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Niedrigzinsen, Handelskrieg und ein dahinsiechender Brexit – auf geopolitischer Ebene ist derzeit einiges los. Wir sprachen mit Dr. Jörg Krämer von der Commerzbank u.a. darüber, welche Folgen die EZB-Politik langfristig auf die Kapitalmärkte hat, unter welchen strukturellen Problemen Deutschland leidet und wie es um die Innovationskraft hierzulande wirklich bestellt ist.

GoingPublic: Herr Dr. Krämer, überall ist von einer globalen Rezession die Rede. Wie ist es wirklich um die wirtschaftliche Lage in den kommenden Monaten bestellt?

Dr. Krämer: Wir befinden uns in einer weltweiten Industrierezession. Ausgelöst wurde diese durch die sehr hohe Unsicherheit aufgrund der handelspolitischen Konflikte. Die globalen Wertschöpfungsketten stehen auf der Kippe. Die Viele Staaten, insbesondere die USA, halten sich aber aktuell noch sehr gut. Das gleiche gilt für den Rest des Euroraums. In China sieht es hingegen kritisch aus. Dort sinken bereits die Importe, und die Neuzulassungen von PKw sind eingebrochen.

Bezogen auf Deutschland: Wie steht es hier um die Konjunktur?
Dr. Jörg Krämer, Commerzbank AG
Dr. Jörg Krämer. Foto: Commerzbank AG

Deutschland entwickelt sich seit anderthalb Jahren schlechter als der Rest des Euroraums Das gilt etwa für die Auto-Produktion. Während die Autobauer hierzulande ihre Produktion herunterfahren, erhöhen sie sie im europäischen Ausland weiter. Das ist teilweise unbedenklich, etwa wenn Fachkräfte aufgrund des langen Aufschwungs in Deutschlands knapp geworden sind. Aber die Unternehmen verlegen auch deshalb Produktion ins Ausland, weil  die Attraktivität Deutschlands als Produktionsstandort in den letzten Jahren gelitten hat. Straßen, Schienen und Wasserwege sind häufig in einem schlechten Zustand, die Steuern auf Gewinne sind höher als in den meisten anderen Ländern, Energie ist sehr teuer und so fort. Deutschland droht wieder zum kranken Mann des Euroraums zu werden, nachdem es dieses Image vor rund zehn Jahren erfolgreich überwunden hatte.

Stichwort Niedrigzinspolitik: hier scheint kein wirkliches Ende in Sicht. Welche Auswirkungen wird diese EZB-Geldpolitik kurz- bis langfristig auf die Aktienmärkte haben?

Die niedrigen Zinsen der EZB haben die Renditen der Bundesanleihen negativ werden lassen. Das hat die Aktienkurse natürlich enorm gestützt. Nicht umsonst hat der Dax seit dem Jahresanfang um deutlich mehr als zehn Prozent zugelegt, obwohl viele Unternehmen wegen der Rezession in der Industrie Gewinnrückgänge erleiden mussten. Aber irgendwann ist die Wirkung der lockeren Geldpolitik ausgereizt. Zudem schwächen dauerhaft niedrige Zinsen die Realwirtschaft. So verleiten sie zu Investitionen, die nur wegen der niedrigen Zinsen rentabel erscheinen. Das senkt das Produktivitätswachstum. Langfristig betrachtet schadet die EZB-Niedrigzinspolitik der Wirtschaft. Aber Kurz-und mittelfristig dürften die Aktienkurse vermutlich weiter von der lockeren Geldpolitik profitieren.

Deutschland wird ja gerne im Vergleich zu anderen Nationen – wie z.B.  Asien – als digitales Schlusslicht gesehen. Wieviel Innovationskraft steckt überhaupt in deutschen Unternehmen?

Die Innovationskraft der Unternehmen würde ich nicht in Frage stellen. Wir verfügen über sehr gute Unternehmen, vor allem im Mittelstand. Oft sind sie in ihrem Bereich Weltmarktführer. Das Problem sind nicht die Unternehmen, sondern die Umfeldbedingungen, denen sie ausgesetzt sind. So schlagen sich viele Mittelständler in der Provinz mit einem schlechten Internet herum, obwohl sie Industrie 4.0 in alle Welt verkaufen sollen. Es wird Zeit, dass die Regierung endlich umsteuert und die Priorität auf Investitionen und nicht länger auf Konsum legt.

Herr Dr. Krämer, vielen Dank für das spannende Gespräch.

Das Interview führte Svenja Liebig

Über den Autor

Svenja Liebig ist Redakteurin des GoingPublic Magazins sowie verantwortlich für goingpublic.de