GoingPublic-Chefredakteur Falko Bozicevic (l.) im Gespräch mit Dr. Martin Steinbach

Obwohl das IPO-Fenster geöffnet ist, kommt das IPO-Jahr noch nicht so recht in Schwung. Im ersten Quartal ist die Zahl der Börsengänge weltweit weiter gesunken. Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin erklärt Dr. Martin Steinbach, Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei Ernst & Young, woran das liegen könnte und warum der Turnaround kurz bevorsteht.

GoingPublic: Herr Dr. Steinbach, irgendwie fehlt dem IPO-Jahr noch der richtige Kick-off – woran liegt das?
Steinbach:
Es fehlt nicht der Kick-off, sondern eher die Bodenbildung bzw. der Turnaround. Seit drei Jahren in Folge nehmen sowohl die Transaktionszahl als auch das Emissionsvolumen weiter ab. Wäre Anfang des Jahres das Immobilienunternehmen LEG nicht in Deutschland an die Börse gegangen, wäre die Bilanz im ersten Quartal null gewesen. Aber eigentlich müsste viel mehr passieren. Daher bin ich für Deutschland weiterhin recht zuversichtlich und denke, dass viele große Transaktionen in den Startlöchern stehen. Wenn jetzt nichts mehr schiefgeht, wie die Eurokrise oder Ähnliches, könnte 2013 im Vergleich zu den beiden letzten Jahren richtig gut werden. Dann sind 10 bis 15 Börsengänge hierzulande möglich.

GoingPublic: Aber wir hatten doch schon Griechenland, Portugal und jetzt Zypern – eigentlich haben wir eine Dauerkrise in Europa. Worauf warten denn die Unternehmen?
Steinbach:
Die aktuelle Zuversicht kommt durch die relativ hohen Indexstände und die gesunkene Volatilität an den Märkten. Weder der Wahlausgang in Italien noch die Zypernkrise hatten hier nennenswerte Auswirkungen. Das Klima unter Investoren ist nicht schlecht und sie haben Appetit auf weitere Börsengänge. Unsere weltweite Umfrage unter institutionellen Investoren hat gezeigt, dass in Europa Deutschland und UK an der Spitze der Länder sind, in denen in IPOs investiert wird. Das positive Sentiment rührt sicherlich auch daher, dass Deutschland eher Profiteur der Krise ist.

GoingPublic: Und wann könnte der Turnaround in der EU kommen?
Steinbach
: Die Primärmarktaktivität ist schon immer sehr zyklisch. In der EU wird regulatorisch darüber nachgedacht, was man tun könnte, um die IPO-Aktivitäten zu erhöhen und Börsengänge zu erleichtern. Zugleich schaffen Börsen neue Segmente wie jüngst die LSE mit dem „High Growth Market“, um mehr Börsengänge anzuziehen. Oder wie in Deutschland, wo Börsen über neue Segmente für Erstemissionen von Unternehmensanleihen neue Börsenkandidaten gewonnen haben. Wann der Turnaround im Primärmarkt in Europa tatsächlich kommen wird, hängt aber von vielen Faktoren, deren Entwicklung nicht vorhersehbar ist, ab.

Quelle: Dealogic, Ernst & Young

GoingPublic: In den USA ging die Anzahl der IPOs auch zurück, obwohl hier bereits Indexhöchststände erreicht sind und die Krise eigentlich auch vorbei ist. Woran liegt das? Steinbach: Das kann unter anderem daran liegen, dass die Erleichterungen des JOBS-Act noch nicht bei Unternehmen angekommen sind. Mit dem JOBS-Act sollen insbesondere IPOs von kleineren bzw. mittleren Unternehmen – auch aus dem Ausland – in den USA erleichtert werden. Außerdem blickt man aus Europa auch wieder vermehrt in die USA, wenn es um Börsengänge geht. Das liegt daran, dass man davon ausgeht, dort eine bessere Bewertung zu erhalten. Zudem glaubt man, dass es eine viel größere Investorenschaft gibt, die man ansprechen kann.

GoingPublic: Der IPO-Markt in China ist fast gänzlich eingebrochen. Was ist denn da los?
Steinbach:
China möchte, dass Unternehmen wettbewerbsfähig sind, weswegen sie sich internationalisieren und internationalen Standards stellen müssen. Ein Weg ist der Börsengang im Ausland. Des Weiteren ebbt schlichtweg auch mal so eine Privatisierungswelle, wie wir sie in China hatten, einfach ab. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das wieder ändert, denn Wachstum und Innovation müssen finanziert werden – z.B. über ein IPO.

GoingPublic: Und wie sehen Investoren Cross Listings von Chinesen außerhalb des Heimatmarktes?
Steinbach:
Wie unser global investor survey zeigt, fehlt den Investoren oft einfach die glaubhafte Argumentation, warum man sich gegen den Heimatmarkt und für den anderen Markt entschieden hat. Des Weiteren bemängeln Investoren in den meisten Fällen, das Unternehmen bzw. das Management keine wirkliche physische Präsenz am Listingplatz haben. So was ist natürlich nicht gerade zuträglich für weitere IPOs aus dem Ausland. Das gilt für alle Cross-Border-Listings.

GoingPublic: Was sind die entscheidenden Faktoren, damit ein IPO erfolgreich bei den Investoren ankommt?
Steinbach:
Das ist sehr interessant: In unserer Umfrage sagen die Investoren, dass das Pricing stimmen muss. Das wird sogar noch vor einer interessanten Equity Story oder dem Vertrauen in das Management genannt. Es folgen das richtige Timing und die Börsenreife der internen Strukturen – kurz IPO Readiness. Mit großem Abstand und ganz zum Schluss der Aufzählung kommen dann die Größe der Transaktion und der Ruf des Bankenkonsortiums. Es geht also in erster Linie um das richtige Pricing. Börsenkandidaten haben sich darauf schon eingestellt und agieren mit neuen Platzierungstechniken und geringeren Emissionsvolumina im ersten Schritt.

GoingPublic: Herr Dr. Steinbach, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.