Bildnachweis: cylib.

Wie kann es Deutschland schaffen, unabhängiger vom Ausland zu werden, wenn es um die Versorgung der Industrie mit kritischen Rohstoffen geht – etwa für die Produktion von Elektroauto-Batterien?  Eine Lösung liegt im verstärkten Recycling von „End-of-Life“-Batterien. Genau hierfür macht sich das Aachener Unternehmen cylib stark. Das Scale-up setzt gerade seine Technologie, die Batterierohstoffe wie Lithium, Graphit, Nickel, Kobalt und Mangan effizient zurückgewinnt, in industriellem Maßstab um. Doch für diesen wichtigen Schritt braucht es vor allem eines: Kapital. Und wer stellt es zur Verfügung? Von Kai Sören Deinert

Mit der klaren Mission, eine Kreislaufwirtschaft im europäischen Batteriesektor zu etablieren, tritt das 2022 als Start-up gegründete Unternehmen cylib an. Es hat ein innovatives Verfahren für das Recycling von Lithium-Ionen-Batterien, etwa aus Elektroautos, entwickelt, das auf einem wasserbasierten Prozess basiert und ganzheitlich angelegt ist – von der Entladung der Batterien über ihre Demontage bis hin zur Rückgewinnung marktfähiger Rohstoffe.

Das Verfahren hat sich bereits in der Pilotanlage des Unternehmens in Aachen bewährt und soll nun auch im industriellen Maßstab eingesetzt werden. Dafür baut cylib im CHEMPARK Dormagen eine große Industrieanlage. In der finalen Ausbaustufe wird die Anlage, deren Betriebsbeginn laut einer Presseinformation des Unternehmens für 2027 geplant ist, jährlich bis zu 140.000 Elektrofahrzeugbatterien verarbeiten.

Entwickelt wurde das Verfahren in langjähriger Forschung an der RWTH Aachen. Mehreren Jahren der Forschung folgte 2022 die Unternehmensgründung und knapp ein Jahr später die Inbetriebnahme einer Pilotanlage im Technopark Aachen. Die Pilotlinie dient dazu, um Prozesse zu qualifizieren und langfristige Kundenbeziehungen zu entwickeln – beispielsweise zu Automobil- und Batterieherstellern. Bereits 2024 ging das Unternehmen dann den nächsten Wachstumsschritt und startete die industrielle Skalierung seines Recyclingprozesses.

Das cylib-Team (v.l.n.r.): Paul Sabarny (v.l.), Dr.-Ing. Lilian Schwich und Dr.-Ing. Gideon Schwich haben 2022 gemeinsam Cylib gegründet. Copyright Foto: NRW.BANK/Lokomotiv

Geopolitische Unabhängigkeit stärken

Das wirtschaftliche Potenzial ist groß. Schon heute fährt jedes vierte weltweit verkaufte Auto elektrisch.[1] Mit dem Wachstum der Elektromobilität steigt auch die Nachfrage nach Batterierohstoffen wie Lithium, Graphit, Kobalt, Nickel und Mangan.[2] Die Gesamtnachfrage nach Lithium beispielsweise wird sich, je nach Szenario, um den Faktor vier bis acht bis zum Jahr 2030 erhöhen, wie aus einer Bewertung der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) aus dem Jahr 2023 hervorgeht. Der Großteil dieser Materialien muss derzeit importiert werden – das ist ein Problem.[3] Das Recycling bietet Europa die Chance, diese geopolitische Abhängigkeit zu verringern. cylib zeigt beispielhaft, wie junge Unternehmen die Kreislaufwirtschaft aktiv gestalten und dazu beitragen, das ökonomische Potenzial moderner Recyclingtechnologien auszuschöpfen. Damit der Sprung einer Innovation aus der Pilotanlage in die industrielle Realität gelingt, braucht es jedoch zunächst eines: große Mengen an Wagniskapital.

Neue Wege in der Finanzierung gehen

Doch Wagniskapitalrunden mit höheren zwei- oder gar dreistelligen Millionenbeträgen sind in Deutschland nach wie vor die Ausnahme. Hierzulande dauert es oft länger, bis sich genügend Kapitalgeber für größere Tickets finden – oder ausländische Investoren springen ein. Das zeigt: Nicht nur die Ideen von Start-ups müssen innovativ sein, auch in der Finanzierung sind neue Wege gefragt. Nur so lässt sich die Finanzierungslücke in der Wachstumsphase schließen. Dabei hilft umso mehr, wenn private Investoren und öffentliche Kapitalgeber als Co-Investoren zusammenarbeiten und ihre jeweiligen Stärken bündeln.

Gebäude der NRW.BANK in Düsseldorf.
Gebäude der NRW.BANK in Düsseldorf.

Hier kommen Förderbanken wie die NRW.BANK ins Spiel. Sie reagiert mit ihrem eigenen Venture-Capital-Fonds NRW.Venture auf das knappe Finanzierungsangebot für junge, innovative und technologieorientierte Unternehmen. Über mehrere Finanzierungsrunden kann sie bis zu 15 Mio. EUR in ein Start-up investieren und so im Schulterschluss mit privaten Kapitalgebern auch größere Finanzierungsrunden mitgestalten. Doch bevor die NRW.BANK investiert, prüfen ihre Beteiligungsmanager genau, ob die Voraussetzungen stimmen. Grundvoraussetzung für jedes Engagement der Förderbank für Nordrhein-Westfalen ist ein klarer Bezug zum Bundesland – etwa durch den Unternehmenssitz oder den Investitionsort. Darüber hinaus achten die Beteiligungsmanager auf drei zentrale Punkte: Zunächst steht die Technologie im Fokus – insbesondere ihr Patentschutz und der zeitliche Vorsprung gegenüber Wettbewerbern. Ein Vorteil ist dabei, dass das NRW.Venture-Team selbst häufig über Technologie- und Gründungserfahrung verfügt. Ebenso wichtig ist die Kommerzialisierung.

Wird bereits ein stabiler Umsatz generiert, gilt das als bester Beweis für einen erfolgreichen Product-Market-Fit. Gerade Unternehmen in frühen Phasen können diesen Nachweis jedoch oft noch nicht erbringen. Dann zählen überzeugende Perspektiven für das zukünftige Wachstum, die durch einen realistischen Businessplan plausibel belegt werden. Ganz entscheidend ist schließlich das Gründungsteam. Ein Team mit vielfältigen Kompetenzen ist ideal – denn für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung braucht es den Visionär ebenso wie die Technikerin oder den Betriebswirt.

Im Fall von cylib haben all diese Punkte gepasst. Das Gründungsteam konnte die Beteiligungsmanager der NRW.BANK mit seiner Technologie und seinem Geschäftsmodell überzeugen. Im Mai vergangenen Jahres beteiligte sich NRW.Venture dann gemeinsam mit namhaften Investoren wie Porsche Ventures und Bosch Ventures an dem Unternehmen, das insgesamt 55 Mio. EUR für seine Skalierung einsammeln konnte. Nach Angaben von cylib war das die bis dato größte Investitionsrunde eines europäischen Batterierecycling-Unternehmens.[4] Dass sich die Zusammenarbeit von privaten Investoren und öffentlichen Kapitalgebern als Co-Investoren immer häufiger bewährt, stärkt die Attraktivität des gesamten Start-up-Ökosystems.

Dynamisches Start-up-Ökosystem in NRW

In Nordrhein-Westfalen zeigt sich diese Dynamik auch in den Zahlen: Laut NRW Startup Report 2025[5] ist die Zahl der Neugründungen im vergangenen Jahr um 26 Prozent gestiegen – insgesamt wurden 674 neue Start-ups gegründet. Nur in Berlin waren es mit 728 Gründungen mehr.

Klar ist: Nordrhein-Westfalen und Deutschland insgesamt brauchen mehr innovative Ideen durch Start-ups. Denn Innovationen sind entscheidend für Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit – und damit Grundlage einer erfolgreichen wirtschaftlichen Transformation. Förderbanken wie die NRW.BANK setzen hier wichtige Impulse, indem sie dazu beiträgt, dass keine gute Idee in Nordrhein-Westfalen an der Finanzierung scheitert. Zum ersten Halbjahr 2025 hat die NRW.BANK deutlich mehr Risikokapital in Start-ups investiert als im Vorjahr. In den Frühphasenprogrammen und dem Venture-Capital-Fonds NRW.Venture stieg das Neuzusagevolumen um mehr als die Hälfte auf zusammen 19,2 Millionen Euro (Vj. 11,3 Mio. EUR).  Ihr Engagement in der Gründungsförderung geht aber weit über Venture Capital hinaus und umfasst unter anderem auch zinsgünstige Förderdarlehen und Beratungsangebote. So wissen die Förderexperten genau, welche Fördermittel und Zuschüsse für das jeweilige Unternehmen in Frage kommen und können so passgenaue Lösungen an die Hand geben. Das erleichtert den Start und bildet ein solides Fundament für alle zukünftigen Entwicklungsschritte.

Zur Gründungsförderung der NRW.BANK gehört außerdem die Unterstützung von Wettbewerben für junge Unternehmen. Gemeinsam mit dem NRW-Wirtschaftsministerium richtet sie zum Beispiel jährlich den mit insgesamt 60.000 EUR dotierten MUT – DER GRÜNDUNGSPREIS NRW aus. Hinzu kommen Netzwerkevents für die Start-up-Szene wie die jährlich stattfindende Private Equity-Konferenz NRW. Zuletzt diskutierten hier hunderte Unternehmer, Gründer und Investoren sowie Vertreterinnen und Vertreter der Politik über das Thema „Wachstum braucht Wagniskapital“ – und kamen miteinander ins Gespräch. So erleichtern Förderbanken jungen Unternehmen den Zugang zu Netzwerken, strategischen Partnern und Vertriebskanälen. In Summe entsteht ein Umfeld, in dem aus Start-ups die Industrien der Zukunft werden – und aus Innovationen reale Lösungen, die den Wandel hin zu einer nachhaltigen und resilienten Wirtschaft vorantreiben.

Bei der vergangenen Private-Equity-Konferenz NRW im Mai 2025 war der COO von cylib, Dr. Gideon Schwich ein Keynote-Speaker und sprach dabei unter anderem darüber, wie aus einer Uni-Ausgründung ein industrieller Gamechanger im Batterierecycling wird, vor welchen Herausforderungen cylib aktuell steht und wie passende Finanzierungsinstrumente ein Hebel sein können und wie starke Netzwerke und strategische Partnerschaften Wachstum ermöglichen. Zuletzt bestätigte cylib in einer Presseinformation eine 26,1 Millionen Euro-Förderung für seine Batterierecycling-Anlage. Dabei handelt es sich um Fördermittel der Europäischen Union aus dem EFRE/JTF-Programm NRW. Die Förderung im Rahmen des Programms „Produktives.NRW“, folgt auf eine erste Zusage vom November 2024 und wird gezielt die erste Ausbaustufe der Industrieanlage finanzieren. Die Anlage wird Schwarzmasse (ein Zwischenprodukt aus geschredderten Batteriematerialien) verarbeiten, um kritische Rohstoffe wie Lithium, Graphit, Kobalt, Nickel und Mangan aus Lithium-Ionen-Batterien zu gewinnen und damit Europas geopolitische Unabhängigkeit bei diesen strategischen Materialien zu stärken.

Quellen:

[1] Internationale Energieagentur (IEA), More than 1 in 4 cars sold worldwide this year is set to be electric as EV sales continue to grow – News – IEA
[2] Bei Lithium etwa dominieren Australien, Chile und China den Weltmarkt, auf die laut GTAI 90 Prozent des Angebots entfallen. Quelle: Der große Lithiumrausch | Markets International 6/24 I Europa I Rohstoffe
[3] rohstoffinformationen-54.pdf;jsessionid=63AEF5D195FA4A925B74BFC47FC4A81F.internet001
[4] Presseinformation von cylib, https://www.cylib.de/de/post/next-gen-lithium-ion-battery-recycling-technology-company-cylib-raises-eu55-million-series-a-to-scale-industrially
[5] Presseinformation von cylib, https://www.cylib.de/de/post/next-gen-lithium-ion-battery-recycling-technology-company-cylib-raises-eu55-million-series-a-to-scale-industrially

 

 

Autor/Autorin

Kai Sören Deinert
Redakteur at  | Website

Kai Sören Deinert arbeitet als Redakteur in der Unternehmenskommunikation der NRW.BANK (Referat Externe Kommunikation) in Düsseldorf. Die NRW.BANK ist die Förderbank für Nordrhein-Westfalen; sie kommuniziert u. a. zu Finanzierung, Innovation und Mittelstand.