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Stefan Constantin, Partner & Managing Director und Markus Kluge, Director, C.H. Reynolds Corporate Finance AG

Der Medizintechnik-M&A-Markt folgt in Deutschland auf mittlere Sicht der internationalen demografischen Entwicklung. Eine ständig wachsende und stärker alternde Gesellschaft führt zur erhöhten Nachfrage nach medizinischer Versorgung. Wachsende Felder wie entzündliche Erkrankungen, Onkologie sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates einhergehend mit dem Wunsch nach verbesserter Lebensqualität werden die Gesundheitsmärkte der Zukunft nachhaltig beeinflussen. Davon wird die Medizintechnikbranche (CAGR Welt ’06-’11: 5,6%) mit einem Wachstum von mehr als 5% p.a. bis 2016 profitieren. Nach einem Exportrückgang deutscher Medtech-Produkte im Krisenjahr 2009 gilt Deutschland nach der Erholung in den Folgejahren mit einer Exportrate von mehr als zwei Dritteln auch weiterhin neben den USA und Japan als „das Exportland“ innovativer, wachstumsstarker und zukunftsträchtiger Technologien und damit Ziel und Ursprung von M&A-Aktivitäten.

Es gilt jedoch auch Herausforderungen zu meistern: Die Finanzkrise wird sich über die Staatshaushalte indirekt auch auf die Gesundheitssysteme auswirken. Zusätzlich ändert sich die Nachfragesituation bei Ärzten, Einkaufsabteilungen großer Klinikketten, Kostenträgern und insbesondere dem Patienten selbst. Die Medizintechnik steht unter Kostendruck. Dadurch entstehen hohe Anforderungen an (mobile) Informations- und Kommunikationstechniken, die sich auch in der Medizin durchsetzen werden. Die Branche steht damit vor grundlegenden Änderungen ihrer Geschäftsmodelle.

Fragmentiertes, innovatives Marktumfeld
Der deutsche Markt für Medizintechnik ist mit 21,4 Mrd. EUR Umsatz 2011 stark fragmentiert und lässt sich in verschiedene Gruppen aufgliedern. Zunächst finden sich insbesondere im bildgebenden Sektor die international agierenden Technologiemischkonzerne, die häufig aus dem Elektronikbereich stammend einen Ausgleich volatilerer Geschäftsbereiche durch die Medizintechnik suchen. Als Beispiele finden sich hier Siemens-, Philips- oder GE-Healthcare, die den deutschen Gesamtmarkt umsatzseitig dominieren. Eine weitere Gruppe bilden medizinisch geprägte mittelgroße Konzerne wie die Carl Zeiss Meditec AG oder die Drägerwerke GmbH & Co KGaA. Breiter aufgestellte Gesundheitskonzerne wie Fresenius Medical Care oder B. Braun Melsungen AG profitieren von ihrem Know-how rund um den (Dialyse-)Patienten und nutzen das attraktive Marktumfeld für weitere Konsolidierung. Abschließend finden sich zahlreiche mittelgroße bis kleine, häufig in Nischensegmenten tätige Unternehmen. Karl Storz, ein marktführender Hersteller für Endoskope, sowie die Medisana AG als eines der jungen börsennotierten Unternehmen im Bereich Software für mobiles Patienten- und Datenmanagement sind nur zwei Beispiele hoch spezialisierter Hersteller.

Die beschriebene Segmentierung spiegelt sich auch in der unten dargestellten Peergroup börsengelisteter Medizintechnikunternehmen wider. Auffallend ist neben dem starken Größengefälle innerhalb der Peergroup der weitgehend stabil hohe EBIT-Multiplikator des Sektors.

Quelle: Thomson Financials 2. Nov 2011

Der deutsche Markt für Medizintechnik nimmt weltweit eine einzigartige Stellung ein. Der hohe Innovationsgrad deutscher Produkte (9% F&E Quote im Medtech-Sektor) sowie das Qualitätssiegel „Made in Germany“ sichern Absatzpotenziale und machen deutsche Unternehmen zu begehrten Übernahmezielen internationaler Wettbewerber. Sind Produkte im regulatorisch anspruchsvollen deutschen Markt einmal zugelassen, kann man in der Regel mit dem folgenden FDA-Approval vergleichsweise problemlos international auftreten.

Die Transaktionen im Medizintechnik-M&A-Markt folgen den Megatrends der Branche
Basierend auf den „deutschen“ Transaktionen der vergangenen zwei Jahre lassen sich einige Trends ableiten. Internationale Konzerne kaufen häufig kleinere deutsche Wettbewerber. Wichtigste Motive hierfür sind Technologiezukauf, Ergänzung der Produktpalette sowie ein deutscher Markteintritt.

Samsung folgte dieser Entwicklung durch Zukauf des Ultraschallgeräteherstellers Sonoace im weiterhin zukunftsträchtigen Bereich der Bildgebung (9/2012). Ein klassisches Beispiel für den Zukauf von Technologie ist der US-Konzern Medtronic, der mit der AMT AG einen Spezialisten in der Wirbelsäulenchirurgie erwarb (6/2012). Aufgrund des steigenden Wettbewerbsdrucks suchen große Pharmafirmen zum Ausgleich der langwierigen, kostenintensiven F&E für mögliche „Blockbuster“ durch Investitionen in cashflowstabilere, profitable Bereiche der Medizintechnik, wie beim Kauf von Verum Diagnostika GmbH durch Roche (2/2012). Auch Zulieferer suchen neue Anwendungen im Krankenhausbereich. Air Liquide, einer der Marktführer bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz, hat Licher Medical Therapy GmbH, einen Hersteller von ambulanten Infusionsgeräten, gekauft und so den eigenen medizintechnischen Bereich weiter ausgebaut (9/2011). Auch innerhalb der Branche gibt es Verschiebungen, die italienische Bracco hat die deutschen Produktionsstätten des eigenen Lohnfertigers Nycomed übernommen. Der Kauf von Ondal durch Capvis ist einer der inzwischen mehr als 25% des Volumens (verzerrt durch die 1,8 Mrd.-EUR-Übernahme der BSN durch EQT im Rahmen eines Secondary Buy-outs) einnehmenden Private-Equity-Deals. Capvis konnte bereits durch Beteiligungen im Hörgerätemarkt, an einem Hersteller von Insulinpumpen und in der Laborausrüstung zeigen, dass durch gezielte Weiterentwicklung mittelständischer Unternehmen nicht nur für VC-Geber in diesem Segment gute Renditen erzielbar sind. Die Personalisierte Medizin als Treiber zukünftiger Entwicklung mit entsprechender IT für Auswertung und Lagerung vor allem bildgebender Diagnostik manifestiert sich u.a. durch die GEMED, die medizinisches Datenmanagement für Krankenhäuser anbietet. Sie wurde vom reinen IT-Services-Konzern Allgeier übernommen.

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