Ein Marktkommentar von Alexis Bienvenu

An den Märkten folgt aktuell eine als historisch zu bezeichnende Woche der anderen. Dabei scheint besonders die vergangene Woche auch im historischen Vergleich als beispiellos: Innerhalb von vier Tagen (die Börsen waren am zurückliegenden Karfreitag geschlossen) legte der S&P 500 in USDum mehr als 12% zu, der Nasdaq um mehr als 10% und die europäischen Aktienindizes um fast 8%. Die während der Krise am schwersten eingebrochenen Titel schnitten dabei am besten ab und darunter vor allem zyklische Werte.

Warum eine solche Hausse? Zwar verschärfte sich die Wirtschafts- und Gesundheitskrise weiter, in den letzten Tagen sind aber Faktoren eingetreten, die Zuversicht aufkommen lassen. Es gibt Anzeichen, dass die Kurve der schweren Covid-19-Infektionsfälle im größten Teil Europas abflacht oder ein Abflachen zumindest in Sicht ist. Österreich und Spanien haben die Beschränkungsmaßnahmen etwas zurückgefahren, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Es gibt also Licht am Ende des Tunnels. Das haben die Märkte haben positiv aufgenommen, wenn auch der Weg noch lang und ungewiss ist.

Neben dem Faktor Gesundheit ist die Unterstützung durch die Zentralbanken und Regierungen zu nennen, die immer gigantischere Ausmaße annimmt. So kündigte die US-Notenbank Fed am 9. April ein Anleihekaufprogramm und Unterstützungsmaßnahmen für Bankkredite im Wert von insgesamt 2,3 Bio. USD an. Sie zeigte sich sogar erstmals bereit, sogenannte High-Yield-Anleihen (ein Euphemismus für „qualitativ minderwertige Anleihen“) von amerikanischen Unternehmen zu kaufen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Angesichts der zu erwartenden Welle von Bonitätsabstufungen würde das Meiden des High-Yield-Segments bedeuten, unzählige Unternehmen mit ihren finanziellen Schwierigkeiten allein zu lassen. Es ist ein bedeutsamer Schritt, denn künftig wird die Fed praktisch jede Art von Anleihen kaufen können. In Anbetracht dieser Entschlossenheit geht der Markt davon aus, dass die Fed in ihrem Handlungsspielraum uneingeschränkt ist.

Neben diesen fundamentalen Faktoren ist die Vereinbarung zwischen den Mitgliedern der OPEC+ erwähnenswert, die eine Drosselung der Ölförderung zur Stützung des Rohölpreises vorsieht. Dies verringert den Druck auf die Ölproduzenten, insbesondere jene in den USA, sowie auf die damit verbundenen Arbeitsplätze.

Und aus technischer Sicht könnte die wahrscheinlich noch sehr defensive Positionierung des Marktes auf eine Umkehr des mechanischen Trends hoffen lassen. In der Tat sind zumindest teilweise Effekte einer Trendwende zu erkennen, wenn extreme Long- oder Short-Positionen eingegangen wurden.

Ist diese Rally vertrauenserweckend?

Unserer Ansicht nach sollte man vorsichtig bleiben. Gewiss sind die fiskalischen Stützungsprogramme beispiellos, aber es gibt weiterhin noch viele unbekannte Faktoren. Die Antriebsriemen zwischen den Hilfsprogrammen und den Unternehmen oder Privathaushalten greifen nicht alle sofort. Zu diesen Hemmnissen kommt eine Ungewissheit hinzu: Wann wird der Lockdown enden? Die Aufhebung der Kontaktsperren wird schrittweise erfolgen und abhängig sein von etwaigen Rückschlägen wie beispielsweise einer zweiten Infektionswelle. Auf Sicht von sechs Monaten ist also Vorsicht geboten.

Zudem sind die Aktienbewertungen wieder auf Vorkrisenniveaus gestiegen, was im aktuellen Umfeld kaum tragfähig erscheint. Der Markt erweckt angesichts dieser Bewertungen den Eindruck von selbstgefälliger Zufriedenheit.

Wie sollte man verfügbare liquide Mittel – sofern vorhanden – also einsetzen?

Aufgrund der beispiellosen Unterstützungsmaßnahmen seitens der Zentralbanken und Regierungen halten wir ein gewisses Maß an Zuversicht für legitim. Aber zu versuchen, den Tiefstand des Marktes für einen massiven Wiedereinstieg zu nutzen, erscheint uns gewagt: Die Wirtschaft war seit 1929 noch nie so stark geschwächt wie jetzt. Die Bewertungen sind weiterhin hoch. Zudem haben wir erst zwei Monate einer Krise hinter uns, die mehr als ein halbes Jahr dauern könnte. Eine gewisse Vorsicht erscheint uns daher angebracht.

Für langfristig orientierte Anleger mit einem gesunden Maß an Gelassenheit könnten sich die derzeitigen Einstiegspreise jedoch als aussichtsreich erweisen, denn die Zentralbanken haben signalisiert, dass sie alles tun werden, um Risikoanlagen zeitlich unbegrenzt zu stützen.

Über den Autor

Alexis Bienvenu

Alexis Bienvenu Fondsmanager, LFDE - La Financière de l’Échiquier