Dr. Martin Steinbach mit Redakteurin Maximiliane Worch

Weltweit hat sich das IPO-Klima eingetrübt. Gründe für diese Entwicklung sind die europäische Schuldenkrise und die damit verbundene Volatilität an den Kapitalmärkten. Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin erklärt Dr. Martin Steinbach, was noch im IPO-Jahr 2012 zu erwarten ist, welche Auswirkungen Facebook hat und wann sich das IPO-Fenster vielleicht wieder öffnen könnte.

GoingPublic: Herr Dr. Steinbach, ist Ihr Optimismus aus dem ersten Quartal im Hinblick auf den deutschen Primärmarkt verflogen? Was können wir vom IPO-Jahr 2012 noch erwarten?

Steinbach: Das Jahr ist, was Börsengänge angeht, noch nicht gelaufen. Nach Ostern ist die Volatilität angestiegen. Zugleich ist der DAX von über 7.000 auf unter 6.000 Punkte gefallen. Hinzu kamen Ereignisse wie die Wahl in Frankreich und die Situation in Griechenland, die natürlich allesamt nicht planbar sind.

GoingPublic: Aber was kann man Börsenaspiranten in einer solchen Situation raten?

Steinbach: Unsere Empfehlung ist: Prepare early, get ready and move fast! Man muss auf alle Eventualitäten vorbereitet sein, und das bedeutet, dass Unternehmen heute verschiedene Optionen prüfen. Ist der Finanzierungsdruck nicht hoch, kann der Emittent ein IPO noch verschieben bzw. auf ein besseres zeitliches Fenster warten. Gibt es allerdings einen zeitlich konkreten Finanzierungsbedarf, muss auch ein Plan B vorhanden sein.

GoingPublic: Die Börsen in Asien dominieren zusammen mit den USA nach wie vor den globalen Primärmarkt. Wird das so bleiben?

Steinbach: Asien profitiert von drei Effekten: hohes Wachstumspotenzial, eine hohe Anzahl bzw. Volumen von Privatisierungen und die zunehmende Reife ihrer Börsenplätze. Amerika hingegen profitiert nach wie vor vom „Tech-Appeal“. Hier zeigen besonders Technologieunternehmen Interesse an Wall Street als valide Option.

Weltweit erzielten fünf IPOs einen Emissionserlös von jeweils über 1 Mrd. USD, davon drei aus den Emerging Markets. Zudem kommen fünf der Top 10 IPOs und 10 der Top 20 IPOs (nach Kapitalerhöhung) aus den Emerging Markets. Quelle: Ernst & Young

GoingPublic: Facebook, das größte IPO bisher, floppte – welche Auswirkungen hat dies?

Steinbach: Dieser Börsengang hat auf jeden Fall gezeigt, dass der Kapitalmarkt aufnahmefähig für solch große Transaktionen ist. Investoren sind nach wie vor bereit, in attraktive Showcases zu investieren. Und ähnlich wie beim Mittelstandsanleihegeschäft haben es Markennamen hier bedeutend leichter. Es ist wichtig, eine Brücke zwischen den Interessen des Emittenten und Investors zu finden, was die Bewertung angeht. Gerade wenn die Nachfrage besonders hoch ist, wird dies schwieriger.

GoingPublic: Und sind die Investoren – trotz des Facebook-Debakels – auch wirklich weiterhin bereit, große Summen in Börsenneulinge zu investieren?

Steinbach: Unterteilt man die Welt in die drei Zonen Americas, EMEIA und Asia Pacific, dann ist bei den Asiaten das vorrangige Thema, wie nachhaltig das hohe Wachstum sein wird, während in Europa wieder das Vertrauen sowohl der Investoren, als auch der Unternehmen in den Kapitalmarkt gestärkt werden muss. In Amerika hingegen sind es neue Impulse aus der Deregulierung mit einer Vielzahl von Erleichterungen im JOBS-Act. Unternehmen sind sicherlich gut beraten, bei der Finanzierung ihre Quellen gut zu diversifizieren. Und der Kapitalmarkt nimmt eine immer wichtigere Rolle dabei ein, wenn man, bedingt durch Basel III, eine selektivere Kreditvergabepolitik auf Bankenseite erwartet. Daher gehen wir nach wie vor davon aus, dass die IPO-Pipeline derzeit in der Warteschleife gut gefüllt bleibt.

GoingPublic: Evonik hat den Börsengang aufgrund des volatilen Kapitalmarktumfelds jedoch wieder einmal abgesagt. Wird es auf absehbare Zeit überhaupt ein IPO mit Eisbrecher-Qualität geben?

Steinbach: Deutschland zieht international Aufmerksamkeit auf sich, wie man an den jüngsten China-IPOs sieht. So viele potenzielle große Eisbrecher mit DAX-Potenzial gibt es hierzulande nicht und man ist hier auch nicht abhängig davon. Gerade die breite mittelständische Unternehmensstruktur zeichnet Deutschland im Vergleich zu anderen Primärmärkten aus: eine gute Mischung aus großen und mittleren IPO-Kandidaten aus ganz verschiedenen Sektoren.

Data for 2012YTD is up to 21st June. Data includes only operating companies. Quellen: Dealogic, Thomson Financial, Ernst & Young

GoingPublic: Ihrer Erwartung zufolge war das IPO-Fenster im Frühling durchaus geöffnet – warum wurde das nicht genutzt?

Steinbach: Man hat nach Ostern mit einer größeren Anzahl von IPOs gerechnet. Dann kam alles, wie wir wissen, unverhofft ganz anders. Die IPO-Saison ist in diesem Jahr sicherlich noch nicht vorbei. Blickt man auf den derzeitigen zehnprozentigen Anstieg im DAX, läuft es aktuell wieder recht gut. Und auch der VDAX ist gesunken und liegt auf besserem Niveau. Dies beweist, wie schnell sich diese zeitlichen Fenster heutzutage öffnen und schließen. Es verdeutlicht auch die Notwendigkeit der guten internen Vorbereitung, um schnell in der Lage zu sein, kurzfristig zu reagieren.