Der Hafen von Odessa am Schwarzen Meer. Foto: PantherMedia / Matthias Krüttgen
Robert Michels

Zum 1. Juli 2012 ist die Neusegmentierung im Freiverkehr der FWB Frankfurter Wertpapierbörse in Kraft getreten. Die Änderungen für diejenigen Werte, die bis dahin im Entry Standard und First bzw. Second Quotation Board notierten, betreffen auch zahlreiche Unternehmen aus Russland bzw. der Ukraine. Neben China, Indien und der Türkei zählen Russland und die Ukraine seit vielen Jahren zu den Zielregionen, die für die Deutsche Börse im Fokus der Bemühungen um Listings aus den Emerging Markets stehen.

Bisherige Praxis bei Listings aus Russland/Ukraine

Bislang führen ukrainische Unternehmen Platzierungen an internationalen Börsenplätzen fast ausschließlich über Holding-Strukturen aus. Hierbei wird die operative Geschäftstätigkeit in einem ersten Schritt zunächst auf eine Zweckgesellschaft, für gewöhnlich mit Sitz in einer steuerlich vorteilhaften Jurisdiktion (beispielsweise Zypern, Niederlande, Luxemburg), übertragen. In einem zweiten Schritt werden die entsprechenden Aktien direkt oder indirekt über die Errichtung eines Depositary-Receipts-Programms bei Investoren (teilweise auch nur im Wege von Privatplatzierungen) platziert und an einer internationalen Börse notiert. Depositary Receipts verbriefen die zugrunde liegenden Aktien eines Emittenten, der diese in der Regel aus regulatorischen Gründen nicht direkt im Ausland handeln kann. Die zugrunde liegenden Aktien werden im Heimatland des Emittenten bei einer Depotbank verwahrt und dann als Depositary Receipts emittiert. An den internationalen Kapitalmärkten haben sich die American Depositary Receipts (ADRs) bzw. Global Depositary Receipts (GDRs) etabliert.

Bei russischen Unternehmen wird hingegen häufig die sogenannte Dual-Listing-Struktur genutzt. Demnach verbleibt der juristische Sitz des Emittenten im Heimatland und die Aktien werden zunächst an einer der russischen Börsen MICEX/RTS* gelistet. Im Rahmen einer erforderlichen Erlaubnis durch die russische Finanzmarktaufsicht (FSMA) erfolgt dann zusätzlich die Errichtung (und Platzierung außerhalb Russlands) eines Depositary-Receipts-Programms und die entsprechende Notierung an einer internationalen Börse.

Die Deutsche Börse als Listingplattform für Unternehmen aus Russland/Ukraine

Die Emittenten aus Russland und der Ukraine haben an der Deutschen Börse die Wahl zwischen den regulierten Marktsegmenten (General Standard und Prime Standard) sowie den börsenregulierten Marktsegmenten (Open Market, Entry Standard bzw. Open Market, Quotation Board). Es besteht die Möglichkeit, sowohl Aktien als auch Depositary Receipts zu notieren.

Als „russische“ Emittenten im Regulierten Markt werden an der Deutschen Börse bislang die C.A.T. Oil AG (Prime Standard) sowie die IBS Group Holding Ltd. (General Standard) geführt. Die Besonderheit bei der IBS Group ist, dass es sich hierbei um das erste (und bislang einzige) Depositary-Receipts-Programm handelt, das im Reglierten Markt der FWB zugelassen wurde. Im Entry Standard notieren darüber hinaus die Depositary-Receipts-Programme der Sberbank sowie der Sofrinskiy Mechanical Plant.

Aus der Ukraine notieren bislang zwei Gesellschaften im Entry Standard der Deutschen Börse; es handelt sich hierbei um die Depositary-Receipts-Programme der Mriya Agro Holding bzw. der TMM Real Estate.

Darüber hinaus werden derzeit (noch) über 50 verschiedene Depositary-Receipts-Programme von russischen bzw. ukrainischen Unternehmen im Quotation Board gehandelt.

Neuregelungen zum 1. Juli 2012

Gerade für Letztere haben die Neuregelungen teilweise erhebliche Auswirkungen. Seit dem 1. Juli 2012 existiert nur noch das Quotation Board. Die Deutsche Börse hat angekündigt, zum 1. Oktober 2012 sämtliche Werte des Quotation Boards zum 15. Dezember 2012 zu kündigen. Voraussetzung für eine Wiederaufnahme ist, dass das entsprechende Unternehmen einen Spezialisten als Antragsteller hat und dass der Nachweis eines Primärlistings an einem von der Deutschen Börse anerkannten börsenmäßigen Handelsplatz geführt wird. Alternativ kann ein Unternehmen in ein höheres Segment (oder einen anderen Börsenplatz) wechseln, sofern die entsprechenden Zugangsvoraussetzungen erfüllt werden.

Fazit

Es ist zu vermuten, dass sich die Anzahl der Werte aus Russland und der Ukraine im Rahmen der Neusegmentierung im Freiverkehr an der FWB reduzieren wird. Allerdings sind die damit einhergehenden Verbesserungen der Transparenz bzw. Informationsgrundlage für die Anleger zu begrüßen.