2011 war ein Rekordjahr für die deutsche Automobilindustrie: BMW und VW legten glänzende Bilanzen vor und für Daimler war es sogar das beste Jahr seiner Geschichte. Unter dem Motto „mehr Autos, mehr Absatz, mehr Gewinn“ ist die Branche stark gewachsen. Doch kann sich dieses Wachstum ungehindert fortsetzen, oder ist eine Verschnaufpause fällig?

Im laufenden Jahr soll das Wachstum zwar nicht zurückgehen, könnte jedoch stagnieren. So lautet die Einschätzung des Münchner ifo-Instituts. Zwar könne man mit einem Produktionszuwachs von 11% rechnen, jedoch sei davon auszugehen, dass sich der Auftragseingang eher seitwärts entwickle, so das Wirtschaftsforschungsinstitut. Zu einem ähnlichen Ergebnis im Hinblick auf den europäischen Markt kommt auch eine Studie des CAR Center Automotive Research der Universität Düsseldorf. Demnach müsse mit sinkenden Verkaufszahlen in Europa gerechnet werden. Grund hierfür sei unter anderem die europäische Schuldenkrise.

Wachstumstreiber: BRIC

Während die Verkäufe in Europa stagnieren, legen die Zahlen in anderen Märkten zu: Gerade in den USA und den BRIC-Staaten spielt die Musik für die deutschen Autobauer. Hier könnten neue Verkaufsrekorde anstehen, da deutsche Marken sowohl in den USA als auch in China und Russland gut aufgestellt sind. Das CAR Center Automotive Research geht davon aus, dass die Verkäufe der deutschen Autobauer doppelt so stark wachsen könnten wie der Weltmarkt.

Quelle: CAR Universität Duisburg-Essen

Das vernetzte Auto kommt

Doch nicht nur die Autobauer, auch deren Zulieferer wie ElringKlinger, SHW und SAF-Holland können sich (noch) über positive Wachstumszahlen freuen. Außerdem zeichnet sich ein neuer Trend ab: die Fahrzeug-IT, bei der die Nachfrage stetig steigt. Maßgeblicher Grund hierfür ist die Erwartungshaltung des Kunden, der denselben Bedienkomfort im Auto wie bei seinem Smartphone oder Tablet erwartet. So lautet das Ergebnis einer Studie der Strategieberatung Oliver Wyman. Demnach soll bis 2016 die Zahl der vernetzten Autos auf 210 Mio. ansteigen.

Neben dem Bedienkomfort stehen dabei vor allem Themen wie Infotainment oder Sicherheit im Fokus der Lieferanten. Hier können sich ganz neue Geschäftsfelder eröffnen. Daher verwundert es eher weniger, dass auch Manager Car-IT zu den bestimmenden Themen der Branche zählen und es sogar auf einer Augenhöhe mit Leichtbau und Elektromobilität ansiedeln.

E-Mobilität: Glas halbleer?

Beim Thema E-Mobilität besteht nach wie vor enormer Nachholbedarf für Deutschland: Bis 2020 sollen es 1 Mio. Elektroautos sein – so das Ziel der Regierung. Recht ehrgeizig, besonders wenn man bedenkt, dass aktuell nur rund 4.000 elektrisch betriebene Automobile auf deutschen Straßen fahren. Bis 2014 wollen deutsche Autobauer zwar rund 15 E-Modelle für den Verkauf designen, jedoch ist deren Anschaffung weiterhin deutlich teurer als die eines „normalen“ Pkws. Daher geht auch die Nationale Plattform Elektromobilität in ihrem dritten Bericht davon aus, dass höchstens 600.000 E-Autos bis 2020 in Deutschland rollen werden – außer die Förderung werde erhöht. In Japan und den USA, die sich in diesem Bereich die Marktführerschaft teilen, wird der Kauf mit einer Förderung von 5.000 bis 9.500 EUR unterstützt.

1) Befragt wurden Automobilzulieferer, die Elektronikumfänge in ihrem Portfolio haben, z.B. keine reinen Karosseriezulieferer. Quelle: Oliver Wyman

Ein weiterer Vorteil, den die Japaner dem Bericht zufolge gegenüber Deutschland haben, ist, dass sie nicht nur über die Autos, sondern auch über die Batteriehersteller und die entsprechende Infrastruktur verfügen. Auch in diesem Punkt hinkt die hiesige Industrie hinterher. Hierzulande sollen die Marktvorbereitungen bis 2014 abgeschlossen sein, bis 2017 ist der Markthochlauf geplant und ab 2020 soll dann ein Massenmarkt für E-Autos vorhanden sein. Momentan ist dies noch schwer vorstellbar, wurden im ersten Halbjahr 2012 doch erst rund 1.500 E-Autos zugelassen, wovon 680 auf Privatleute entfielen. Die Elektromobilität befände sich in einer miserablen Lage, lautet das Urteil von Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer, dem Direktor des CAR der Universität Düsseldorf. Deutschland könne sogar zum Entwicklungsland für Elektromobilität anstatt zum Leitmarkt werden, äußerte sich Dudenhöffer in einem Interview.

Damit das nicht passiert, müssen sowohl Autobauer als auch -zulieferer umdenken und über Allianzen mit strategischen Partnern nachdenken. So könnten neue Geschäftsfelder erschlossen werden, um dann das Elektroauto auch alltagstauglich zu machen und sich auf dem noch jungen Markt der Elektromobilität gut zu positionieren. Bei Nutzfahrzeugen spielt der Elektroantrieb derzeit allenfalls in der Hybridvariante in Verbindung mit einem Verbrennungsmotor eine Rolle. Gerade für Lkws sind die Reichweiten zu gering und die Ladezeiten zu lang (siehe Gastbeitrag von VDA-Präsident Matthias Wissmann).

Quelle: R. L. Polk & Co. (Stand: April 2012)

E-Bikes schneller unterwegs

Während es bei den E-Autos eher langsam vorangeht, wächst der Markt für E-Bikes dafür umso mehr: Wurden 2007 noch circa 70.000 Stück verkauft, gingen 2011 bereits 310.000 über die Ladentische. Das entspricht 8% aller verkauften Räder. An diesem Wachstum wollen auch die Automobilkonzerne teilhaben. So hat Daimler in Kooperation mit dem börsennotierten Fahrradhersteller Mifa erst kürzlich sein SmartBike auf den Markt gebracht. Andere Autohersteller wie BMW, Audi, Porsche oder Ford bieten ebenfalls E-Bikes unter ihrem Markendach an, um in Sachen Elektromobilität schon mal Flagge zu zeigen.

Fazit

Nach dem Rekordjahr setzt nun eine (kurze?) Verschnaufpause ein. Diese sollte die Branche nutzten, um sich in den Bereichen mobile Kommunikation und alternative Antriebe richtig zu positionieren. Ansonsten könnte sie hinsichtlich dieser Zukunftssektoren von anderen Ländern abgedrängt werden.

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