreichische Leitindex gehört damit zum internationalen Spitzenfeld. Auch im Langzeitvergleich von 25 Jahren glänzt der ATX Total Return mit einer durchschnittlichen jährlichen Performance von 10,86 % im Vergleich mit dem MSCI World Total Return (9,41 %), DAX (7,32 %), oder EURO STOXX 50 (2,60 %).

AT&S als Highflyer

Die beste Performance im prime market (Stichtag: 30. September) erreichten AT&S (+522 %), Bajaj Mobility (+115 %) und AUSTRIACARD HOLDINGS (+73,61 %). Die umsatzstärksten Titel waren Erste Group (15,08 Mrd. EUR), BAWAG Group (9,34 Mrd. EUR) und OMV (8,21 Mrd. EUR). „Österreichische Aktien stehen international für solide Geschäftsmodelle, attraktive Dividenden und eine starke Verankerung in der Wachstumsregion Zentral- und Osteuropa. Die neuen Höchststände des österreichischen Aktienmarkts zeigen, dass diese ­Investmentstory auch in einem volatilen Umfeld trägt“, sagt Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse AG.

Steigende Notierungen haben immer etwas mit gestiegener Nachfrage zu tun, und an dieser Stelle spielt das gewachsene Interesse am Kapitalmarkt offensichtlich eine Rolle: „Der steigende Wertpapierbesitz in Österreich zeigt, dass viele Menschen die Chancen des Kapitalmarkts längst erkannt haben. Nun gilt es, dieses Interesse durch bessere politische Rahmenbedingungen weiter zu fördern“, fordert Angelika Sommer-Hemetsberger als Vizepräsidentin des Aufsichtsrats der Wiener Börse AG. Die Reform der betrieblichen Altersvorsorge und die Umsetzung des EU Listing Act seien positive Schritte, ersetzten aber keine umfassende Kapitalmarktstrategie: „Österreich muss hier internationalen Best Practices folgen. So kann der Kapitalmarkt seinen Beitrag zu Wachstum, Standortstärkung und generationenübergreifendem Wohlstand voll entfalten.“ Eine ähnliche Dynamik brauche es nun bei Anreizen für die private Vorsorge. „Österreich gerät hier im Vergleich mit anderen europäischen Ländern zunehmend ins Hintertreffen“, ergänzt Boschan.

„Besonders erfreulich ist das wachsende Interesse junger Menschen am Kapitalmarkt“

Harald Hagenauer, Leiter IR, Österreichische Post AG

Wie wichtig sind Retailinvestoren für die Post?

Privataktionäre haben für die Österreichische Post einen hohen Stellenwert. Neben der jährlichen Hauptversammlung sucht die Österreichische Post den direkten Austausch mit dieser wichtigen Zielgruppe auch bei zahlreichen Kapitalmarkt- und Anlegermessen im In- und Ausland sowie im Rahmen eines eigenen Privataktionärentags. Besonders erfreulich ist das wachsende Interesse junger Menschen am Kapitalmarkt, das wir bei vielen Veranstaltungen in den vergangenen Jahren deutlich wahrgenommen haben. Dieses Interesse zeigt, wie wichtig finanzielle Bildung und der Dialog mit der nächsten Generation von Anlegern sind.

Wie stark treffen die hohen Energiepreise die Post?

Steigende Energiepreise stellen für viele Unternehmen eine große Herausforderung dar, so auch für die Österreichische Post. Höhere Kosten können dabei nicht vollständig vermieden werden und müssen teilweise auch über Preisanpassungen an Kunden weitergegeben werden. Gleichzeitig setzen wir gezielt Maßnahmen, um die Auswirkungen zu reduzieren. Ein wesentlicher Hebel ist dabei der konsequente Ausbau der Elektromobilität in unserer Zustellung. Bereits heute erfolgen rund 65 % der Zustellungen auf der letzten Meile in Österreich CO2-frei. Damit senken wir nicht nur unsere Emissionen, sondern reduzieren auch unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und deren Preisschwankungen.

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www.andreasjakwerth.com

Harald Hagenauer leitet den Bereich Investor Relations der Österreichischen Post AG und begleitete deren Börsengang. Zudem verantwortet er Corporate Governance, CSR, Konzernrevision, Risikomanagement und Compliance. Nach seinem Studium an der TU Graz begann er 1991 seine Karriere bei VOEST-ALPINE Industrial Services. Von 1995 bis 2005 war er bei VA TECH in den Bereichen Kommunikation und Investor Relations tätig.

Wirtschaftsinstitute sagen ­Wachstum voraus

Unterstützung kommt auch von der Konjunktur, folgt man den Voraussagen der Wirtschaftsinstitute. Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) sieht die österreichische Wirtschaft sowohl 2026 als auch 2027 auf Wachstumskurs, und zwar jeweils um rund 1 %. Die Industrie und der Exportsektor dürften demnach vom globalen Aufschwung profitieren. Die Verbraucherpreisinflation werde 2026 bei 3,2 % liegen und 2027 auf 2,4 % sinken, heißt es in der aktuellen Betrachtung. Die Österreichische Nationalbank rechnet für 2027 sogar mit 1,3 % Wachstum, und auch in Deutschland wurden die Konjunkturprognosen im September von den maßgeblichen Stellen auf mehr als 1,2 % angehoben.

Bei den Unternehmen schlagen sich diese Prognosen aber noch nicht nieder. „Aktuell sehen wir die erwartete wirtschaftliche Belebung in Deutschland noch nicht unmittelbar in unseren Auftragseingängen. Wir gehen jedoch davon aus, dass sich das prognostizierte Wachstum ab dem zweiten Quartal 2027 zunehmend bemerkbar machen und sich bis Ende 2027 auch positiv auf unser Ergebnis auswirken wird“, nimmt Felix Strohbichler, CFO der PALFINGER AG, eine langfristige Perspektive ein.

Bei der PORR AG steht der hohe Investitionsbedarf in Europas Infrastruktur im ­Fokus. Hier geht es um wichtige Bereiche wie Verkehr, Bahn, Energie und Wasser. „Gleichzeitig bauen wir attraktive Wachstumsfelder aus – z.B. im Gesundheitsbereich, wo wir mit PORR Healthcare eine einzigartige Marktposition haben, und in Bereichen wie leistbarer Wohnraum, Rechenzentren, Bildung und Industriebau“, erklärt Karl-Heinz Strauss, CEO der PORR AG. Die geopolitischen und konjunkturellen Unsicherheiten blieben natürlich herausfordernd, „aber wir sind zuversichtlich. Unser Auftragsbestand von rund 9,8 Mrd. EUR sichert die Auslastung für rund eineinhalb Jahre.“ Für 2026 bestätigt er die Guidance mit einem Plus von 2 % bis 4 % bei Leistung und Umsatz sowie einer EBIT-Marge von 3,2 % bis 3,3 %. „Auftragsdisziplin, Effizienz und profitables Wachstum stehen weiter bei uns im Fokus.“

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Felix Strohbichler ist seit Oktober 2017 CFO der PALFINGER AG und verantwortet unter anderem Finanzen, Controlling, Risikomanagement, IT sowie Prozess- und Qualitätsmanagement. Seine Karriere bei PALFINGER begann er 2000 als Leiter der Rechtsabteilung. Anschließend übernahm er verschiedene Führungspositionen innerhalb der Gruppe, zuletzt als Regional Manager EMEA. Von 2015 bis 2017 war er Geschäftsführer der B&C Industrieholding GmbH.

„Wir profitieren von hoher Nachfrage nach Offshore-Windkraft- und Marinelösungen“

Felix Strohbichler, CFO, PALFINGER AG

Für 2027 wird höheres Wirtschaftswachstum hierzulande ­prognostiziert. Ist das bereits im Auftragseingang spürbar?

Österreich ist für uns ein stabiler Markt, trägt jedoch nur rund 4 % zu unserem Gesamtumsatz bei und hat damit für uns als global aufgestelltes Unternehmen eine vergleichsweise geringe Bedeutung als Wachstumstreiber. Im Fokus steht hier vielmehr die Entwicklung der Standortfaktoren, insbesondere der Lohnkosten. Insgesamt entwickelt sich Europa derzeit positiv. Eine gute Nachfrage verzeichnen wir insbesondere in Nord- und Südeuropa, etwa in Spanien, Portugal und Italien. In Nordeuropa profitieren wir zusätzlich von einer hohen Nachfrage nach Offshore-Windkraft- und Marinelösungen.

Die USA unter Trump schleifen Nachhaltigkeitsvorgaben und höhlen auch die Corporate Governance aus. Hat das Auswirkungen auf Ihre ESG-Strategie?

Wir verfolgen unsere ESG-Strategie unabhängig von politischen Entwicklungen in den USA. Für PALFINGER ist Nachhaltigkeit ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie. Wir verfügen über eine klar definierte ESG-Roadmap und setzen diese konsequent um. Entsprechend halten wir unverändert an unseren Nachhaltigkeitszielen fest. Die Auswirkungen der US-Politik sind naturgemäß im Bereich der Zollpolitik spürbar. Des Weiteren führt der Krieg im Nahen Osten zu einer Zurückhaltung bei Investitionsentscheidungen in den USA. Wir gehen jedoch davon aus, dass sich die Unsicherheit mittelfristig reduzieren und die Investitionsbereitschaft wieder zunehmen wird.

Starke Position in CEE-Region hilfreich

Das operativ starke Jahr der meisten Unternehmen im ATX wird unter anderem durch das starke Engagement in Zentral- und Osteuropa (CEE) gestützt. Hier sind die Aussichten weiterhin besonders gut, denn das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) prognostiziert für die elf osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten für 2027 ein Wirtschaftswachstum von 2,4 % bis 2,7 %. Als Wachstumslokomotive wird dabei Polen mit einem Zuwachs von 3,2 % gesehen.

„Nehmen auch international breiteres Interesse an PORR wahr“

Karl-Heinz Strauss, CEO, PORR AG

Nehmen Sie erhöhtes Interesse internationaler Investoren an PORR wahr – oder geht der Trend zu vermindertem Engagement in den USA an kleineren Märkten wie Österreich vorbei?

Wir nehmen auf jeden Fall ein zunehmendes und auch international breiteres Interesse an PORR wahr. Mehrere Faktoren spielen hier mit: Seit Juli 2026 liegt der Streubesitz bei 56,6 %, die Investorenbasis hat sich verbreitert und die Liquidität und Sichtbarkeit der Aktie haben sich erhöht. Zusätzlich hat die Aufnahme in den ATX unser Kapitalmarktprofil gestärkt. Wir merken dieses gestiegene Interesse auch im Zuge unserer Investorengespräche und auf Roadshows; diese finden übrigens auch regelmäßig in Kanada und den USA statt.

Welche Themen stehen bei Investoren im Fokus?

Aktuell steht bei Investoren das Thema Infrastruktur wieder stärker im Fokus. Das liegt auch am hohen europäischen Investitionsbedarf bei Verkehr, Energie, Bahn und öffentlicher Infrastruktur – dieser sorgt für mehr Aufmerksamkeit für Bau- und Infrastrukturunternehmen. Mit unserem hohen Auftragsbestand, unserer starken Position im Tiefbau und in der Infrastruktur sowie der verbesserten Liquidität der Aktie sind wir für einen breiteren internatio­nalen Investorenkreis relevant.

Welche Rolle nimmt KI im Bau-/Infrastruktursektor ein? Wie nutzen Sie KI?

KI wird im Bau- und Infrastruktursektor eine zunehmend wichtige Rolle spielen, vor allem in der Planung und Projektsteuerung. In Verbindung mit digitalen Gebäudedaten und BIM ermöglicht sie präzisere Mengenberechnungen, automatisierte Fortschrittskontrollen und einen effizienteren Einsatz von Material und Ressourcen. Bei PORR nutzen wir KI seit einigen Jahren – z.B. im Dokumentenmanagement

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Karl-Heinz Strauss ist seit September 2010 Vorstandsvorsitzender der PORR AG. Nach seiner Ausbildung im Tiefbau absolvierte er Managementstudien an der Harvard University, in St. Gallen sowie ein MBA-Programm an der IMADEC University in Wien. Bis 2000 war er in verschiedenen Funktionen bei der Raiffeisen Zentralbank tätig. Anschließend gründete er die Strauss & Partner Immobilien GmbH, die unter anderem das EURO PLAZA in Wien entwickelte.

Fazit

Die börsennotierten österreichischen Unternehmen haben die vielfältigen Herausforderungen der vergangenen Monate in Summe hervorragend gemeistert. Dabei ist der Grat schmal: Infrastrukturwerte wie PORR oder STRABAG wachsen, während Baustoffhersteller wie Wienerberger unter den hohen Energiekosten besonders leiden – und nun auch noch unter steigenden Zinsen, die dem Bausektor stets besonders zusetzen. Die Stärke vieler Unternehmen in der CEE-Region sorgt für zusätzlichen Auftrieb.

Autor/Autorin

Stefan Preuß
Redaktionsleiter GoingPublic at  | Website

Stefan Preuß ist Wirtschafts- und Finanzjournalist mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Kapitalmarktumfeld. Der gelernte Tageszeitungsredakteur war zudem als Investor-Relations-Manager tätig. Er gehört zum Team der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Er schreibt regelmäßig zu den Schwerpunktthemen IPOs, Vermögensanlage und Nachfolgelösungen.