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Kaum eine Industrie hat nicht gelitten unter dem Corona-Schock, doch es gibt einige Branchen, die vergleichsweise gut durch die Krise kommen und kurz- und mittelfristig sogar profitieren werden. Dazu gehören naturgemäß Pharma- und Biotech-Unternehmen, die Lösungen zu Diagnose und Bekämpfung von Covid-19 bieten, aber auch eine ganze Reihe von Cloud-basierten Software-Unternehmen. Von Falk Müller-Veerse.

Klare Profiteure der Corona-Pandemie sind Anbieter von medizinischer Software: Dazu zählen zum Beispiel Lösungen für die Verwaltung klinischer Studien und die digitale Transformation von Gesundheitsdienstleistern. Die solide Aktienkursentwicklung dieser Anbieter basiert auf der Überzeugung der Investoren, dass Covid-19 die Digitalisierung der Branche vorantreiben und damit nicht zuletzt auch die Einführung neuer Medikamente beschleunigen wird.

Das Gleiche gilt für Anbieter von WFH-Software (Work from Home), also Lösungen und Plattformen für den Fernzugriff auf die Unternehmens-IT: Dass urplötzlich die Arbeit vom Home Office zum Normalzustand wurde, hat zu einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach entsprechenden Lösungen geführt: Fernsteuerung und -wartung, digitaler Arbeitsplatz, Dateifreigaben und kollaborative Plattformen sowie Endpunktsicherheit sind nur einige Stichworte.

Mit den entsprechenden Geschäftsmodellen sind sogar in Corona-Zeiten erfolgreiche Börsengänge möglich: So ging Mitte Mai der norwegische Videokonferenz-Anbieter und Zoom-Konkurrent Pexip an die Mehrländerbörse Euronext – nach einer großenteils virtuellen Roadshow war die Aktie 20-fach überzeichnet.

Homeoffice als Treiber

Insgesamt haben die Aktienkurse der Software-Anbieter für das Gesundheitswesen und für Work from Home seit Jahresanfang um rund 28% bzw. 45% zugelegt und sich damit signifikant besser entwickelt als die globale Software-Industrie, welche mit 13% nur gut um die Hälfte bzw. ein Drittel so schnell wachsen konnte.

CoronaMittelfristige Profiteure

Absehbar werden aber auch Software-Anbieter zu den Gewinnern zählen, die Lösungen in den Bereichen digitale Fertigung, Banken und Versicherungen sowie Cybersicherheit bieten. Covid-19 veranlasst ganze Industrien dazu, die digitale Transformation ihrer Kernaktivitäten zu beschleunigen oder spätestens jetzt einzuleiten. Neben dem Gesundheitswesen ist vor allem die verarbeitende Industrie betroffen, daher sollten von der nächsten Digitalisierungswelle vor allem folgende Software-Anbieter profitieren:

• Digitale Fertigung: Lösungen zur Digitalisierung von Produktionsprozessen. Dazu gehören das Product Lifecycle Management (Erfassung von Produkt- und Fabrikdesign, Simulation und Fertigung), die digitale Lieferkette (Kopplung von ERP-Systemen mit Supply Chain Management, Customer Experience Management und Human Resources Management). Wie in auch in anderen Bereichen geht es hierbei immer auch um das Management von großen Daten, sind IoT (Internet of Things) und Lösungen auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) gefragt.
• Digitales Bank- und Versicherungswesen: Lösungen zur Modernisierung und Digitalisierung der Front- und Back-Office-Tätigkeiten im Bank- und Versicherungswesen. Sie sollen es Banken und Versicherungen auch ermöglichen, ein offenes Ökosystem beispielsweise mit Fintech- und Insurtech-Unternehmen aufzubauen und smartere Lösungen für den Endkunden anzubieten.
• Cybersicherheit: Dank der positiven Erfahrungen und zunehmenden Akzeptanz von Home-Office-Konzepten besteht großes Marktpotenzial für Cloud-basierte Cybersicherheitslösungen mit einem besonderen Schwerpunkt auf den intelligenten Endpunktschutz, sprich der KI-basierten Überwachung von Mitarbeiter-Endgeräten wie Laptop und Handy innerhalb von Computernetzwerken.

Gemischtes Bild in der Life Sciences Branche

Zu den aktuell größten Gewinnern der Krise zählen natürlich Unternehmen, die diagnostische Tests für Covid-19 herstellen. So hat zum Beispiel der Pharmakonzern Roche frühzeitig reagiert und die Produktion von Reagenzien für öffentliche und private Einrichtungen deutlich ausgeweitet.

Zudem führen derzeit eine Reihe von Pharma-Firmen Versuche durch, um zu bewerten, inwiefern ihre bereits vermarkteten Medikamente (beispielsweise gegen den Ebola-Virus) auch zur Verbesserung der Genesungschancen von Covid-19 Patienten beitragen können. Viele Medikamente stellt die Industrie derzeit kostenlos zur Verfügung gestellt, einige könnten aber auch durchaus Einnahmen generieren.

Nicht zu vergessen sind die privaten und börsennotierten Unternehmen, die mit Hochdruck an Impfstoffen gegen den Virus arbeiten. Längst ist in der Pharmabranche ein Rennen um einen Corona-Impfstoff entbrannt – weltweit gibt es laut dem Verband forschender Pharma-Unternehmen bereits mehr als 120 Impfstoffprojekte. Selbst wenn die potenziellen Gewinne noch in weiter Ferne liegen, ist der Bekanntheitseffekt für diese Firmen enorm. Beispiel BioNtech: Das Mainzer Unternehmen, das erst Ende 2019 u.a. mit Unterstützung von Bryan, Garnier & Co. an der Nasdaq debütierte, gehört zu den heiß gehandelten Biotech-Werten an der Börse. Denn es führt aktuell die erste klinische Studie in Deutschland an gesunden Patienten durch, ab Ende Juni könnten Daten vorliegen.
Allerdings hat die Krise auch negative Auswirkungen auf die Branche: So erklärten eine ganze Reihe von Unternehmen wie etwa Galapagos und Eli Lilly, dass sie die Rekrutierung von Patienten stoppen und keine neuen medizinischen Studien mehr beginnen würden. Zudem ist mit einer erhöhten Rate von Patientenabbrüchen zu rechnen, was verstärkte Anstrengungen zur Rekrutierung erforderlich machen dürfte. Unsere Analysten rechnen damit, dass sich in vielen Fällen die entsprechenden Prozesse um einige Monate verzögern werden.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass im Zuge der Corona-Krise einige Biotech-Unternehmen an den Finanzmärkten Rückschläge erlitten haben, wenn auch mit erheblichen Unterschieden innerhalb des Sektors. Wobei indes nicht vergessen werden sollte, dass einige dieser Unternehmen auch schon vor dem Ausbruch von Covid-19 Probleme hatten. Nach den teilweisen massiven Kurseinbrüchen sind diese nun erst Recht ins Visier für Übernahmen geraten.

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Über den Autor

Falk Müller-Veerse

Falk Müller-Veerse ist Partner bei Bryan, Garnier & Co.