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Cannabis ist längst kein Nischenthema mehr – weder als Medizinprodukt noch als Wirtschaftsfaktor. In Deutschland steht der Markt noch am Anfang, birgt aber enormes Potenzial. Im Gespräch mit GoingPublic erklärt Finn Hänsel, Gründer der Sanity Group, wie sich die Branche entwickelt, welche regulatorischen Hebel wichtig sind und welche Lektionen aus Nordamerika für Europa entscheidend sein könnten. Dieses Interview ist auch in GoingPublic 4/25 erschienen.
GoingPublic: Herr Hänsel, Sie gelten als eine der wichtigsten Stimmen für Cannabis in Deutschland. Wann wurde Ihnen klar, dass hier mehr als nur ein Nischenthema entsteht?
Hänsel: Generell beschäftige ich mich bereits seit 2002 mit dem Thema. Damals war ich Vorsitzender der Jungen Union in Flensburg und habe durch verschiedene prägende Begegnungen und Erlebnisse meine Meinung zu Cannabis fundamental geändert und innerhalb der Union für Medizinalcannabis und eine Legalisierung von Genussmittelcannabis geworben. Dass in dem Bereich eine Industrie entstehen kann, wurde mir nach der Einführung von Medizinalcannabis 2017 bewusst. Daraufhin haben wir uns entschieden, die Sanity Group zu gründen.
Wo steht der deutsche Markt für Medizinalcannabis heute – und welches Potenzial sehen Sie bis 2030?
Wir schätzen die Zahl der Patienten in Deutschland derzeit auf rund 800.000. Das wären ca. drei- bis viermal so viele wie vor der Herausnahme von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz. Im Vergleich zur Zahl der Konsumenten von rund sechs Millionen Menschen oder den rund zwölf Millionen Schmerzpatienten und etwa 20 Millionen Menschen mit Schlafproblemen ist das noch wenig. Daher sehen wir im medizinischen Bereich großes Wachstumspotenzial – und sollten die Pilotprojekte kommen, natürlich auch im Freizeitbereich.
Welche regulatorischen Hebel wären aus Ihrer Sicht am wichtigsten, um Medizinalcannabis in Deutschland voranzubringen?
Die hohen Anforderungen an Hersteller und Großhändler sind grundsätzlich richtig, denn sie schützen vor unseriösen Teilnehmern und sichern die Arzneimittelqualität. Die entscheidenden Hebel liegen aus meiner Sicht bei Forschungsförderung, bei der Einfachheit von Verschreibung und Erstattung sowie in der ärztlichen Ausbildung. Viele Ärzte haben noch Angst vor Regressen oder kennen das Endocannabinoid-System nicht gut genug – hier muss dringend nachgebessert werden.
Welche internationalen Vorbilder sind für Deutschland relevant – und was sollte man nicht kopieren?
Die USA sind kein gutes Vorbild, weil der Markt extrem zersplittert ist und jeder Bundesstaat wie ein eigenes Land funktioniert. Wenn man auf die echte Legalisierung als Genussmittel schaut, sind Kanada und Uruguay spannend: Kanada mit dem kommerziellen Verkauf in Dispensaries, Uruguay mit der Abgabe in Apotheken. Beide Länder haben gute Erfahrungen gemacht, ohne dass die Sorgen der Legalisierungsgegner eingetreten sind. Israel ist wiederum ein Beispiel für niederschwellige Verschreibungsmöglichkeiten – dort sind bereits mehr als 2 % der Bevölkerung Cannabispatienten, in Deutschland noch weniger als 1 %.
Wie würden Sie die Sanity Group einem internationalen Investor in zwei Minuten erklären?
Wir sind mit knapp 100 Mio. EUR Umsatz in Europa wahrscheinlich eines der größten Unternehmen, profitabel und in allen europäischen Kernmärkten aktiv. Wir spielen in allen Bereichen des Cannabismarkts: Wir gehören zu den führenden deutschen Unternehmen bei Medizinalcannabis, sind Pionier im Bereich Pilotprojekte durch unser Projekt in der Schweiz gemeinsam mit dem ISGF in Baselland und betreiben klinische Forschung mit unserer Tochterfirma Endosane. Wir sehen uns forschungsaktiv, innovativ sowie patienten- und konsumentenzentriert – diese Kombination gibt es so in Europa sonst nicht.
Was haben Sie aus der ersten globalen Cannabiswelle in Nordamerika gelernt?
Von Nordamerika lernen heißt, aus Fehlern zu lernen, die man nicht wiederholen sollte. Viele kanadische Unternehmen hatten durch frühe Börsengänge sehr viel, wahrscheinlich zu viel, verfügbares Kapital. Man ist in Länder expandiert, ohne die Märkte zu kennen, und hat sehr viel zugekauft – ohne die nötige Integration. Viele Firmen waren operativ unprofitabel und haben sich bei M&A und Expansion verhoben; ein Rezept zum Scheitern. Aus europäischer Sicht erscheinen die Börsenkurse deshalb heute irrational niedrig und es wurde bei Aktionären viel Vertrauen verbrannt. Genau das wollen wir vermeiden und setzen bewusst eher auf ein „Asset-light-Modell“.
Wie kapitalmarktfähig ist Medizinalcannabis heute – und wann halten Sie ein IPO im Prime Standard für realistisch?
Wenn man sich die Börsenkurse der Cannabisunternehmen anschaut, ist man schnell ernüchtert. Durch die historischen Entwicklungen in Nordamerika haben es Cannabisaktien derzeit nicht leicht – und es wird sicher noch ein bis zwei Jahre dauern, bis das Tal der Tränen wirklich durchschritten ist. Wenn sich das Klima an den Börsen wieder ändert, ist ein IPO aber eine spannende Option, gerade angesichts des riesigen Potenzials.
Wenn Sie fünf Jahre nach vorne blicken: Wie sieht Ihr Erfolgsszenario für den deutschen Markt und die Sanity Group aus?
Ich hoffe, der deutsche Markt wird sich im medizinischen Bereich und über Pilotprojekte weiterentwickeln und irgendwann den kanadischen Markt überflügeln. Für die Sanity Group wünsche ich mir, dass wir diese Entwicklung als verantwortungsbewusstes Unternehmen positiv begleiten und am Ende europäischer Marktführer sind – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch beim Thema Aufklärung und verantwortungsvollem Umgang mit Cannabis.
Herr Hänsel, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.
Das Interview führte Sven-Roger Schilling
Zum Interviewpartner

Finn Hänsel ist Serienunternehmer und Investor, Gründer & CEO der Sanity Group und weiterer Startups. Er treibt die europäische Cannabis- und Gesundheitsbranche mit Fokus auf Innovation und Wissenschaft voran.
Autor/Autorin

Sven-Roger von Schilling
Sven-Roger von Schilling ist CEO, Aufsichtsrat und Gründer der svs Capital Partners GmbH, mit 30 Jahren Erfahrung in IPOs, M&A und Unternehmenswachstum.





