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Wer in KI-Antworten nicht zitiert wird, verliert digitale Sichtbarkeit. Eine Fallstudie zeigt, warum Struktur heute wichtiger ist als Markenstärke. Und welche Bausteine eine Quartalsmeldung zur KI-Quelle machen. Von Michael Winter
Investoren-Sichtbarkeit entsteht heute nicht mehr nur in Medien und Datenbanken, sondern in KI-Antworten. Immer öfter entscheidet zuerst eine Maschine, was Investoren überhaupt zu sehen bekommen. Generative Such- und Antwortsysteme stehen am Anfang der Recherche und sortieren vor, welche Fakten, Zitate und Kennzahlen aus Unternehmensmeldungen in Zusammenfassungen, Wissenspanels oder KI-Antworten landen.
Statt Dutzende Links zu prüfen, fragen Marktteilnehmer eine „Answer Engine“ – und bekommen eine fertige Antwort serviert. Wie in einer Bibliothek: Die Recherche übernimmt der Bibliothekar, ausgehändigt wird nur das fertige Ergebnis. Tauchen Unternehmensinhalte in dieser Antwort nicht als Quelle auf, findet die eigene Story im Kapitalmarkt-Research schlicht nicht statt. Und dann wird die Kurzfassung des Unternehmens von Dritten erzählt – und nicht von ihm selbst.
Was eine Notified-Fallstudie verrät: So tickt KI-Suche wirklich
Wie müssen Ergebnismitteilungen heute aufgebaut sein, damit sie von KIs wie ChatGPT und Co. überhaupt gefunden und zitiert werden? Notified ist dieser Frage nachgegangen. Die großangelegte Analyse untersuchte über 13 Millionen KI-Referenzen innerhalb eines Monats und wertete mehr als 200.000 über GlobeNewswire verschickte Pressemitteilungen aus.
Für die Fallstudie wurden drei Ergebnismitteilungen verglichen: Die der American Battery Technology Company (ABTC), Flux Power – einem direkten Branchen-Peer aus dem Bereich Lithium-Ionen-Batterien – sowie die von Costco Wholesale, einem global tätigen B2C-Einzelhandelsriesen mit hoher Markenbekanntheit. Das Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Bekanntheit einer Marke entscheidet über die Sichtbarkeit in KI-Antworten, sondern spezifische strukturelle Signale im Text. In den ersten 30 Tagen erzielte ABTC 1.679 KI-Zitate, Flux Power kam auf 73 und Costco Wholesale auf 533. ABTC lag damit 3,4-mal über dem Retail-Leader und 23-mal über dem Branchenpeer.
Wie ein B2B-Underdog in KI-Antworten den Retail-Riesen schlägt
Die Botschaft dahinter: Eine weniger bekannte B2B-Marke kann einen führenden B2C-Retailer überholen – nicht wegen Größe oder Budget, sondern weil die Information präzise und strukturiert geliefert wird. KI zitiert nicht die Lautesten, sondern die Klarsten.
Für Investor-Relations-Teams heißt das: Sichtbarkeit wird planbarer. Entscheidend sind eine Kernaussage, die sofort sitzt, und Kennzahlen, die im Text schnell auffindbar sind – mit Einheit und Zeitraum. Lange Einleitungen, PR-Floskeln oder versteckte Zahlen schwächen die digitale Präsenz.
Was KI wirklich bevorzugt: SOAR Content Framework als Rezept für Sichtbarkeit
Aus der Fallstudie lässt sich das SOAR ableiten – eine Bauanleitung, wie aus einer Ergebnismitteilung eine KI-Quelle wird. Vier Hebel entscheiden darüber, ob Inhalte von der KI zitiert oder übersprungen werden: Struktur, Substanz, Vertrauen und Aktualität. Werden diese geliefert, lässt sich die Sichtbarkeit deutlich steigern. Fehlt einer dieser Faktoren, fällt die Botschaft eher durchs Raster.
1) Structure (S): Klar gegliedert, schnell erfassbar
Struktur ist der schnellste Hebel. Sichtbar heißt: Klare Headline, logische Abschnitte, Key Facts als Bulletpoints – das Wichtigste ganz oben. Unsichtbar läuft die Technik mit: Metadaten, JSON-LD und Entity-Tagging – also Signale, die Maschinen mitlesen, um Absender, Kontext und Begriffe eindeutig zuzuordnen. Wenn das sitzt, wird weniger interpretiert und mehr übernommen. Kurz gesagt: Je sauberer die Struktur, desto eher wird eine Meldung zur zitierfähigen KI-Quelle.
2) Originality (O): Ohne Fakten kein Zitat
Substanz schlägt Stimmung. „Wichtiger Meilenstein“ oder „wir freuen uns“ klingt nett – wird aber selten übernommen. Was funktioniert, sind harte Fakten: Zahl, Ergebnis, messbarer Fortschritt, neue Information. Und dann die Einordnung: Warum zählt das – und was heißt das für den Markt? Erst Fakt + Bedeutung macht eine Meldung zitierfähig.
3) Authority (A): Ohne Vertrauen keine Quelle
Doch selbst der beste Fakt bringt wenig, wenn er nicht belastbar verankert ist. Wenn nicht klar ist, wer spricht, woher die Info kommt und wie überprüft werden kann, wird sie ignoriert. Deshalb gehören klare Autorenschaft, vollständige Kontakte, konsistente Unternehmensnamen und Links zu Originalquellen (IR-Website, Reports, Präsentationen) zur Pflicht. Sonst passiert das Gefährliche: Ungenaue oder veraltete Informationen verzerren die Story – und genau so landet sie draußen im Markt.
4) Recency (R): Ohne Aktualität keine Dauerpräsenz
Und selbst wenn alles stimmt, stellt sich Frage: Bleibt es sichtbar? Denn Reichweite entsteht nicht nur am Veröffentlichungstag. In der Studie lagen rund 25 % der Nennungen in den ersten 7 Tagen, etwa 50 % in den ersten 18 Tagen – danach läuft der Effekt im „Long Tail“ weiter, über Wochen und teils Monate. Die Praxisregel lautet deshalb: Nicht nur veröffentlichen – sondern auffindbar und dauerhaft zitierfähig halten. Konsistent verlinkte, klar beschriftete und regelmäßig aktualisierte IR-Inhalte werden häufiger als Quelle übernommen.
Sieben praktische Empfehlungen für KI-fitte Pressemitteilungen
Mit diesen sieben Regeln steigt die Chance deutlich, dass KI-Inhalte nennt:
- Headline als Antwortsatz: „[Unternehmen] + Verb + Ergebnis“ – ohne Wortspiel.
- Subheadline zur Präzisierung (Treiber/Grund) statt vager Ankündigung.
- Executive Summary nach vorn: Kernaussage in 2-3 Sätzen.
- Key Facts als messbare Bulletpoints mit Einheiten und Zeitraum.
- CEO-Zitat mit Aussage und Kontext – nicht als Höflichkeitsfloskel.
- Tabellen/Key-Zahlen direkt im Text (nicht nur als PDF-Anhang).
- Metadaten & JSON-LD sauber pflegen, Canonical-URL und konsistente Begriffe nutzen.
Zwei Quick Wins aus der Praxis ergänzen diese Maßnahmen sinnvoll: Erstens helfen FAQ-Seiten mit direkten Antworten, da KI dieses Format besonders gut verwerten kann. Zweitens lohnt sich ein regelmäßiger Reality-Check der KI-Antworten – damit frühzeitig auffällt, wenn Zusammenfassungen kippen oder veraltete Inhalte zitiert werden.
Fazit: KI-Sichtbarkeit wird zum Werttreiber
Am Ende geht es um Kontrolle: Answer Engines sollen die finanzielle Story korrekt wiedergeben – bevor Investoren sie lesen. Genau deshalb lohnt sich bei Earnings Releases eine kurze „KI-Leseprobe“: Stehen die wichtigsten Kennzahlen mit Einheit und Zeitraum im Klartext? Ist das „Warum“ in zwei Sätzen erklärt? Wenn ja, steigt die Chance, dass die Botschaft sauber übernommen wird – statt verwässert zu werden.
Wichtig ist dabei der Blick aufs ganze System: KI baut Antworten selten aus nur einem Dokument. Sie kombiniert Signale aus verschiedenen Unternehmensquellen – IR-Website, Archiv, ältere Meldungen, Reports und Präsentationen. Liegen zentrale Zahlen nur als PDF im Downloadbereich oder sind Inhalte schwer auffindbar, wird Sichtbarkeit verschenkt. Wer diese Mechanik versteht und konsequent nutzt, gewinnt nicht nur Reichweite – sondern Kontrolle über die eigene Kapitalmarkt-Story.
Autor/Autorin

Michael Winter
Michael Winter ist Senior Solutions Consultant IR & PR bei Notified und Experte für Investor Relations, Public Relations und AI-gestützte Unternehmenskommunikation. Als Speaker und Panelist teilt er regelmäßig Einblicke zu digitalen Medien, Kapitalmarktstrategien und KI in IR & PR.





