Alex von Preysing, Head of Issuer Services, Deutsche Börse AG

Im Gegensatz zum ganzjährig hochaktiven Bondemissionsmarkt konnten Unternehmen an der Deutschen Börse im Jahr 2012 vor allem nur im letzten Quartal nennenswertes Eigenkapital im Wege eines IPO aufnehmen. Die beiden IPOs von Talanx und Telefónica Deutschland machen dabei mit einem Emissionsvolumen von 816 bzw. 1.449 Mio. EUR allein rund 95% des gesamten Emissionsvolumens in Höhe von 2.380 Mio. EUR des Jahres 2012 aus und katapultieren den deutschen Aktien-Emissionsmarkt bei den IPOs im europäischen Ranking zu guter Letzt noch ganz nach vorne. Die restlichen neun der insgesamt elf IPOs wurden von kleineren Unternehmen (SMEs) durchgeführt und verbuchten addiert ein Emissionsvolumen von 115 Mio. EUR, im Durchschnitt also nur 11,5 Mio. EUR.

Der Nachwuchs an der Börse – junge, wachstumsstarke Unternehmen, sei es VC-finanziert, mittelständisch oder familiengeführt – tut sich also trotz eines deutlich gestiegenen DAX nach wie vor schwer. Dies ist zum Teil der Unsicherheit an den Märkten im Zuge der immer noch die Märkte überschattenden Staatsschulden- sowie Bankenkrise und weltweiten Konjunkturabkühlung geschuldet. Investoren verhalten sich risikoavers und bevorzugen lieber Anlagen in bereits seit vielen Jahren börsennotierte Unternehmen. Die gute Nachricht dabei ist, dass es den an der Deutschen Börse notierten Unternehmen im Jahr 2012 wieder gelungen ist, einen erheblichen Kapitalzufluss in Höhe von rund 6,5 Mrd. EUR über Kapitalerhöhungen zu erzielen.

Kapitalmarktorientierung mittelständischer Unternehmen?

Zum anderen könnte die Zurückhaltung bei den IPOs aber auch Ausdruck einer immer noch mangelnden Aktienkultur in Deutschland sein. Risikokapital, investiert in wachstumsstarke und technologieorientierte Unternehmen in Deutschland, spielt schon seit Jahren keine große Rolle mehr als Lieferant von Börsenkandidaten. Mittelständische oder familiengeführte Unternehmen – obgleich die Kreditvergabe durch Banken als unmittelbare Krisenauswirkung schwieriger wird – sind durchaus in der Lage, Transparenzanforderungen des Kapitalmarktes zu erfüllen sowie gepaart mit dem geschäftlichen Erfolg in zunehmendem Maße kapitalmarktfähig, scheuen sich immer noch, den Aktienmarkt als Eigenkapitalquelle für Wachstum und Innovation oder zur Vorbereitung einer nachhaltigen Nachfolgeregelung in Anspruch zu nehmen. Diese Skepsis gegenüber der Börse zeigt auch die immer noch aktuelle gemeinsame Studie „Kapitalmarktorientierung und Finanzierung mittelständischer Unternehmen“ von Commerzbank, DAI und Deutscher Börse aus dem Jahr 2011.

Quelle: Deutsche Börse 11.12.2012

Chinesische Emittenten machen es vor

Bemerkenswert ist, dass sieben der diesjährigen zehn SME-IPOs nicht aus Deutschland, sondern aus China stammen. Erschwerend wirkt gegenwärtig, dass eine Konzentration und Konsolidierung auf Seiten der institutionellen Investoren in Deutschland dazu führt, dass weniger institutionelle Investoren verfügbar sind, die in kleiner kapitalisierte Unternehmen investieren. Eigentlich gäbe es in Deutschland genügend Kapital, jedoch verhindern Risikomanagement- und Liquiditätsregeln höhere und mit anderen entwickelten Volkswirtschaften vergleichbare Aktienquoten bei Pensionskassen und Versicherungen. Fehlt die Nachfrage durch Investoren, wird die nötige Infrastruktur an spezialisierten Investmentbanken und Analysten immer weniger bezahlbar. Die große Herausforderung besteht daher darin, neue Investoren zu erschließen, z.B. SME-Investoren in Europa und ggf. sogar in den USA, Middle- und Far-East oder die aktiver werdenden Familiy Offices in Deutschland.

Quelle: Deutsche Börse 11.12.2012

Fast 800 Mio. EUR über den Entry Standard für Bonds aufgenommen

Dass der börsliche Kapitalmarkt als Alternative zur immer schwieriger werdenden Bankenfinanzierung für die Refinanzierung von jungen, wachstumsstarken oder mittelständischen Unternehmen im Jahr 2012 eine wichtige Rolle gespielt hat, zeigt der Markt für börsennotierte Unternehmensanleihen. Allein im Entry Standard für Unternehmensanleihen der Deutschen Börse haben im Jahr 2012 kleinere und mittlere Unternehmen 19 Anleihen begeben und dabei 767 Mio. EUR an Fremdkapital eingesammelt. Eine im Vergleich zu den IPOs bemerkenswerte Zahl.

Quelle: Deutsche Börse 11.12.2012

Seit Oktober auch Prime Standard für Bonds

Die Vorteile liegen auf der Hand: Es kann grundsätzlich mehr Kapital aufgenommen werden als bei einem Bankkredit, die Laufzeit der Anleihe ist begrenzt, was bedeutet, dass ein Rückzug vom Kapitalmarkt nach der Fälligkeit möglich ist, wobei während der Laufzeit keine Mitbestimmungsrechte abgegeben werden müssen. Außerdem kann recht flexibel über den Emissionserlös verfügt werden. Ein wichtiger Beitrag für den Erfolg ist außerdem der Retail Subscription Service der Deutschen Börse mit dem Ziel, Emissionsbank und Unternehmen zur Gewinnung einer breiten Investorenbasis bei der Platzierung der Emission in Richtung privater und institutioneller Anleger durch Information und technischen Zugang zu Investoren in aller Welt zu unterstützen. Nicht zuletzt sorgt die Zusatzliquidität der transparenten Handelsplattform Xetra im Handel für Vorteile bei einer späteren Refinanzierung. Mit dem Start des Segments Prime Standard für Unternehmensanleihen an der Deutschen Börse im Oktober 2012 sind diese Vorteile nun auch für große Unternehmen und Anleihen verfügbar gemacht worden. Bis dato sind drei Anleihen im Prime Standard gelistet (inklusive einem Transfer), dabei konnten 675 Mio. EUR aufgenommen werden.