Bildnachweis: mbiomics GmbH, mbiomics.
Kann die gezielte Modulation des Darmmikrobioms das Ansprechen auf moderne Immuntherapien verbessern? Das Münchner TechBio-Unternehmen mbiomics will diesen Ansatz bei Patienten mit fortgeschrittenem Melanom klinisch evaluieren – und hat dafür Ende April seine Serie-A-Runde auf insgesamt 30 Mio. EUR erweitern können. Über die Herausforderungen mikrobiombasierter Therapeutika sprachen wir mit CEO und Co-Founder Dr. Johannes B. Wöhrstein. Von Urs Moesenfechtel
mbiomics entwickelt sogenannte Live Biotherapeutic Products (LBPs), also orale Therapeutika auf Basis lebender Bakterienstämme. Grundlage des Entwicklungsansatzes sind klinische Erkenntnisse aus der Mikrobiomforschung und Onkologie, die auf einen Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom und Ansprechen auf Immuntherapien hindeuten. Parallel entwickelt das Unternehmen weitere mikrobiombasierte Therapeutika mit einer möglichen Anwendung in zusätzlichen Indikationen, darunter Autoimmun- und neurodegenerative Erkrankungen.
Ende April hat das Unternehmen nun den erfolgreichen dritten Abschluss ihrer Serie-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 12 Mio. EUR bekannt gegeben. Das Gesamtvolumen der Runde erhöhte sich damit auf 30 Mio. EUR. An der Finanzierung beteiligten sich mehrere Bestandsinvestoren, darunter MIG Fonds und Bayern Kapital. Das Kapital soll insbesondere in den Ausbau der IND-relevanten pharmakologischen Datensätze sowie in die beschleunigte Entwicklung und GMP-Herstellung fließen. Im Zentrum steht der Leitkandidat MBX-116, der als Kombinationstherapie mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren bei Patienten mit fortgeschrittenem Melanom klinisch evaluiert werden soll.
Plattform Life Sciences: Herr Dr. Wöhrstein, Mikrobiom-Therapien gelten ja seit Jahren als wissenschaftlich „vielversprechend“ – aber bisher ist es solchen Unternehmen nicht wirklich gelungen, daraus ein belastbares Produktmodell zu machen. Warum kann mbiomics dieses Problem besser lösen?

Dr. Johannes Wöhrstein: Genau hier liegt aus unserer Sicht der entscheidende Engpass. Für immer mehr Krankheiten gibt es Studien und Daten von Fecal Microbiota Transplants (FMTs), welche die Relevanz des Mikrobioms zeigen, sodass die wissenschaftliche Grundlage unstrittig ist. Die Herausforderung liegt im Engineering, in der Entwicklung einer Technologieplattform, die das wissenschaftliche Potenzial des Mikrobioms in Produkten ausnutzen kann. Das zentrale Problem ist hierbei die skalierbare und reproduzierbare Produktion eines Konsortiums an Bakterien, das die Wirkung und die Komplexität eines FMTs besitzt. Wir haben deshalb den kompletten Technologie-Stack aufgebaut: von der Entwicklung der AI/ML-Methoden zur Zusammenstellung eines krankheitsspezifischen Konsortiums über die Erstellung einer diversen Bibliothek an Bakterien und der Herstellung der Konsortien bis zur Analytik und dem Screening der Konsortien.
Die eigentliche Differenzierung im Feld entsteht zunehmend über Manufacturing. Die Konsortien, die wir entwickeln, bestehen aus etwa 100 Bakterienstämmen, MBX-116 sogar aus etwa 150. Durch die hohe Anzahl an Stämmen können sowohl ein breites funktionelles Profil als auch eine hohe Diversität sichergestellt werden – ähnlich den FMTs. Die Herstellung von derart komplexen Konsortien aus anaeroben Bakterienstämmen benötigt ein Zusammenspiel aus neuartigen Analytik- und Fermentationsmethoden. Damit wird klar, dass es sich im Kern um eine Engineering-Herausforderung handelt.
30 Mio. sind für eine frühe europäische TechBio-Runde kein kleiner Betrag. Was mussten Sie Investoren diesmal zeigen, das in früheren Finanzierungsphasen noch keine Rolle gespielt hat?
In den letzten drei Jahren haben wir sowohl die Technologieplattform als auch einen Leadkandidaten als Kombinationstherapie zu Immuncheckpoint-Inhibitoren entwickelt und dabei die Leistungsfähigkeit und das Entwicklungspotenzial gezeigt. Die aktuelle Finanzierungsrunde erlaubt es uns nun, beschleunigt in die Herstellung der Materialien für die klinische Erprobung 2027 zu gehen.
Viele Plattformunternehmen laufen Gefahr, zu viele Indikationen gleichzeitig zu verfolgen. Wie verhindern Sie, dass die Plattformlogik den klinischen Fokus verwässert?
Wir zeigen das Potenzial der Plattform anhand unseres ersten Leadkandidaten. Wir sind hochfokussiert auf diese Demonstration entlang des gesamten Entwicklungsprozesses: Vom Design und der Herstellung im Labormaßstab über die präklinische Erprobung bis hin zu klinischen Studien. Auf Basis dieser Daten können dann differenzierte Produkte in weiteren Indikationen entwickelt werden.
Wenn ein Unternehmen vom Plattformaufbau in Richtung Klinik geht, verändert sich meist auch die Erwartung der Investoren. Woran werden Sie in den nächsten 24 Monaten konkret gemessen?
Wir befinden uns jetzt mitten in der GMP-Herstellung unseres Leadkandidaten MBX-116. Ein wichtiger Meilenstein ist für uns die erfolgreiche klinische Phase 1b.
Sehr geehrter Herr Dr. Wöhrstein, herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Urs Moesenfechtel.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.





